Gesellschaft | 27.09.2011

Teil zwei: das Zentrum und der Westen

Auf seiner Reise durch Kuba spaziert der Autor durch Geisterstädte. Das Museum eines berühmten Toten enttäuscht derweil.
Der Zug nach Hershey (ja, er kann fahren).
Bild: Mattia BalsigerDenkmal für den Volkshelden und Revolutionär Ernesto "Che" Guevara in Santa Clara.Posaunist am Malecón in Havanna.Reiseroute des Autors.

Die über 1000 Kilometer lange Insel in der Karibik, die nur 11 Millionen Einwohner hat, lässt sich grob in drei Teile unterteilen: der Osten, Zentral-Kuba und die westlichen Regionen mit Havanna als Angel- und Drehpunkt. Während im ersten Teil dieses Reiseberichts der Osten beschrieben wurde, geht die Reise nun weiter in die Mitte des Landes.

 

Ernüchternde Weiterreise

Ich blicke aus dem Busfenster. Draussen zieht eine unendlich weite, saftige Wiesenlandschaft vorbei, die hier und da mit ein paar Palmen geschmückt ist. Weit gefehlt, wer sich – wie mein Reisegefährte und ich – Kuba als eher karge, aride Landschaft ähnlich der in Spanien vorgestellt. Man befindet sich bereits mitten in der üppigen Flora eines feucht-heissen Klimas.

 

Zuerst verweilen wir zwei Nächte in Camagüey, das geografisch zwar noch zum Osten, klimatisch und von der Mentalität her aber eher zu Zentral-Kuba gehört. Bewohner nennen den eher kühlen, ruhigen Ort “Stadt der Intellektuellen”. Camagüey beeindruckt wenig, abgesehen von ihrer Universität und der für Kuba untypische leeren Gassen rund um den Bahnhof. Unsere Reise geht nach zwei Nächten weiter in die kleine Stadt Sancti Spíritus. Neben der für fast alle kubanischen Städte typischen Kirche auf dem Stadtplatz bietet Sancti Spíritus aber kaum besondere Attraktionen. Zudem häufen sich die Fälle, in denen wir Erfahrungen mit unfreundlichen Casa Particular-Betreibern machen. Nach Camagüey ist auch in Sancit Spíritus die Begegnung nicht gerade freundlich. Als einzige Touristen in der Gegend fühlen wir uns ein wenig verloren und sind froh, in die nächste (grössere) Stadt zu gelangen.

 

Trinidad – die Perle im Landesinneren

Das Highlight der zentralkubanischen Region ist die gut erhaltene Kolonialstadt Trinidad. Mit ihren Häusern und Kirchen aus dem 16. Jahrhundert begeistert sie die kulturell und historisch interessierte Besucherschaft. Die gepflasterten Strassen sind ruhig und trotz der vielen Touristen findet der Verkehr immer noch vermehrt auf dem Fahrrad oder zu Fuss statt. Doch auch die langen Strände, darunter vor allem die Playa Ancón sind lobens- und sehenswert. Auch hier nehmen immer mehr grosse Hotelketten immer mehr Strandfläche für sich in Anspruch. Hinter der Stadt zeichnet sich die Bergkette Sierra de Escambray. Zuoberst auf dem Gipfel befindet sich ein Hotel aus der Zeit vor der Revolution, das heute noch betrieben wird. Rund um das Hotel wurden in den 1930er und 40er Jahren kleine, typisch amerikanische Ferienhäuser inklusive Vorgärten und Garage errichtet. Heute wohnt niemand mehr dort und die Häuser sind am zerfallen. Beim Spaziergang durch die Geisterstadt kommt bei mir ein gewisses Unbehagen auf.

 

Nach dem Aufenthalt in Trinidad, der zu den besten Erlebnissen unserer bisherigen Reise gezählt werden darf, nehmen wir den Bus in Richtung Santa Clara, der Grabstätte von Ernesto “Che” Guevara, dem argentinisch-kubanischen Volkshelden und revolutionären Mitstreiter Fidel Castros. Auch Santa Clara ist eine kleine Stadt, lockt aber gerade wegen dem Monument für den oben erwähnten Staatsmann unzählige Touristen an. Gleich neben dem Denkmal wurde ein Che Guevara-Museum errichtet, welches kostenfrei zu besichtigen ist. Immerhin, denn sowohl das obligatorische Trinkgeld für die unfreundliche Garderobendame als auch die unsorgfältig gestaltete Ausstellung zu Che Guevara machen einen Besuch nicht gerade zu einem Muss.

