Gesellschaft | 04.10.2011

Glücksansichten

Glück ist Lust - das sagen sowohl Hedonismus als auch Epikureismus. Glück als Lustgewinn definieren, unterscheiden sie sich deutlich: Den Epikureern geht es um langwährendes Glück anhand der Vernunft, während dem Hedonismus die flüchtige Lust des Augenblickes genügt. Man kann beide Positionen als Antwort auf die Frage nach den wahren Zielen menschlichen Handelns verstehen. Die Antwort fällt ähnlich, dennoch nicht gleich aus.
Erst eine stimmige Lebensführung bringt langfristiges Glück mit sich, ist der Autor überzeugt.
Bild: Rainer Sturm/pixelio.de

Wonach soll der Mensch streben? Der Hedonismus sieht den Lustgewinn, und sei er nur kurzfristig, als höchstes Gut an. Er macht dabei keinen Unterschied zwischen Handlungsmotiven – also dem, was wir tun möchten, um Lust und Wohlbefinden zu gewinnen – und Handlungsnormen (dem, was wir tun sollten). Wenn die Normen etwas vorschreiben, dass wir von Natur aus gar nicht wollen können, sind sie schlichtweg falsch. Normen sind von aussen gesetzt und können durchaus etwas Willkürliches enthalten. Demgegenüber bezieht sich der Hedonist der Rückbezug auf die menschliche Natur, um herauszufinden, welche Handlung rational ist. Es wäre also irrational, sich nach widernatürlichen Normen zu richten. Der Begriff des Hedonismus wird heute meist abwertend gebraucht, als Sinnbild eines egoistischen und dekadenten Lebens.

 

Nichts geht über Vernunft

Im Gegensatz zu diesem Lustbegriff steht Epikurs Definition von Lust. Zwar ist auch beim griechischen Denker die Freude das “A und O” eines gelingenden Lebens, im Unterscheid zum Hedonismus geht es den Epikureern aber um langfristigen Lustgewinn. Am Anfang steht dabei die Vernunft, aus der sich alle übrigen Tugenden von selbst ergeben. Es ist unmöglich, ein Leben glücklich zu führen, das unvernünftig, unsittlich und ungerecht ist. Umgekehrt ist es auch nicht möglich, ein sittlich hochstehendes Leben ohne Freude zu führen. Epikur ist also kein reiner Hedonist; man kann seine Lehre vielleicht als Spielart des Hedonismus ansehen, die jedoch deutliche Unterscheidungen aufweist.

 

Luxus macht nicht glücklich

Zwar wurde auch Epikur vorgeworfen, nur auf flüchtigen Lustgewinn aus zu sein, das allerdings zu Unrecht. Er plädiert sogar ausdrücklich dafür, auf die kurzweilige Lust des Augenblickes zu verzichten, wenn dies dem langewährenden Glück zu Gute kommt. Zwar besteht Glück im Empfinden von Lust, Epikur unterscheidet dabei aber zwischen einer gleichförmigen und einer veränderlichen Lust. Auch diese veränderliche Lust kann angenehm sein, sollte aber nicht das lange währende Glück beeinflussen. Mit leeren Begierden, zum Beispiel nach Luxus, und durch masslose Gier quälen sich die Menschen selbst, anstatt nach wahrer Lust zu streben. Manchmal muss man nach Epikur sogar Schlechtes akzeptieren, wenn das dem langfristigen Glück dient. Zwar betont er die Wichtigkeit der Vernunft, die das Streben nach Glück leitet und zügelt, trotzdem lehnt er die stoische Tugendlehre ab. Ein moralisch gutes und sittliches Leben führt nicht automatisch zu Glück, vielmehr führt ein angemessener Lustgewinn zu langfristigem Glück. Ein gelingendes Leben kann nur erreicht werden, wenn der Mensch nicht im Zwiespalt zwischen seinen natürlichen Begierden und den von Normen gesetzten Handlungsregeln steht.

 

Glück als Begleiterscheinung

Sowohl Hedonismus als auch Epikureismus liegt aber ein Fehler zugrunde: Unser Handeln richtet sich in erster Linie auf Zwecke oder Ziele. Glück stellt sich quasi als “Nebeneffekt” ein, wenn wir diese Ziele erreichen. Es wäre daher wohl ein sinnloses Unterfangen, ständig nur nach “dem Glück” zu streben, da es immer nur erreicht wird, wenn man eine gewünschte Handlung ausführt. Der Hedonismus aber tut so, als würde jeder flüchtige Lustgewinn sofort Glück bedeuten. Lustgewinn meint eben nicht “Glück-machen”. Des Weiteren ist es zwar toll, eine gewünschte Handlung zu vollziehen – ohne Einbindung in die Gesamtstrategie meiner Lebensführung wird sie mich aber nicht glücklich machen.