Kultur | 06.10.2011

“Ich fand es lustig, die iranische und die schweizerische Welt zusammenzubringen”

Text von Patrick Hofer | Bilder von zvg
Er findet es spannend, Realitäten abzubilden, die "irgendwie Deutsch beziehungsweise Europäisch" sind, aber dann doch "anders". Zur Schweiz hat der deutsche Filmemacher Amir Hamz auch dank "Schellenursli" einen besonderen Bezug. Am Kurzfilmfestival Shnit wurde sein Kurzfilm "Mutationshintergrund" gezeigt. Ein Telefongespräch.
Spricht "es Bitzeli" Schweizerdeutsch: Amir Hamz, geboren 1979 in Frankfurt.
Bild: zvg

Sie machen immer wieder Kurzfilme. Was fasziniert Sie daran?

Dass man es schaffen muss, in kurzer Zeit auf den Punkt zu kommen. Man kann sich nicht ein bis zwei Stunden mit einer Materie auseinandersetzen, sondern hat nur höchstens 20 Minuten Zeit. Das ist halt ganz schön schwer, aber es spornt mich auch immer wieder an.

 

Sie haben ein Dokumentarfilm-Projekt für Arte realisiert, wo es um Kunst- und Kulturschaffende geht, die im Iran und auch in der Diaspora aktiv sind, und teilweise der Zensur ausgesetzt werden. Was gefiel Ihnen am meisten an diesem Projekt?

Am meisten Interesse hatte ich daran, zu sehen, wie andere Künstler und junge Menschen unter widrigen Umständen ihre Sache durchzuziehen versuchen. Und wie Künstler, die im Ausland leben, einen kritisch-distanzierten, aber dennoch sehr respektvollen Blick auf ihre eigene Kultur entwickelt haben. Das hat mich sehr inspiriert.

 

Ein grosser Erfolg war “Sounds of Silence”. Worum geht es in diesem Film?

Es geht um junge Musiker und Musikschaffende in Teheran, die – ähnlich wie andere Künstler im Iran – durch die Zensurbehörden oder durch die Obrigkeit Schwierigkeiten bekommen, ihre Musik einfach nur ausüben zu können. Es geht auch darum, was für Wege sie trotzdem gehen und wie sie sich positionieren innerhalb der Gesellschaft. Es geht um Rapper, Rockmusiker, Electrocombos, Fusion-Virtuosen. Häufig geht es nicht darum, Protestmusik gegen das Regime zu machen, sondern einfach nur Musik der Musik wegen. Nichtsdestotrotz vermischen sie auch traditionelle Elemente mit ihrem jeweiligen Musikgenre, und kreieren somit einen spannenden Fusion-Sound. Das war für mich interessant zu beobachten, dass es keine Trotzreaktion gibt, sondern dass diese Leute Vollblutmusiker bleiben. Sie haben einen grossen Drang entwickelt, mit Klängen etwas auszuprobieren und sich von Regeln und Statuten nicht beirren zu lassen.

 

Haben Sie vor, weitere Spielfilme zu machen?

Im Dokumentarfilmbereich habe ich ein Projekt, das ich gerne in den kommenden zwei Jahren machen möchte. Aber das Problem ist, dass es im Iran zurzeit die politische Situation nicht zulässt. Darum ist das Projekt momentan in der Schublade, es ist fertig entwickelt und recherchiert, aber ich muss jetzt noch abwarten. Ich habe zwei Absagen von amerikanischen Filmförderungen bekommen, die das Projekt sehr spannend fanden, aber noch die Finger davon lassen möchten. Das hat mich frustriert, aber ich muss damit leben. Mein Hauptfokus liegt aber ohnehin derzeit auf meinem Spielfilmdebüt, das ich am Schreiben bin, und auf der Realisation von Projekten anderer Regisseure und Autoren.

 

Sprechen Sie in Ihren Filmen Themen an, die Sie selber erlebt haben?

In den Kurzfilmen kommen Dinge vor, die ich schon auf irgendeine Weise mitbekommen habe, meist durch Freunde. Spannend finde ich es grundsätzlich immer, Realitäten abzubilden, die irgendwie Deutsch beziehungsweise Europäisch sind, aber dann doch “anders”.

