Kultur | 18.10.2011

“It’s just the wasted years so close behind”

Text von André Müller | Bilder von zVg
Viele Bands sind hip. Doch es gibt hippe Bands, die es sogar verdient haben, hip zu sein. The Velvet Underground gehören dazu, seit und gerade wegen ihrem Debütalbum "The Velvet Underground and Nico": Eine Droge (fast) ohne Nebenwirkungen.
Schäl langsam und sieh: Der Ratschlag zu Andy Warhols berühmtem Albumcover macht deutlich, wie man The Velvet Underground näher kommt.
Bild: zVg

Auch Lärm kann gut klingen. Was für uns, im Zeitalter von Noise-Rock und Industrial, selbstverständlich scheint, glaubten vor 50 Jahren bloss Aussenseiter in der Musikbranche. Eine dieser alternativen Bands, die in den sechs Jahren ihrer ersten Karriere (1965-1971) kaum Erfolg hatten, waren The Velvet Underground. Heute möchte man sagen: Die Aussenseiterband. Doch auch wenn man den glitzernden Hype, der sich mittlerweile um die New Yorker Band entwickelt hat, abgewischt hat, bleibt erstaunlich viel Substanz und Hörgenuss übrig.

 

Probleme kommen wieder, aber das ist ok

Insbesondere auf ihrem ersten Album (“The Velvet Underground and Nico”) finden sich zahlreiche Songs, die trotz der schrägen, rumpelnden Einfälle als Ganzes funktionieren. Die Scheibe beginnt mit “Sunday Morning”, einem verschlafen-melancholischen Blick in die eigene Vergangenheit. Jeder, der schon einmal nach einer durchgefeierten Nacht aufgewacht ist, kennt das Gefühl, das dieser Song so treffend beschreibt. Der Rausch ist vorbei und alle Probleme des Lebens sind plötzlich wieder da: “Sunday morning, it-˜s just the wasted years so close behind”. Gleichzeitig ist der Song – mit seinen beruhigenden Akkordwechseln und dem leichten Gitarrensolo gegen Schluss – der ideale Begleiter, um die Kater-Melancholie auch wieder loszuwerden: “There’s always someone around you who will call, it’s nothing at all”.

 

Unsauber, wundervoll

Die Platte geht weiter mit dem rhythmisch-repetitiven “I’m Waiting For The Man” – Lou Reed singt und spricht davon, wie eine U-Bahn auf ihren Lieblingspassagier wartet. John Cale hämmert derweil verzerrte Orgelakkord im Achteltakt ins Lied hinein. Es ist schaurig-schräg, es ist wundervoll. Bei “Femme Fatale” kommt Nico zu ihrem ersten Einsatz – angeblich hat Andy Warhol die deutsche Sängerin in die Gruppe gebracht. Sie treibt mit ihrem grauenhaften Englisch auf die Spitze, was diese Band ausmacht: Ihr unsauberer Gesang mit deutschem Akzent ergibt zusammen mit samtenen (velvet) Akkorden wider Erwarten ein Stimmungsbild, das noch keine Band vor ihnen malen konnte. Anscheinend hat “saubere Musik” schlicht eine begrenzte Aussagekraft, die The Velvet Underground mit dieser Scheibe sprengen.

 

Ein Trip ohne Drogen

Die Themenwahl ist, von heute aus betrachtet, nicht mehr so kreativ und unerhört, wie sie es in den 60er-Jahren wohl noch war: Das New Yorker Nachtleben (“All Tomorrow’s Parties”), ausgefallene Sexpraktiken (“Venus in Furs”) und – natürlich – Drogen: “Heroin” ist die musikalische Vertonung eines (oder mehrerer) Trips mit Opiaten. Moe Tucker trommelt einen wirren Herzschlag auf ihr Schlagzeug, der einmal langsamer und dann unerwartet wieder schneller wird. John Cale spielt auf seiner Geige minuntenlang denselben Ton und quält und verzerrt sein Instrument gegen Schluss so sehr, dass es nur noch undefinierbares Gekreische von sich gibt. Dazwischen stammelt Reed wirre Gründe zusammen, warum er Heroin nimmt. Zweifellos der Teil des Velvet-Experiments, den man nicht nachahmen sollte. Es ist aber auch gar nicht nötig: Die Musik versetzt einen ganz ohne Drogen in eine Trance, wie das kaum eine andere Band hinkriegt.

 

Das rumpelnde “Run, Run, Run” oder das lyrisch-resignierende “The Black Angel’s Death Song” runden die Scheibe ab. Ohne Zweifel kommt irgendwann der Moment, wo man das Album beiseite legt und wieder an die frische Luft geht, weil das Leben mehr zu bieten hat als samtene Melancholie. Für den verkaterten Sonntagmorgen vor dieser Erkenntnis ist “The Velvet Underground and Nico” aber genau die richtige Scheibe.