Politik | 11.10.2011

Weg mit den Parteien

Text von Fabian Frei | Bilder von Fabian Frei.
Parteien gehören abgeschafft: Sie sind undemokratisch, bevormunden und manipulieren. Und dennoch dürfen sie jegliche Briefkästen verstopfen, schliesslich sind sie "keine Werbung". Ohne sie wäre die Demokratie besser dran!
Am Bahnhof, im Briefkasten: An Parteienwerbung kommt man nicht vorbei.
Bild: Fabian Frei.

Ich war heute in Bern zu Gast. Verblüfft beobachtete ich eine Weile das Treiben im Bahnhof. In der Hauptstadt der Schweiz, in der politischen Hochburg unseres demokratischen Landes: Propaganda! Wohin man auch blickt, Plakate. Da gibt es nun diese neuen tollen Werbeflächen, auf denen gleich mehrere Kunden der Werbeindustrie bedient werden können. Verschiedene Plakate drehen ihre Runden. Eigentlich wäre dies doch so gedacht. Faktisch laufen nur „Masseneinwanderung stoppen“-Werbebanner über diese Bildschirme. Ich möchte hier nicht gegen diese Partei wettern. Ich möchte hier gegen alle Parteien wettern.

 

Hört auf!

Hört auf mit euren Flyern und Broschüren, die ich jeden Morgen aus meinem Briefkasten (wohlgemerkt: Bitte keine Werbung!) sammeln und entsorgen muss, weil sie rechtlich gesehen nicht als Werbung angesehen werden. Es ist ja Propaganda. Viel besser als Werbung. Hört auf mit euren uniformen Plakaten, die während diesen Wahlen das ganze Landschaftsbild verschandeln. Bei einem Vergleich fällt auf, dass bei all den unterschiedlichen Plakaten wahrscheinlich ein und derselbe Grafiker dahintersteckt, so sehr ähneln sich die Plakate. Und die repräsentativen Köpfe eurer Partei vermögen es auch nicht, zusätzliche Sympathiepunkte zu gewinnen. Eure Erscheinung sagt nichts über die Qualität der Politik aus. Stoppt diese ganze Propagandamaschinerie, die ihr hier seit einigen Jahren exzessiv betreibt zur Massenmanipulation der Bevölkerung und zur Zerstörung von Demokratie. Hört auf!

 

Propaganda

Seit den wenigen Jahren, die ich hier auf demokratischem Boden wandle, abzüglich der gut 17 Jahre, in denen man mich nicht für die Politik interessieren konnte, beobachte ich eine zunehmende Polarisierung auf einzelne Parteien. Man wählt: eine Partei. Man wählt eine Person einer Partei. Diese einen werden stark. Und immer stärker! Die Stärke finanziert die Propaganda, diese wiederum reproduziert die Stärke. Ausserdem sind die Parteien nicht verpflichtet ihre Finanzierung offenzulegen. Man weiss also nicht um die Summen, welche tatsächlich in die Propaganda fliessen, um die Massen zum eigenen Nutzen zu steuern. Es schwindet die autonome Meinungsbildung, indem die Individuen manipuliert und in der Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt werden. Kein Wunder, wenn nur einfache Slogans in Grossbuchstaben die Wände zieren, an denen man täglich ohne Schutz vorbeischreiten muss. Klar, man muss sie ja nicht beachten. Mach das mal, wenn dich erschossene Teddybären traurig anstarren und ein Typ in „Grand Theft Auto“-Manier mit einer Knarre auf dich zielt. Und selbst wenn man es schaffen könnte dieser ganzen Beeinflussung zu entgehen, indem man mit Scheuklappen und Hörschutz durch die Stadt wandelt, wird man, sofern man denn nicht bereits eingeliefert worden ist, wieder von den einfallslosen Blättchen im Briefkasten empfangen.

 

Sapere aude

Wie war dies noch bei Kant? „Sapere aude!“ Die Fähigkeit, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Mit der Aufklärung kam das autonome Subjekt zur Sprache, die Selbstverwirklichung und die freie Entscheidung des Menschen standen fortan als anzustrebende Werte im Diskurs. Heute ist es durch die ganze Fixierung auf die Parteien zugrunde gegangen. Dank Propaganda und Parteiideologie finden die Verwirrten zusammen, ohne sich tatsächlich mit der Thematik befassen zu müssen. Wie auch, wenn man nur jene Slogans präsentiert bekommt. Der aufgeklärte Mensch ist zur Marionette verkommen, welcher man lediglich noch die Fäden anbinden muss.

 

Ohne „von“ und „nicht von“

Politik ohne Propaganda. Eine Utopie? Eher ein Vorschlag für eine Politik von autonomen Individuen, von jeglicher Parteiabhängigkeit befreit. Nicht mehr Parteien sollen gewählt werden, sondern Individuen. Das Volk wählt seine Vertreter. Keine Regime. Nicht Politiker einer Partei sollen gewählt werden, sondern einfach nur Politiker. Ohne „von“ oder „nicht von“. Unabhängigkeit von jeglicher Bindung an Parteiideologien, Unabhängigkeit von jeglicher Beeinflussung als Voraussetzungen für die Bildung eigener Meinungen und Vorstellungen. Demokratie braucht die Diskussion und den Kompromiss. Keine umgesetzten Parteiideologien.

 

Und wir Normalbürger müssen uns auch nicht mehr mit irgendwelchen Parteiideologien beschäftigen, um uns in der politischen Welt zu orientieren. Schliesslich existieren einige nützliche Tools, derer man sich bedienen kann: Forumsdiskussionen, journalistische Berichte und seit neuestem Unterstützung durch die neuen Medien stehen dem demokratischen Subjekt zur eigenen Meinungsbildung zur Verfügung. Gewählt wird über eine unabhängige Plattform, welche die eigenen Vorstellungen mit jenen der politisch Engagierten abgleicht. Wozu also noch Propaganda? Das Volk wird nicht mehr durch die Parteien gemacht. Das Volk macht wieder die Demokratie.

 

Die möglichen Mängel an diesen Ideen sind mir bewusst und ich kenne die Grenzen meines politischen Wissens. Ich bin kein Politiker. Dies diene als Vorschlag, um einen neuen Diskurs hervorzurufen, einen Diskurs einer Politik ohne Parteien und ohne Propaganda. Kritik und Verbesserungen sind willkommen. Aber bitte, bitte keine Propaganda!