Gesellschaft | 04.10.2011

Wenn das Absurde zur Normalität wird – am Checkpoint in Bethlehem

Text von Barbara Kieser | Bilder von Barbara Kieser
Stell dir vor, du willst mit dem Auto von Thalwil nach Zürich zur Arbeit fahren und anstelle der üblichen 20 Minuten brauchst du zwei Stunden. Und das jeden Tag.
Stau: Nicht auf der Autobahn, sondern am Checkpoint.
Bild: Barbara Kieser

Davon abgesehen musst du dein Auto am Checkpoint, der dann vielleicht in Rüschlikon wäre, abstellen und auf einen öffentlichen Bus umsteigen. Nachdem du eineinhalb Stunden im Checkpoint gewartet hast, bis dich, sagen wir, deutsche Soldaten durch die drei Kontrollposten gelassen haben.

 

So ergeht es den Bewohnerinnen und Bewohnern von Bethlehem und den umliegenden Dörfern jeden Tag. Bethlehem liegt nur knapp zehn Kilometer von Ost-Jerusalem entfernt, wobei beides palästinensisches Gebiet ist. Israel annektierte den östlichen arabischen Teil der heiligen Stadt im Sechstagekrieg im Jahr 1967. Nach der zweiten Intifada im Jahr 2003 begann der Bau der Sperrmauer, welche die Westbank und damit auch Bethlehem von Israel abtrennt. Der Checkpoint 300, auch Checkpoint Gilo genannt, ist seit 2005 in Betrieb.

 

Drei Kontrollen bis zur Freiheit

Ein etwa 50-jähriger Mann rennt an uns vorbei, hinein in den Terminal, wo sich vor den Metalldetektoren bereits eine lange Warteschlange gebildet hat. „Exercise!“, ruft er uns lachend zu. Mit den Metalldetektoren hat der Mann den zweiten Kontrollposten von insgesamt dreien erreicht. Zuvor musste er sich zusammen mit Hunderten anderen Palästinensern durch einen engen Gitterkanal hinauf zu einer ersten Kontrolle drängen, wo ein blutjunger israelischer Soldat hinter schusssicherem Panzerglas, die Füsse auf dem Tisch, das Drehkreuz per Fernsteuerung öffnet und schliesst. Nach den Metalldetektoren steht die eigentliche Prüfung der Identitätspapiere und Bewilligungen inklusive Abgleich der Fingerabdrücke an.

 

Gute Laune trotz Schikanen

Wir sehen den sportlichen Palästinenser eine knappe halbe Stunde später durch das Drehkreuz zum Metalldetektor hin verschwinden. Wären alle Detektoren und alle ID-Kontrollboxen besetzt, wäre es wohl möglich, den gesamten Checkpoint in einer halben Stunde zu überqueren. Dies ist jedoch nie der Fall, und so dauert es während der Rushhour, zwischen 4 Uhr und 6 Uhr früh, bis zu zwei Stunden. Weil viele Arbeiter bei Unpünktlichkeit ihren Job riskieren, sitzen die Ersten bereits ab 2 Uhr vor dem Tor – täglich. Und doch scheinen die Männer gut gelaunt, sie scherzen und lachen. Unruhe kommt frühestens auf, wenn das Drehkreuz für mehr als eine halbe Stunde stillsteht. Man gewöhnt sich an alles.

 

Auch wir haben uns nach wenigen Besuchen am Checkpoint bereits an die Schikanen gewöhnt, und wenn zweitausend Arbeiter in drei Stunden durch die Drehkreuze und Metalldetektoren geschleust wurden, sprechen wir von einer guten Zeit. Wir vergessen dabei, dass die Situation in Bethlehem genau so absurd ist wie die Vorstellung, in Rüschlikon einem deutschen Soldaten unseren Schweizerpass zu zeigen, um von Thalwil nach Zürich zu gelangen.

 


 

Barbara Kieser wurde vom Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS-EPER) und Peace Watch Switzerland als Menschenrechtsbeobachterin nach Palästina und Israel gesandt, wo sie am ökumenischen Begleitprogramm (EAPPI) des Weltkirchenrates teilnimmt. Das Projekt EAPPI will im palästinensisch-israelischen Konflikt einen Beitrag leisten zur Stärkung friedlicher, gewaltfreier Ansätze in beiden Gesellschaften, zur Stärkung von Friedenskräften und zum Schutz der Zivilbevölkerung.

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