Kultur | 10.10.2011

Biographie und Kunstwerk

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg
Das Kunstmuseum Basel widmet dem grossen deutschen Maler Max Beckmann (1884 - 1950) eine Sonderausstellung, in der seine eher unbekannten und etwas vernachlässigten Landschaftsbilder gezeigt werden. Noch bis am 22. Januar sind die Werke zu sehen.
Meerlandschaft mit Agaven und altem Schluss (1939) Der Hafen von Genua (1927) Das Nizza in Frankfurt am Main (1921).
Bild: zVg

Es gibt mehrere Zugänge zu Kunst. Eine Möglichkeit ist die Verknüpfung der Biographie des Künstlers mit seinen Kunstwerken. “Aha, der Künstler hat den Weltkrieg miterlebt und verarbeitet in seinen Werken diese Erfahrungen.” Mit Aussagen wie dieser gelingt eine scheinbar befriedigende, abschliessende und klare Interpretation von Kunstwerken. Dass man auf diese Weise allein den Kunstwerken kaum gerecht werden kann, gerät dabei leicht in Vergessenheit. Wie ist das Bild aufgebaut? Welche Formen sind zu sehen? Wie wird im Bild mit Farben umgegangen? Wie ist das Bild gemalt? Ist die Farbe dick aufgetragen? Oder eher transparent? Punkte wie diese sind für ein Gemälde von grosser Bedeutung und bei einer Betrachtung nicht zu ignorieren. Schliesslich können derartige Fragen auch ohne biographisches oder historisches Hintergrundwissen ansatzweise im Museum vor dem Bild beantwortet werden. Wie man etwa auch bei einem literarischen Werk nicht nur den Inhalt, sondern auch die Art und Weise, wie es geschrieben ist, betrachtet, so darf auch bei Kunstwerken die formale und künstlerische Gestaltung nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden.

 

Einfluss des Umfelds

Die Konzeption der Beckmann-Ausstellung in Basel hält sich zunächst an die Biographie des Künstlers. Alle 70 Landschaftsgemälde sind streng chronologisch angeordnet, unterteilt in die verschiedenen Lebensstationen Weimar, Frankfurt a. M., Berlin, Amsterdam, Amerika. Dies erlaubt zunächst eine leichte Orientierung, denn oft hat Beckmann direkt auf das veränderte Umfeld reagiert: In Amsterdam, wohin er vor dem Nazi-Regime flüchtete, malte er flache, holländische Landschaften, in Frankfurt nahm er örtliche Motive auf, in Baden-Baden malte er den Garten des Kurhauses, wohin er sich wegen seiner angeschlagenen Gesundheit immer wieder zurückzog. Eine durchgehende Konstante in seinen Landschaftgemälden ist die südliche Hemisphäre, die auf Beckmann eine besondere Faszination ausgeübt zu haben scheint. Das Meer, der Strand, Nizza, die Côte d’Azur, Genua: Motive, die sein Landschaftswerk bis zum Schluss durchzogen haben, egal wo er sich gerade aufhielt. Als Erinnerung an vergangene Reisen, als Sehnsucht nach Freiheit, Mobilität und Idylle angesichts des 2. Weltkrieges werden sie gemeinhin gesehen.

 

Stilisierte Landschaften

Doch allein mit einer solchen Betrachtung sind die Gemälde glücklicherweise noch längst nicht ausgeschöpft. Es gilt auch, das Bild an sich zu betrachten, zu sehen, was man aus dem Bild selbst herauskriegen kann. Charakteristisch ist beispielweise die Vermitteltheit der Landschaft. Oft gibt es Elemente im Vordergrund wie einen Balkon, Menschen, Vorhänge oder stilllebenartig angeordnete Gegenstände wie Blumen und Hüte, die eine Distanz zwischen Betrachter und Landschaft herstellen und damit auch etwas über das Verhältnis von Mensch und Natur aussagen. Der Blick auf die Landschaft durch ein Fenster ist ein weiteres dieser Distanz herstellenden Motive, das natürlich auch mit der Idee vom Bild im Bild spielt. Dass es Beckmann dabei nicht um eine naturnahe Abbildung einer realen Landschaft geht, wird schnell klar. Kantige, scharfe Formen, windschiefe Architekturen und “falsche” Perspektiven zeigen, dass wir es hier mehr mit stilisierten denn realistischen Landschaften zu tun haben, die deutlich die Handschrift des Expressionismus aufweisen. Auch die rasche und skizzenhaft wirkende Malweise, die dick und grob aufgetragenen, kräftigen Farben untermauern den Einfluss dieser Kunstrichtung. Schwarze Konturen umrahmen die Gegenstände, besonders die Gebäude und Menschen, und geben den Bildern einen fast Comic-haften Anstrich, wobei Beckmann sich nicht so genau an diese Begrenzungen hält und auch mal über die Konturen hinaus malt.

 

Beobachtungen wie diese werden dem Gemälde an sich gerecht, sind Erkenntnisse aus der Beschäftigung mit dem Bild vor Ort. Farben und Formen sind ebenso konstitutive Elemente eines Kunstwerks, die dessen Wert ausmachen. Landschaftsbilder wurden schon immer gemalt, Beckmann malt und gestaltet sie aber anders.

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