Gesellschaft | 04.10.2011

Ein Labor im Schulzimmer

Text von Aline Clauss | Bilder von youthmedia.org / kernc
Biologie, Galileo, Banane, Langeweile: diese Begriffe assoziierten die jungen Besucherinnen und Besuchern der ScienceComm'11 in Biel spontan mit dem Thema Wissenschaft. Die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich einig: niemand zu jung, um Forscher zu sein.
Experimente schaffen einen spannenden Zugang zur Wissenschaft und fördern zugleich den verantwortungsvollen Umgang mit dem Material.
Bild: youthmedia.org / kernc

“Mein Biolehrer hat mir von Anfang an gesagt, dass das Experiment nicht die erhofften Resultate erbringen wird.” Doch das hielt Silas Kieser (20) keineswegs davon ab, sein Experiment durchzuführen. Für seine Maturaarbeit wollte er eine Theorie überprüfen, nach der Weizen in einem E-Feld angeblich schneller wachsen, als solche die normal angepflanzt werden. Der Biologielehrer sollte Recht behalten: Die Ergebnisse konnten die Theorie nicht bestätigen. Doch gelohnt hat sich die Arbeit für Silas, der sich bereits seit der frühen Kindheit für Wissenschaft begeistert, allemal. Der junge Forscher erhielt dieses Jahr nicht nur einen Sonderpreis am nationalen Wettbewerb von der Stiftung “Schweizer Jugend forscht” für seine Maturaarbeit – diese ist für den heutigen Biologiestudenten auch das erste eigenständige Projekt, in dem er “einfach drauflos forschen konnte, ohne zu wissen was dabei herauskommt”.

 

Den Dialog suchen

Gäbe es nur Kinder wie Silas eines gewesen ist, hätte der Kongress ScienceComm in Biel letztes Wochenende wahrscheinlich nicht stattgefunden. Tatsache ist aber, dass sich die meisten Kinder und Jugendliche kaum für Wissenschaft interessieren, es bedarf zusätzlicher Motivation. Doch wie begeistert man die Schülerinnen und Schüler erfolgreich für die Sache? Eine Frage, mit der sich an der ScienceComm rund 130 Personen auseinandersetzten, die im Bereich der Wissenschaftskommunikation, an Hochschulen und Universitäten, bei Stiftungen oder in Museen arbeiten.

 

Dabei stand ein Wort ganz gross im Mittelpunkt: Dialog. Nicht bloss Informationen aufnehmen, sondern im Dialog mit Experten aus allen Gebieten der Wissenschaft und Kommunikation und immer auch im Dialog mit den Kindern und Jugendlichen selbst, sollten Lösungen und neue Ideen erarbeitet werden. Der Startschuss der Veranstaltung war denn auch kein Vortrag, sondern ein Eröffnungsgespräch mit Isabelle Chassot, Präsidentin der EDK und Thomas Zeltner, Präsident der Stiftung Science et Cité. Dieser fand besonders wichtig, dass nebst den Kindern vor allem die Eltern und Lehrpersonen den Umgang mit den neuen Medien lernen und im Unterricht einsetzen müssten.

 

“Kinder regieren die Welt von morgen. Unterstützen wir sie darin, dies nicht mit den Instrumenten von gestern zu tun”, so Zeltner. Denn wie Christian Brühwiler von der Pädagogischen Hochschule St.Gallen in einem späteren Vortrag sagte, kämen circa drei von vier Kindern und Jugendlichen durch die Medien in Kontakt mit naturwissenschaftlichen Phänomenen. Dabei löse das Internet das Fernsehen als Spitzenreiter langsam aber sicher ab. Gerade dieses könne bei den Schülerinnen und Schülern als Motivationsspritze wirken, wenn man es als neue Lehrmethode akzeptiert und anwendet, sagte Brühwiler. Christian Brühwiler lieferte neben spannenden Ergebnissen aus der letzten PISA-Studie auch gleich eine zentrale Methode um Wissenschaft besser an den Schulen zu vermitteln: “Praxisorientiertes Lernen in Form von Experimenten ist elementar.” Die Experimente müssten allerdings kindgerecht sein und auf einer Basis erklärt werden, die geringes Vorwissen voraussetze.

 

Banane und Wissenschaft

Während die Erwachsenen in den unteren Stockwerken den Vorträgen lauschten und diskutierten, wurde in der obersten Etage eifrig gebastelt und viel gelacht. 30 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 18 Jahren brachten hier ihre konkreten Wünsche und Vorstellungen zum Thema Wissenschaft aufs Papier, um diese anschliessend vor allen Kongressteilnehmern zu präsentieren. Auf die Frage, was den Schülern zum Begriff Wissenschaft spontan einfiel, kamen ganze 236 Antworten zustande. Neben Biologie, Studium und Geschichte fielen auch Begriffe wie Galileo, Banane, Langeweile und “schön dekorieren”. Ein Wunsch, den die Kinder besonders häufig nannten, um Wissenschaft interessanter zu gestalten, waren eine schöne Lernumgebung und grundsätzlich eine angenehme Atmosphäre im Klassenzimmer.

 

Fast alle der jüngeren Kinder wünschten sich ausserdem einen Experimentierraum oder ein Labor im Schulzimmer: sie hätten eigentlich ganz gerne Chemie und Biologie, meinten sie, doch diese Fächer würden erst in der Oberstufe unterrichtet. Auf diese Aussage kam die Frage aus dem Publikum, ob es denn überhaupt Sinn mache, bereits in der Unterstufe diese naturwissenschaftlichen Fächer anzubieten. Sind so junge Geister überhaupt in der Lage, zu forschen? Die Antwort einer anderen Zuschauerin war ganz klar: Ja. “Kinder werden unterschätzt, sie sind sehr wohl in der Lage, ihrem jeweiligen Wissensstand entsprechend Experimente durchzuführen und dank diesen erste wissenschaftliche Zusammenhänge zu erkennen.”

 

Info


Schweizer Jugend forscht ist eine Stiftung, die Jugendlichen mit Studienwochen über verschiedene Themen und einem nationalen Wettbewerb mit attraktiven Preisen erste Erfahrungen in der Welt der Wissenschaft ermöglicht. Am nationalen Wettbewerb teilnehmen können alle ab dem 14. Altersjahr bis zum Abschluss der Mittel- oder Berufsfachschule.

 

Die Stiftung Science et Cité will mit ihren Projekten sowohl Kinder und Jugendliche für Wissenschaft faszinieren, als auch Erwachsene weiterbilden, die Wissenschaft an Kinder vermitteln sollen. Dazu veranstalten sie Ausstellungen, Festivals und Austauschplattformen.

 

Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK setzt sich zusammen aus den 26 kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren.