Kultur | 18.10.2011

Zweimal 77 – Ein Vergleich

Text von Veronika Henschel | Bilder von Nina Scherrer
Vor einem halben Jahr wusste kaum jemand, dass 77 Bombay Street nicht nur ein Strassenname in Australien, sondern auch eine Schweizer Band ist. Nun, einen Sommer und viele Festivals später, füllen die vier Bündner Brüder grössere Hallen. Hat so viel plötzlicher Erfolg die vier Jungs von 77 Bombay Street verändert? Diesmal waren sie in der Kaserne in Basel zu Gast.
77 Bombay Street, zu Beginn noch in Uniform.
Bild: Nina Scherrer

Sogar eine Vorband können sich die Newcomer nun schon leisten. Der 20-jährige Bastian Baker aus Lausanne verzückte mit seiner Gitarre und Stimme das überwiegend weibliche Publikum. Er sprühte förmlich vor Charme, so war denn auch sein Merchandise-Stand gut besucht. Kurz vor elf kamen dann aber endlich die Männer, auf die wir alle gewartet hatten: Matt, Joe, Esra und Simri von 77 Bombay Street.

 

Nach ein paar Liedern zum Aufwärmen – oder um die Nervosität zu überwinden? – durfte das Publikum bei “I Love Lady Gaga” lauthals mitsingen. Was die meisten denn auch taten, läuft dieser Hit doch seit Wochen im Radio rauf und runter. Beim ständigen Spiel mit dem Publikum wurde es den Musikern bald zu heiss, die typischen bunten Uniform-Jacken der Jungs mussten dran glauben. Zum Glück gehört seit jeher ein Kleiderständer zum Bühneninventar, Ordnung muss sein. Die Jacken waren weg, der Einsatz wurde dafür verdoppelt: Matt überzeugte mit grandiosem Mundharmonikaspiel, Esra mit einem Schlagzeugsolo, dass eher einem Fitnessprogramm zu gleichen schien und Joe bewegte den ganzen Saal mit “Miss You Girl” zu einer romantischen Feuerzeugstimmung.

 

Mit der Ukulele fliegt Superman zu den Sternen

Wer bis dahin noch nicht von den Bündnern überzeugt war, wurde spätestens beim nächsten Lied mitgerissen: Zu “Number 2” hüpfte das ganze Publikum (von 16-Jährigen bis hin zu Grossmüttern war alles vertreten) im Takt mit. Dass die Band Humor hat, war offensichtlich. Auch Tourmanager Enrico war sich nicht zu schade, den Superman aus “Hero” zu spielen. Im Supermankostüm hetzte er über die Bühne und beeindruckte mit seinem (Kostüm-)Sixpack.

Dann folgten gleich mehrere musikalische Höhepunkte: Den Song “Oko Town” performten die vier mit Sternenhimmel, Ukulele und Shaker. Esra versuchte sich im Bassbeatboxen und blühte total in seinem Solo auf, was irgendwie an einen Mix aus Trompete, einer Opernsängerin und den Schlümpfen erinnerte.

Von diesem Hoch getragen wagte sich Esra, trotz Pfnüsel und drei Wochen Militär, an den Oldie “Somewhere Over The Rainbow”, wieder begleitet durch die Ukulele. Beim fliessenden Übergang in das Cover von “What A Wonderful World” wurden die Sternchen im Hintergrund sogar farbig und glitzerten uns in grün, gelb, rot und blau entgegen. Wie schön, wie herzergreifend.

 

Krisen überwinden

Manchmal würde es schon kriseln, hatte Matt im Interview eine Stunde vorher gesagt. Die Musik sei dabei meistens zweitrangig, es wären eher die zwischenmenschlichen Beziehungen, die viel Pflege bedürften. Zum Glück war von diesen Krisen auf der Bühne nichts zu spüren. Die vier stellten eine Einheit dar und man konnte deutlich sehen, dass sie seit dem Konzert im Mai in St. Gallen, wo ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, schon viele weitere Konzerte gemeistert hatten. Auch eine gewisse Routine, die im Mai noch nicht da gewesen war, konnte man feststellen. Durch ein paar neue Lieder und viele Zusatzeffekte war das Konzert durchwegs lebendiger und das Publikum viel stärker eingebunden.

 

Nach “Long Way” und “In The War” ging es in Richtung Rock ‘n’ Roll: Bei “I Love My Mobile Phone” durfte sich das Publikum messen: Welche Saalhälfte liebt sein “Mobile Phone” wohl lauter? Selbstverständlich gewann meine Hälfte, angeführt von Matt. Natürlich folgte nach “Up In The Sky” tosender Applaus, als Zugabe gab es ein Cover von J.Lo’s Superhit “On The Floor” mit Ukulele, Cajon und Publikumsgesang. Dann kam Joe noch mal richtig in sein Element und gab für die Ohrwurm-Basslinie von “Get away” alles. Es folgte wieder tosender Applaus, Zugabe-Rufe. Wer konnte, schrie, kreischte oder pfiff. Wer vom Mitsingen heiser war, klatschte sich die Hände wund. Schliesslich liessen sich die Bombay’s dazu erweichen, noch einmal auf die Bühne zu kommen, spielten sie doch in Basel, ihrer alten Heimat. Nach einem kurzen Zwischenschub “Mir sind geili Sieche, schalalalala” wurde Simri dann wieder ganz der Romantiker und verwandelte den Saal für die letzten Melodien von “Waiting For Tomorrow” in ein Lichtermeer.

 

Zusatzkonzerte zu Weihnachten

Da schon alle Shows der Herbsttournee ausverkauft sind, geben die Bombays im Dezember ein paar Extrakonzerte. Vorher gönnen sie sich aber einen Monat Ferien – jeder auf einem anderen Erdteil, irgendwo hört die Geschwisterliebe auf. Ins neue Jahr soll dann mit Studioaufnahmen für das zweite Album gestartet werden, ausserdem sind ein paar Auftritte im Ausland geplant. Wäre ihre Musik ein Getränk, wäre es für Matt Red Bull. “Red Bull verleiht Flügel. Wie unsere Musik, die lässt mich auch fliegen.” Esra fügt noch an: “Oder ein Cuba Libre. Cuba, das ist einfach “chillig” und Libre, das ist die Freiheit. Wir tun genau das, was wir wollen. Wir haben Spass.”