Gesellschaft | 22.11.2011

Auch Kinder wollen ihre Privatsphäre

Text von Andreas Rüegg | Bilder von Andreas Rüegg
Wo fängt bei Kindern Privates an und wo hört es auf? Die Frage diskutierten Kinder aus dem Kinderhaus Holee mit dem Kinderbüro Basel zusammen anlässlich des Tages der Kinderrechte. Die Fünf- bis Zwölfjährigen sagten klar und deutlich, wie und wo sie im Alltag ihre Privatsphäre ausleben möchten, die ihnen rechtmässig auch zusteht.
Privat: Die Kinder erhalten eine Holzkiste, die niemand anders öffnen darf.
Bild: Andreas Rüegg

Mit der Privatsphäre befasst sich der diesjährige Tag der Kinderrechte am 20. November. Das Wort ist nicht ganz einfach kindergerecht zu erklären, auch nicht für die Kinderrechtsexpertin Frau Cantieni vom Kinderbüro Basel. Denn es geht um viel: Wie fest dürfen die sozialpädagogischen Betreuer im Heim, oder bei den meisten Kindern eben die Eltern zuhause, dem Kind beim eigenen Zimmer reinreden? Es geht um das Aushandeln von Essensregeln und den Menüplan. Was Kinder in ihrer Freizeit machen wollen und sollen, um eigenes Taschengeld, welche Kleider man anzieht. Auch die Frage kommt auf, wer ein Handy hat und wie frei das Internet benutzt werden darf. Es geht indirekt ebenso um die Frage, wie Erwachsene ihrer Aufsichtspflicht in einem vernünftigen Masse nachkommen können.

 

Allem voran kommt es aber darauf an, ob ein Kind von Geburt an als ganzer Mensch geachtet wird mit eigenen Menschenrechten, in die das Kind nicht erst „hineinwachsen muss“. Diesen pädagogischen Gedanken vertrat bereits 1914 Janusz Korczak, damaliger Leiter des jüdischen Waisenhauses in Warschau (Polen). Der Vordenker der Kinderrechte und der heutigen Sozialen Arbeit zeigte eine uneingeschränkte Achtung gegenüber den Kindern, für die er die Verantwortung innehatte. Konsequenterweise liess sich Korczak 1942 bei der Räumung des jüdischen Ghettos freiwillig mit seinen Kindern abtransportieren, obwohl er hätte fliehen können. Korczaks Anliegen fanden später aber Gehör: Seit rund zwanzig Jahren gibt es die UN-Kinderrechtskonventionen, ein Instrument der Vereinten Nationen, welches geschaffen wurde, um weltweit besser die Rechte des Kindes zu achten.

 

Gemeinsam ein Stück Privatsphäre erarbeiten

In diesem Sinne verfolgte der mehrtägige Workshop im Kinderhaus Holee in Basel das ehrgeizige Ziel, die Kinder einerseits zu sensibilisieren,  damit sie ihre Privatsphäre wahrnehmen können, und anderseits ihren Lebensraum im Kinderhaus Holee dafür bestmöglich einzurichten.

 

Die eigenen Gefühle lernten die Kinder zu Beginn des Workshops erst mal in einer Wetterkarte auszudrücken. Ein sechsjähriges Mädchen formulierte sehr persönlich und prägnant ihre momentane Wetterlage: „Mir geht es nicht so gut, weil ich lieber bei meiner Mutter wäre als im Heim. Da ich aber viele Freunde im Heim habe, habe ich auch eine kleine Sonne gemalt“. Auf ihrer Wetterkarte sind viele schwarze Regentropfen zu sehen, nebst dem Sonnenstrahl, der hindurch scheint.

 

Mit Polaroid-Kameras und detektivischem Spürsinn durchstreiften die Kinder später mit einem speziellen Auftrag die Räumlichkeiten ihres Heimes. Sie sollten Orte fotografieren, die sie für das Ausleben ihrer Privatsphäre geeignet finden, nebst solchen, die ihnen nicht gefallen. Die „guten Orte“ zeigten Bilder vom eigenen Bett mit den Plüschtieren oder einen kleinen Verkäuferlisladen, der, wie man von den stolzen Kindern erfährt, selbständig von ihnen geführt wird. Fotografiert wurden das eigene Velo und der Kinder-PC mit Internetanschluss. Auffallend ist, es sind Räume, die sie selbst aktiv mitgestalteten.

 

Auf ihrem Streifzug durch das Kinderhaus Holee haben die Kinder ebenfalls Orte gefunden und fotografiert, die sie nicht gut finden. Weniger kindergerecht, sind es zweckmässig eingerichtete Orte, die für Kinder klare Grenzen aufzeigen – wie das Föteli von einer Türe mit einem Schild das „Stopp“ sagt. Die Bilder mit Orten, die den Kindern nicht gefallen, zeigten aber auch kaputte Spielsachen, wo die „Privatsphäre“ in Form von jemandes Eigentum überhaupt nicht respektiert wurde. Abschliessend bekam jedes Kind eine Holzkiste geschenkt, die es als seine Schatztruhe gebrauchen kann, um darin seine persönliche Sachen aufzubewahren, die niemanden etwas angehen.

 

Wünsche, die Respekt verlangen

Erwachsene müssen besser zuhören, wenn junge Menschen ihre Bedürfnisse äussern, so können sie erst deren Wünsche nach Privatsphäre erkennen. Während der gemeinsamen Arbeit waren die Kinder stets motiviert und nutzten den Raum zur freien Meinungsäusserung ausgiebig. Es zeigte sich, wie sehr sie es schätzten, wenn ihre Meinung gehört wird, ob sie nun erst fünf oder schon zwölf Jahre alt waren. Ihre Betreuer vom Kinderhaus Holee und Frau Cantieni vom Kinderbüro beeindruckten sie denn mit tiefgründigen und klaren Wünschen und Vorstellungen, was ihr Recht auf Privatsphäre betrifft. Ihre Wünsche haben die Kinder übrigens auf Twitter gepostet. Hier ist eine Auswahl:

 

„Ich möchte auch einmal allein sein können und meine Ruhe haben, ohne dass mich jemand stört.“

„Ich wünsche mir, dass niemand ohne zu fragen meine Spielsachen nimmt und sie kaputt macht.“

„Wenn ich zu zweit mit jemandem spiele und noch jemand kommt der mitspielen will, muss sie/er zuerst fragen.“

„Ich möchte mitentscheiden, welche Ausflüge wir am Nachmittag machen.“

„Wenn ich stopp sage, dann soll man aufhören und nicht weitermachen.“

„An Wochenenden will ich am Morgen solange ausschlafen können ich will.“

„Es soll jeder anklopfen bevor er in mein Zimmer tritt, auch die Erwachsenen.“

 

Info


Das Kinderhaus Holee gehört zum Sozialwerk der Heilsarmee. Eng mit dem Basler Erziehungsdepartement  zusammenarbeitend, werden normal begabte Kinder beider Geschlechter im Alter von null bis zwölf Jahren auf drei unterschiedlichen Wohngruppen betreut. Das Heim bietet den Kindern Schutz, Geborgenheit und  fördert sie alters- und entwicklungsgerecht. Bedingt durch die Situation in ihrer Herkunftsfamilie, sind die Kinder auf eine Unterbringung im Heim angewiesen. Ziel ist es aber, eine spätere Rückkehr zu ihren Eltern zu ermöglichen.

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