 

Und wieder eine andere Welt

Nach knappen zwei Wochen “in der Fremde”, also im “echten” Kuba, sehnen wir uns nach einer Pause und Abwechslung. Da kommt die Stadt Varadero gerade recht. Der Touristen-Hotspot Nr. 1 der gesamten Insel ist für die Kubanerinnen und Kubaner nur teilweise zugänglich. Verwehrt bleibt ihnen etwa der Zutritt zu gewissen Strand- und Hotelanlagen, Supermärkten oder auch Banken. Die Stadt besteht praktisch nur aus Restaurants und Hotelketten und bietet alles, was zwar für uns Westler angenehm und vertraut ist, aber eben nichts mit dem echten Kuba zu tun hat: Steaks, Hamburger, Pommes Frites, Coca Cola, englischsprachiges Personal und natürlich – und vor allem – weisse, saubere Strände. Nicht zufällig haben sich die Hotels hier angesiedelt.

 

Die zwei Tage, die wir hier verbringen, bestehen nur aus Baden, Sonnenbaden und  – nach zwei Wochen Durststrecke – vertrautem Essen. Der unangenehme Nachgeschmack, der beim Verzehr eines T-Bone-Steaks entsteht, lässt sich aber kaum ignorieren. Wieso erhalte ich als Tourist in einem sozialistischen Land etwas Besseres als die eigenen Landsleute? Ist die Regierung bloss auf meine Dollars für Devisengewinne aus? Ist es nicht ungerecht, dass die Einheimischen sich das Leben in Varadero kaum leisten können, zu manchen nicht einmal Zutritt haben?

 

Solche Fragen gehen uns nicht mehr aus dem Kopf. Zur politischen Situation auf Kuba werde ich deshalb im dritten Teil des Berichts näher eingehen.

 

Auf Umwegen nach Havanna

Von Varadero aus geht es mit dem Bus weiter nach Matanzas, wo uns ein alter, klappriger Zug aus den 1950er Jahren erwartet. Er von der Stadt Matanzas zur Hershey-Station, wo vor der Revolution der Schokoladenkonzern Hershey Company seinen Sitz in Kuba hatte. Die Fahrt dauert sechs Stunden. Zwei davon verbringt der Zug bei 37 Grad im Ruhezustand, irgendetwas ist defekt, doch was genau das Problem ist, weiss niemand so genau. Als der Fehler endlich behoben ist, kann der Zug die Fahrt im gewohnten Schritttempo fortsetzen.

 

Nach dem Unstieg in einen anderen Zug erreichen wir am späten Nachmittag Havanna, die “Galionsfigur” Kubas. Mein erster Eindruck, noch geprägt von der anstrengenden Fahrt und der Magenverstimmung des vorherigen Abends, fällt schlecht aus. Hektik, Lärm und stinkende Abgase prägen das Strassenbild. Auch die Tatsache, dass wir kein Casa Particular (siehe Teil eins) finden, ist entmutigend. Als wir dann letzten Endes doch noch an eine Adresse gelangen, wollen wir nur noch zweierlei: Wasser trinken und schlafen.

 

Die nächsten Tage in Havanna nutzen wir um die Stadt kennenzulernen. Wir besuchen die Altstadt, das Chinesenviertel, die Strände, das Kapitol und Museen. Ausserdem wechseln wir das Casa Particular und ziehen in ein Haus, das gleich bei der berühmten Meerespromenade Havannas, dem Malecón liegt. Hier zeigt sich die Schönheit der Stadt. Besonders abends, wenn sich die Leute am Malecón tummeln und den Sonnenuntergang betrachten, fühlen wir uns zum ersten Mal seit drei Wochen richtig wohl in einer Stadt in Kuba; können uns vorstellen, länger zu bleiben.