Kultur | 24.10.2011

Seelenverwandt träumen

Text von Yves Hofmeister
Sie stehen beide an der Schwelle zum Tod. Bevor die Türe zugeht, treffen sich die Hauptdarsteller von "Restless" jedoch. Ein Film mit Tiefgang trotz schwachem Moment.
Gemeinsam einsam. Restless geht unter die Haut. Obwohl die Geschichte komplexer sein könnte. In "Restless" bekommt das Wort "Romantik" ein neues Gesicht. Fotos: listal.com

Auch in Restless geht Gus Van Sant wieder seinem Lieblingsthema nach: Die unangepasste Jugend. Dieses Mal stehen in den Hauptrollen Henry Hopper (richtig, der Sohn des grossen Dennis Lee Hopper), der den traumatisierten, sensiblen Enoch und Mia Wasikowska, welche die lebensfrohe, eigenwillige Annabel spielt. Beide vom üblichen Pfad des Lebens ein wenig abgekommen, treffen sie sich bei einer Beerdigung.

 

Für Enoch ist der Abschied von wildfremden, toten Menschen so etwas wie ein Hobby geworden, seit seine Eltern durch einen Autounfall ums Leben kamen. Traumatisiert schleicht sich der Tod überall in sein Leben. Sein Verstand erschafft seinen besten Freund, den Geist eines verstorbenen Kamikaze Piloten. So gerät sein Weg zur Selbstfindung zunehmend ins Wanken. Annabel, welche das Leben nochmals in vollen Zügen geniesst, liebt die Natur und strahlt mehrheitlich mit der Sonne um die Wette. Aber auch sie wird vom Tod bedrängt: Sie ist krebskrank und hat nur noch wenige Monate zu leben. So bauen ihre grössten Lebensherausforderungen einen Zugang zueinander, einen Zugang, der sonst nie zwischen zwei so unterschiedlichen Welten gebaut würde. Nach dem ersten Beschnuppern des Gegenüber ist schnell klar, dass ihre Seelen miteinander verbunden sind…

 

Liebe einmal anders

Oftmals lässt sich der Mensch zum Irrtum verleiten, dass die Quantität und nicht die Qualität für die Lebenszeit ausschlaggebend ist. Genau diesem Menschtum möchte Gus Van Sant entgegen wirken. Er zeigt uns mit schwebender Leichtigkeit, dass die Qualität alles ist, was zählt. Er lässt seine Protagonisten behutsam eine kurze, jedoch wertvolle gemeinsame Zeit verbringen, welche jede Tragik des Lebens zum Nebendarsteller degradiert und somit auch überwindet. Ob dies in der realen Welt ebenfalls mit so viel Zauber über die Bühne des Lebens geht, ist eher fraglich. Da jedoch niemand fragt, spielt dies auch keine Rolle und das ist gut so. Zu gern geben wir uns einer romantischen Geschichte hin, welche wie in diesem Falle von einzelnen Augenblicken lebt, wie zum Beispiel das gemeinsame Einzeichnen des Körperumrisses auf dem Boden und nicht von pompöser Sonnenuntergangs-Romantik. Dies ist eine weitere Stärke des Films: Er malt ganz andere Strukturen für Liebe und Romantik als die üblichen Mainstream-Produkte. An und für sich keine ungewöhnliche Sache, in diesem Falle jedoch schon, da der Film in Hollywood produziert wurde. Dieser Ortsteil von Los Angeles ist ja nicht gerade für feinfühlige Kleinproduktionen bekannt.

 

Gesuchte Szene

Grösste Schwäche des Films ist ganz klar die Geschichte. Auch wenn die Formel: “Zwei charismatische Hauptdarsteller + Romantik + aus dem Leben gegriffene Dramatik = guter Film” eigentlich immer funktioniert, meist sehr dankbar für einen Regisseur ist und auch in diesem Fall wieder nicht enttäuscht, darf von Gus Van Sant mehr Kreativität verlangt werden. Zum Beispiel dürfte die übliche und auch notwendige “Konflikt”-Szene durchdachter gestaltet werden, da sie aktuell absolut aus der Luft gegriffen ist. Oder warum gibt er sich mit der gelungenen Figur des imaginären Piloten so viel Mühe, lässt jedoch den Rest des Charakterkreises der beiden völlig blass und oberflächlich? Klar kann man das Argument gelten lassen, dass die Details und das Einfache im Vordergrund stehen. Nur in den wenigsten Fällen klingt jedoch dies nicht wie eine Ausrede.

 

Es sind solche Feinheiten, die dieses Werk abrunden und somit keinen Platz für Kritik lassen würden. Trotz dem Genörgel auf hoher Stufe ist ihm ein feinfühliger, liebevoller und kantiger Film gelungen, der direkt in die Seele des Zuschauers eindringt und jede Rationätlität durch Romantik und Träumerei eintauscht.

 


Der Film “Restless” feierte seine Schweizer Premiere am Zürcher Filmfestival. In der Zwischenzeit ist der Film auch in der übrigen Schweiz angekommen und in verschiedenen Kinos im ganzen Land zu sehen.