Gesellschaft | 24.10.2011

Ich lasse mich einbürgern

Text von Veronika Henschel | Bilder von Katja Rutz
Zum ersten Mal wurde ich bei der Minarettinitiative 2009 gefragt, wie ich denn stimmen würde. Damals war ich noch nicht 18, weshalb sich die Antwort erübrigte. Heute bin ich 19, die Wahlen sind gerade vorbei - wieder ohne mein Votum.
Die Schweizer Identitätskarte bietet einige Vorteile gegenüber dem Ausländerausweis, kostet aber bis zu 3'000 Franken.
Bild: Katja Rutz

Ich lebe und studiere in Basel, spreche breitesten Toggenburger Dialekt und habe ein soziales Netz mit Eckpunkten in der ganzen Schweiz. Ich fühle mich hier zu Hause, die Menschen haben mich akzeptiert. Doch in meinem Portemonnaie steckt kein kleines blaues Kärtchen. Stattdessen befindet sich eine Art “Buch” in meiner Handtasche, von unglaublich unpraktischer Grösse und Form. Der Ausländerausweis, Aufenthaltsbewilligung C. Das ist nicht schlecht: Ich darf hier leben, arbeiten und studieren, Steuern bezahlen, Teil der Gesellschaft sein. Aber trotzdem muss ich immer noch einmal nachfragen, ob dies oder jenes auch mit “C” geht. Trotzdem darf ich nicht abstimmen. Trotzdem bin ich immer ein bisschen anders – die Deutsche, eine Ausländerin.

 

3’000 Franken für die Schweiz

Zur vollständigen Integration gehöre eben auch das blaue Kärtchen, sagte man mir. Weil ich vorhabe, mein Leben mehr oder weniger in der Schweiz zu verbringen, erscheint mir eine Einbürgerung deshalb durchaus sinnvoll. Ich verbringe also einen Abend im Internet und finde heraus: Meinen Ddeutschen Pass werde ich behalten dürfen, das europäische Bürgerrecht brauche ich also nicht aufgeben. Ich muss Gemeinde, Kanton und Bund von mir überzeugen. Es gibt verschiedene Einbürgerungsarten, viele Voraussetzungen und noch mehr Bedingungen – so ganz schlau werde ich aus den vielen Informationen nicht. Ich ahne aber, dass ein Haufen Papierkram auf mich zukommen wird, aber das will ich gerne in Kauf nehmen. Was mich jedoch schwer schlucken lässt: Von einer Dame der Gemeinde bekomme ich die Auskunft, dass mich das blaue Kärtchen zwischen 2’500 und 3’000 Franken kosten wird. Hier sei nochmals betont, dass ich Studentin bin, also unter chronischem Geldmangel leide.

 

Hallo Heimat?

Noch einmal lasse ich mir alle Optionen durch den Kopf gehen. Ich will am Clubeingang nicht sofort als Deutsche identifiziert werden. Ich will meinen Ausweis ins Portemonnaie stecken können. Und ich will endlich abstimmen. “Nun gut, ich werde also sparen und mich auf eine Welle der Bürokratie gefasst machen”, denke ich und fahre mit der Rolltreppe im Bahnhofsgebäude der SBB Basel nach oben, um das Wochenende in meiner Heimat, dem schönen Toggenburg, zu verbringen. Oben angekommen treten mir sechsfach schwarze Schuhe ins Gesicht. “Masseneinwanderung stoppen” steht da. Auf einmal bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich hier willkommen bin. Und ob ich hier willkommen sein will. Doch dann denke ich an das Schweizer Stimmvolk, das seine Meinung zu den Plakaten vergangenes Wochenende deutlich geäussert hat – und steige beschwingt und frohen Mutes in den Zug.