Gesellschaft | 17.10.2011

Weder “Maulwurf” noch “Simulantin”

Text von Elias Rüegsegger | Bilder von zvg
Sie liebt das Licht und hat immer weniger davon. Anja Reichenbach, 22, ist mit einer Augenkrankheit zur Welt gekommen. Irgendwann wird sie blind sein. Die Bernerin spricht über ihren Hund Nougat, den Kontakt mit Sehenden und warum sie eine ganz normale junge Frau ist.
Anja Reichenbach mit ihrem Blindenhund Nougat.
Bild: zvg

“Ich liebe helles Licht”, sagt Anja Reichenbach. Ihr Augenlicht jedoch nimmt immer mehr ab, sie sieht immer weniger, da sie mit der Augenkrankheit Retinitis pigmentosa (siehe unten) zur Welt kam. Ihr Gesichtsfeld ist auf fünf Prozent eingeschränkt und auf dem einen Auge sieht sie nur zehn Prozent. Damit sie trotzdem etwas vom Licht hat, installierte sie bei sich zu Hause ein helles Beleuchtungssystem, das sie einschaltet, wenn sie allein zu Hause ist, für normale Augen wäre dieses Licht zu grell.

Die Erbkrankheit der 22-Jährigen aus Zollikofen im Kanton Bern gehört zu ihr: “Ich war kein Spezialfall, sondern ein Kind wie jedes andere.” Ihre Familie und ihr Umfeld legten Wert darauf, dass Anja Reichenbach alles gleich machen konnte wie die anderen Kinder. Das sei nicht immer leicht gewesen. “Ich hatte oft Beulen, da ich mir überall den Kopf anstiess”, sagt sie mit einem Schmunzeln. Als Kind sah sie noch besser, mit jedem Tag nimmt ihr Sehvermögen jedoch weiter ab und der Tag wird kommen, an dem die junge Frau blind ist.

 

Aber davor habe sie keine Angst, sagt sie, sie bezeichnet es sogar als ihre Lebensaufgabe, damit umgehen zu können. Aber natürlich: “Manchmal hintersinne ich mich schon und frage mich, warum gerade ich dieses Leben habe.” Anja Reichenbachs treuster Begleiter ist neben ihrem Freund der Blindenhund, der sie seit mehr als fünf Jahren um viele Hindernisse lenkt. “Ich gebe dem Hund Kommandos auf Italienisch, er führt mich dann wohin ich will.” Neue Wege lernt das Team schnell auswendig und: “mit einem guten Wegbeschrieb und der Mithilfe von Passanten finde ich mich auch auf einem gänzlich unbekannten Weg zurecht”, so Reichenbach.

 

Andere Sinne werden wichtiger

Die Zollikoferin, die im November 2010 übrigens auch an der Miss-Handicap-Wahl teilnahm, fährt in ihrer Freizeit gerne mit dem Tandem – eine Spezialanfertigung – vorne der Pilot, hinten sie. Nicht einfach zu beantworten ist die Frage für Anja, inwiefern sich ihr Alltag von jenem einer sehenden Person unterscheidet, denn für sie ist es ja seit jeher normal. Im Gespräch werden dennoch Unterschiede deutlich. “Um eine SMS lesen zu können, muss ich das Handy nahe ans Gesicht halten. Am Computer arbeite ich mit einem Vergrösserungsprogramm, welches mir das Geschriebene vorliest, zudem ist mein Mauszeiger riesig und grün.” Parallel zur Erblindung von Anja Reichenbach verläuft der vermehrte Gebrauch der anderen Sinne. Sie verlasse sich etwa mehr auf ihr Gehör.

 

Den ersten Eindruck einer Person bildet sich Anja Reichenbach nicht aufgrund des Äusseren, sondern mehr durch Stimme, Gangart, Geruch, Gefühl und Wirkung der Person. “Einmal spürte ich, dass mit einer Person etwas nicht stimmte”, erzählt sie. “Mein Umfeld glaubte mir das zuerst nicht, da er seine wahre Seite mit dem Äusseren kaschieren konnte.” Später kam aus, dass Anja Reichenbach tatsächlich Recht gehabt hatte. Dank ihrem Hund kommt sie gut mit Unbekannten ins Gespräch. “Wenn ich neue Leute kennenlerne, sind sie oft unsicher im Umgang mit mir, sie wissen nicht, wie man mit einer Sehbehinderten umgeht. Ich versuche ihnen dann die Angst zu nehmen.”

 

“Viele Blinde sind verklemmt”

Anja Reichenbach mag die spontanen Gespräche. Leider bemerke sie häufig, dass sie im öffentlichen Raum beobachtet und vor allem von Jungen nicht angesprochen wird. “Wenn ich in Bern am Bahnhof stehe, ist es unangenehm, wenn man weiss, dass alle mit dem Finger auf einem zeigen”, sagt sie. Sie als Sehbehinderte werde oft in eine Schublade geschoben. Alle hätten ein Bild im Kopf, wie eine Blinde auszusehen hat. “Wenn sie dann merken, dass ich nicht herumtappe wie ein Maulwurf und nicht in ihr Bild passe, glauben sie, ich sei eine Simulantin.”

 

Den Kontakt mit anderen Sehbehindernden bezeichnet Anja Reichenbach als bereichernden Austausch. Ganz zu dieser Blindenwelt wollte sie aber als Kind nicht gehören. Im Gespräch nennt Anja Reichenbach die Gesellschaft der Sehbehinderten einen “Blindenkuchen”, der ihr nicht viel sage. “Viele Blinde sind verklemmt und auf ihre Rechte fixiert, ich finde es nicht gut, wenn junge Sehbehinderte wie 60-jährige durch die Welt gehen.” Sie glaubt, dass Sehbehinderte sich aktiv in die Gesellschaft integrieren müssen. “Ich will keine Sonderbehandlung”, sagt sie überzeugt. Nicht alle gehen so locker mit ihrem Leben um, Sehende und Sehbehinderte. Anja Reichenbach, die auch schon bei Kurt Aeschbacher im Fernsehen zu Besuch war, lässt sich nicht unterkriegen, sie sagt was sie denkt.

 

Retinitis pigmentosa


Von der Erbkrankheit Retinitis pigmentosa sind weltweit ungefähr drei Millionen Menschen betroffen. Die Erkrankung tritt meist bereits im Jugendalter auf. Der Krankheitsverlauf bis zur Erblindung zeiht sich über Jahrzehnte hinweg, was für die Betroffenen oft eine psychische Belastung darstellt. Bei Retinitis pigmentosa wird die Netzhaut oder auch Retina zurückgebildet, dies hat Nachtblindheit, Störung des Farb- und des Kontrastsehens und die Einschränkung des Gesichtsfeldes zur Folge. Anja Reichenbach beispielsweise sieht nur noch alles, was sich direkt vor ihr befindet, in der Nacht sieht sie ohne Licht nichts. Heutige medizinische Methoden können gegen die Erkrankung nichts ausrichten. Erforscht wird zurzeit, ob eine Art Prothese die Funktionen der Netzhaut ersetzen könnte.


Dieses Porträt wurde in leicht abgeänderter Version erstmals am 21. September 2011 im Jugendteil Pfeffer des Thuner Tagblatts veröffentlicht.