Gesellschaft | 19.09.2011

Teil eins: der Osten

Reisen durch Kuba bedeutet eintauchen in eine andere Welt. Die Reise beginnt im ärmeren Osten.
Im Osten omnipräsent: Propaganda von kommunistischen Jugendverbänden.
Bild: Mattia BalsigerTypische Karneval-Tänzerin in Santiago.Die Reiseroute des Autors. Karte: Matthias Speich

“Dieses Land überrascht einen immer wieder. Es passieren seltsame Dinge. Man muss fest im Guten stehen, um nicht den Kopf zu verlieren.”

Miguel Barnet, kubanischer Schriftsteller

 

Am Flughafen

Auf Kuba taucht man ein in eine andere Welt. Dies ist längst eine gängige Floskel von Reisebroschüren und Tourenanbieter, die einem exotische und abenteuerliche Reisen in beinahe alle Länder anbieten wollen. Doch ich meine es durchaus ernst. Man betritt den Boden eines der letzten bekennenden sozialistischen Staaten der Welt. Für Menschen der 1990er-Generation, die den Kalten Krieg nicht mehr erlebt haben, ist der Begriff Sozialismus ein kaum noch mit der realen Welt assoziierbares System und deswegen für viele ein unbegreifliches Abstraktum. Was einen Abstecher in ein solches Land umso interessanter macht.

 

Bei der Ankunft in Holguín, einer mittelgrossen Stadt im Osten des Landes, fällt bereits auf, wie minimalistisch der Flughafen ausgestattet und eingerichtet ist. Der Europäer zeigt sich schockiert über das Fehlen von Duty-Free Shops, Snack-Automaten und gemütlichen Sitzgelegenheiten. Rückblickend stellt sich natürlich auch die Frage: Brauchen wir das alles wirklich? Sind wir in den Flughäfen Zürichs, Frankfurts und New Yorks wirklich angewiesen auf die schiere Flut von Werbung, Sonderangeboten und Komfort? Solchen Gedanken hänge ich nach, während ich und ein Schulfreund, mit dem ich diese Reise bestreite – eine gefühlte Ewigkeit – auf unser Gepäck warten. Es soll sich später herausstellen, dass die Wartezeit am Flughafen noch zu den “angenehmeren” Unannehmlichkeiten gehört. Verspätungen, Pech und Pannen werden mich auf meiner gesamten Reise begleiten.

 

Von Ost nach West

Voller Begeisterung steigen wir in ein Taxi, das durch jede TÜV-Prüfung doppelt durchfallen würde (natürlich handelt es sich um ein schönes, für Kuba typisches amerikanisches 1950er-Jahre-Auto) und zücke die Kamera. Auf der staubigen Landstrasse Richtung Stadt fotografiere ich in einer schon fast hektischen Weise die üppige Propaganda, die die Bushaltestellen, die an Telefonkabinen, Laternenpfählen und Litfasssäulen prangen. Ein gewisses Gefühl der Angst beschleicht mich, ich könnte eines der originellen Plakate der Regierung Castro im Stile von “Viva el socialismo” oder “Siempre es revolución” verpassen.

 

Die nächsten Tage verbringen wir in einem so genannten Casa particular, einer behördlich lizenzierten Privatwohnung von Kubanern ohne spezielle touristische Ausbildung. Diese stellen in ihrer eigenen Wohnung ein Zimmer mit separatem Bad für Touristen zur Verfügung. Auf Wunsch bekochen sie einen auch und servieren ein Frühstück. Holguín ist ein eher ruhiges Städtchen, bietet aber mit seinen farbigen Häusern und der einfach einzigartigen, lockeren Atmosphäre auf der Strasse viele tolle Eindrücke. Trotz der relativen Armut des Ostens von Kuba ist es eine saubere, gepflegte Stadt. Nach zwei Tagen geht die Reise weiter. In den Südosten nach Santiago de Cuba.

 

Fünf Tage Karneval. Oder doch sieben? Spielt doch keine Rolle.

In Santiago erhoffen wir uns, einen authentischen karibischen Karneval mitzuerleben. Ein voller Erfolg. Nirgends in Kuba ist es so heiss wie in Santiago. Trotz der drückenden Hitze und Feuchtigkeit am Tag  und der kaum kühleren Temperatur in der Nacht, tanzt Santiago de Cuba während ungefähr sieben Tagen auf den Strassen zu Salsa, Reggaeton und Bachata. Ein Aussenstehender kann weder feststellen, wann der Carnaval de Santiago aufhört, noch wann er anfängt. Nach einer Weile spielt das auch überhaupt keine Rolle mehr. Hauptsache, die ausgelassene Stimmung und die beeindruckende Zahl an Zuschauern machen gute Laune.

 

Santiago beeindruckt auch wegen seiner ethnischen Durchmischung. Nirgends ist der Anteil an Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven höher. Die spezielle Mischung aus Schwarzen, ehemaligen spanischen Siedlern und Mulatten (Mischlingen aus Schwarzen und Weissen) ist in keiner Stadt so präsent wie in Santiago. So sieht man in seltenen Fällen auch schwarze Kubaner mit grünen oder blauen Augen durch die Gassen gehen.

 

Gleichzeitig ist die Stadt auch deutlich ärmer als die Gegenden im Landesinneren und im Westen. Die Infrastruktur und die Häuser stehen noch schlechter da als im allgemein schon niedrigen Durchschnitt. Hier und da sind auch Wellblechhütten und Verwahrloste zu sehen. Da Santiago ehemals ein Hafen für afrikanische Sklaven war, muss man davon ausgehen, dass erst nach der Revolution Fidel Castros der Grossteil der Bevölkerung der Stadt die gleichen Rechte besass wie die weisse Mehrheit. Fidel Castro – im scharfen Gegensatz zu seinem Vorgänger Fulgencio Batista – verabscheute den Rassismus und verbannte ihn aus den Institutionen. Der allgemeine Eindruck der Armut lässt uns spekulieren, ob hier der Rückhalt der Kommunistischen Partei wohl noch am stärksten ist. Es fällt mir auch auf, dass die Staatspropaganda hier viel präsenter ist als in Kubas westlichen Städten wie Havanna oder Varadero, die in den zwei folgenden Teilen dieses Berichts näher beschrieben werden.

 

In einer Woche geht die Reise nach knapp einer Woche im Osten weiter ins Innere des Landes, nach Camagüey.