Gesellschaft | 18.11.2011

Auf dem Dach der Welt

Text von Vivanne Dubach | Bilder von Vivanne Dubach
3. Platz Kategorie II
Den Himalaya vor Augen. Bisweilen kommt sich Vivanne Dubach wie in einem Kaffeekränzchen vor.
Bild: Vivanne Dubach

Für Helvetas reiste Vivanne Dubach im Herbst 2010 durch den Osten Bhutans, zu abgelegenen Dörfern hinter hohen Pässen. Doch so vielfältig die Erlebnisse auch waren, ein einzelner Moment nimmt eine ganz besondere Stellung ein. Wie der Mount Everest ragt er aus dem Bergenmeer des Himalayas heraus.

 

Und hier stehe ich nun. Die kalte Luft sticht in meine Lunge, das warme Blut pulsiert durch meine Ohren, macht mich lebendig und stark. Wie oft habe ich dieses Bild in Fernsehdokumentationen gesehen und mir, mit pochendem Herzen auf der Couch sitzend, gewünscht, es einmal selbst zu erleben? Ich kann es kaum glauben, doch hier stehe ich, mitten in Bhutans Wildnis, mitten auf dem Dach der Welt. Und vor mir breitet sich der Himalaya aus. Die Berge ragen stolz in den strahlend blauen Himmel. Sie scheinen kleiner als sie wirklich sind, verstecken ihre Grösse, warten still, als ob es an mir liege, ihnen eine Antwort zu geben. Die Stille summt in meinen Ohren. Bis auf die knirschenden Geräusche meiner eigenen Schuhe und den Atem in meinen Ohren höre ich nichts. Es ist als stünde ich in einem Vakuum. Wie klein ich erscheine! In dieser Landschaft bin ich bedeutungslos. Meilenweit erstreckt sich die Welt vor mir. Die Morgensonne scheint auf die schneeblauen Gipfel, perlweisse Wolken lassen mich die Höhe fühlen. Mein Blick haftet staunend an den Bergspitzen, deren weisses und blaues Muster hinter der dunklen Kette von Bergwäldern aufragt. So nah und doch so weit zu gehen!

Seit der Dämmerung sind wir unterwegs und bis zur Dämmerung werden wir wohl noch gehen müssen, bis wir das zweite der Dörfer erreichen, welches die Semi-Nomaden dieses Gebietes gebaut haben. Und auch wenn ich für den Moment allein hier stehe, wohl das einzige Mal allein vorausgegangen, folgen mir doch die Förster der beiden Dörfer, die es zu besuchen gilt. Es ist der Beruf, der mich hierhin geführt hat, mir unerwartet diesen Anblick schenkt. Für Helvetas befrage ich Gruppen in Ostbhutan, die eine Ressource selber managen. Ich will herausfinden, ob diese Organisationsform wirklich den Ärmsten in der Gemeinschaft zu Gute kommt, will wissen, wie die interne Dynamik der Gruppen ist und nach welchem Gerechtigkeitskonzept sie Gewinne und Kosten unter sich verteilen. So wandere ich also in die Dörfer, setze mich mit den Leuten in einen Kreis und plaudere, als ob ich nur für diese Kaffeekränzchen den weiten Weg gemacht hätte.

Manchmal ist es einfach, die Fragen zu beantworten. Manchmal jedoch gleicht es der Wanderung auf einem von Bhutans schmalen Bergpfaden und ich muss aufpassen, den leichten Tonfall, die offene Atmosphäre und die Redseligkeit der Leute zu bewahren, um sozial heiklere Fragen zum Einkommen und seiner Verteilung stellen zu können. Es fällt mir leichter die Leute einzuschätzen, wenn ich an die Landschaft denke, in der sie wohnen. Hier oben bei den Brokpas, den Semi- Nomanden, die eine der ethnischen Minderheiten des Landes bilden, prägen die Berge, die kalte, klare Luft, der Schnee und der weite Blick den Charakter. Brokpas sind im Vergleich zu den Tiefländern, wie sie den Rest der Bhutanesen nennen, der immerhin meist in Höhen von 2’000 bis 3’000 Metern lebt, Fremden gegenüber verschlossen. Brokpas sehen dich erst einmal an, schauen dir aus dunkelbraunen Augen entgegen. Schweigend. Dann bringen sie Tee und selbst gebrauten Schnaps und beginnen mit meinen Försterkollegen zu plaudern. Ich mische mich ein, bis das Eis geschmolzen ist und sie mit den Fragen auf mich einstürmen, die Tiefländer gleich zu Beginn stellen. Sie beeindrucken mich, diese Menschen. Sie beeindrucken mich wie das Gebirge, in dem sie leben. So viel freundliches, geselliges Leben verbirgt sich hier, auf den ersten Blick kaum sichtbar. Die bunten Gewänder leuchten vor den grauen Steinhäusern, in deren Innenhöfen sich manche flüchten, wenn sie mich entdecken. So war es zumindest im ersten Dorf. Wie es wohl im nächsten sein wird?

Der Weg führt mich direkt über die Berge, hinein in dieses Meer von weissen Spitzen. Wir sind kaum aufgebrochen, doch schon stehe ich mit dem Gefühl hier, die ganze Welt zu überblicken. Vor mir liegt ein 4’600 Meter hoher Pass. Nakchung La. Wie die Aussicht wohl von da oben sein wird? Die Neugierde wärmt mich. Ich hatte nicht damit gerechnet, diesen Anblick zu erleben. Hier zu sein, das ist ein beinahe zu intensives Gefühl. Ich freue mich auf alles, was noch kommt. Vielleicht sehen wir sogar den Yeti, hat mich einer meiner Försterkollegen gewarnt, denn dies hier ist sein Gebiet und es ist seine Jahreszeit. Alle wollen sie ihn sehen, den Yeti, und fürchten sich doch bei jedem Schritt, ihr Wunsch könnte Wirklichkeit werden. Ich jedoch sehe nur die weissen Gipfel vor mir, die dunklen Schatten und die verschneiten Weisstannenwälder, die sich meilenweit unter mir erstrecken. All dies lässt mein Herz schneller Schlagen. Prickelnde, glutheisse Freude durchströmt mich. Ich bin hier! Endlich hier, mitten im Himalaya.