 

Wer inspiriert Sie?

Ein klassisches Vorbild habe ich nicht. Mich inspirieren aber diverse Regisseure, zum Beispiel iranische Regisseure wie Mohammad Rasoulof oder Asghar Farhadi. Überhaupt gibt es im Iran viele, die wirklich tolle, sehr intelligente Filme machen. Mir gefallen auch Regisseure aus Fernost, etwa Apichatpong Weerasethakul aus Thailand oder der Südkoreaner Im Kwon-Taek. Im deutschen Kino finde ich es toll, in Geschichten von Fatih Akin oder Andreas Dresen einzutauchen.

 

In Ihrer Komödie “Nilou” ist die Schweiz ein Thema. Was für einen Bezug haben Sie zur Schweiz?

Ich habe schon immer einen emotionalen Bezug zur Schweiz gehabt. Als kleiner Junge kam ich regelmässig in die Schweiz, um dort in einem Camp Basketball zu spielen, und mein Vater hat sein Doktortitel an der ETH abgeschlossen. Deswegen habe ich ihn als Kind häufig in Zürich besucht. Als er mir das Buch “Schellenursli” schenkte, lernte ich die vierte Landessprache Rätoromanisch kennen. Der Film “Nilou” basiert auf diesen Erfahrungen und ich fand es lustig, die zwei Welten – die iranische und die schweizerische – zusammenzubringen. Ich wollte die Problematik ansprechen, dass eine Sprache – stellvertretend für den Traditionalismus in einem Land – vom Aussterben bedroht ist. Aber natürlich humorvoll.

 

Sprechen Sie Schweizerdeutsch?

“Es Bitzeli”, nein Schweizerdeutsch spreche ich nicht. Ich denke immer wieder, das ich ein wenig Schweizerdeutsch kann, aber wenn ich mal spreche, lachen die anderen sich immer schlapp. Warum bloss?

 

Wie ist das Verhältnis als Deutscher gegenüber der Schweiz?

Die Schweiz ist für mich ein in vielerlei Hinsicht fast perfektes Land. Es ist in den Medien zwar oft anders dargestellt worden, gerade mit dem Bankgeheimnis und den Steuern und bla bla. Aber das alles interessiert mich gar nicht. Denn für mich zählt, was ich bisher von der Schweiz kennengelernt und mitgenommen habe und all die netten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Außerdem arbeite ich auch für eine schweizerisch-deutsche Produktionsfirma, wo wir gerade neue Dinge am Aufbauen sind. Für mich ist die Schweiz ein sehr liebenswertes Land, die Züge sind pünktlich, die Landschaft und die Sprachenvielfalt sind toll. Mir wäre es halt nur zu teuer, wenn ich in der Schweiz leben müsste.

 

 

Zur Person


Amir Hamz, geboren 1979 in Frankfurt, schloss 2001 Bachelor of Arts in Romanistik, Nordamerikanistik und Journalismus an der Universität Hamburg ab. Im Jahr 2004 absolvierte er den Master of Fine Arts in England. Er ist seit 2004 Regisseur für Dokumentarfilme und Musikvideos in Europa und den USA. Den zweiten Master in Journalistik und Politikwissenschaften schloss er an der Universität Hamburg im Jahr 2008 ab. Arte zeigte Hamz Film über die Zensur in der Kunst und der kulturellen Szene des Iran. Seine Komödie “Nilou” (2009) sorgte für viel Applaus an den Solothurner Filmtagen: sogar der Hauptdarsteller Leonardo Nigro von “Sinestesia”, der als Hauptfilm lief, sprach dem Regisseur und Drehbuchautor Amir Hamz, ebenfalls im Saal anwesend, ein grosses Kompliment für “Nilou” aus. Hamz musikalischer Dokumentarfilm “Sounds of Silence” (2009) lief erfolgreich, auch in den Schweizer Kinos. Zu Hamz weiteren Werken gehören der Dokumentarfilm “Iran Spezial” (2007) und der Musikfilm “Eins” (2008).