Gesellschaft | 19.09.2011

Strafvollzug ohne Mauern und Gitter

Der Arxhof ist eine Institution des Straf- und Massnahmenvollzugs mit einem speziellen Auftrag. In ländlicher Gegend im Kanton Basel-Land gelegen, bemühen sich seit 40 Jahren Sozialpädagogen, Therapeuten und Lehrmeister gemeinsam um die Resozialisierung junger Straftäter. Nebst dem Ziel, dass die Sünder im Alter zwischen 17 und 25 Jahren ihre Tat nachher bereuen, soll die "offene Arbeit" den Delinquenten eine Chance geben, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren.
Die Mauern sieht man nur nicht.
Bild: arxhof.ch Mit dem Direktor durch die Ausstellung. Andreas Rüegg.

“Alleine das Absitzen einer Strafe hat noch niemanden resozialisiert”, meint Direktor Renato Rossi zu den Gästen gewandt, welche die neu eröffnete Wander- Ausstellung zum Arxhof besuchen. Straffällige Jugendliche bräuchten eine neue Lebens-Perspektive. Der Ansatz eines sozialtherapeutischen Milieus, mit dem im  Massnahmenzentrum Arxhof gearbeitet wird, ist komplex: Kriminelle, gewalttätige und süchtige junge Männer, die in ihrer Entwicklung stark gefährdet sind, werden nicht eingeschlossen, sondern in eine therapeutische Gemeinschaft integriert.

 

Warum hauen sie nicht einfach ab?

“Der Arxhof sei zwar eine offene Anstalt, aber geschlossener als jede andere.” Dies bemerkte ein Bewohner des Arxhofes gegenüber Bundesrätin Eveline Widmer- Schlumpf, der Vorsteherin des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartementes, bei ihrer Visite im vergangenen Jahr. Keiner der ausschliesslich männlichen Bewohner auf dem Arxhof ist freiwillig da. Doch bei der Aufnahme müssen sie sich bewerben, und dabei eine gewisse Kooperationsbereitschaft zeigen. Der Aufenthalt in der Institution ist für eine Zeitdauer von vier Jahren vorgesehen. Verschiedene Aspekte spielen zusammen, welche die Straftäter während dem Aufenthalt im Massnahmenzentrum Arxhof motivieren, zu bleiben und den schwierigen Weg zu gehen.

 

Die Institution will die jungen Männer erreichen, indem sie sich mit dem Arxhof identifizieren. Bei der Gestaltung der Räumlichkeiten in den Pavillons wird zum Beispiel auffallend grossen Wert auf Ästhetik gelegt. Schönheit und Ordnung sollen helfen, zurück zu einer gesellschaftlich tragfähigen Moral zu finden. Identifikation geschieht auch durch Mitbestimmung. Die Bewohner auf dem Arxhof haben eine starke Mitsprache, können Wünsche und Vorschläge vorbringen. Sie sind im Delegiertenrat vertreten. Hier wird wöchentlich demokratisch abgestimmt, gleich einer Ratskammer in Bern. Als Beispiel werden auch Disziplinarstrafen ausgesprochen. Ein gewalt- und drogenfreies, entwicklungsförderndes Klima auf dem Arxhof zu haben, ist das gemeinsame Ziel.

 

Vertrauen durch Regeln

Die Regeln und Bedingungen auf dem Arxhof müssen Vertrauen schaffen. Misstrauen würde die Arbeitsbündnisse mit den Bewohnern stark gefährden. Nicht zuletzt sorgen klare Regeln für das Vertrauen von Öffentlichkeit und Politik in die Rechtssicherheit.

 

Es gibt auf dem Arxhof Hauptregeln, die sogenannten Kardinalsregeln, welche konsequent geschützt und verteidigt werden. Sie fordern von den Bewohnern keine Gewalt, keine Anwesenheit von Drogen und kein Alkohol, keine Ausgrenzung und keine Diskriminierung. Gewalt wird tabuisiert, indem bereits die Gewaltandrohung disziplinarisch mit ein paar Tagen Arrest in einer Zelle bestraft werden kann. Das ist ein sehr niederschwelliger Umgang mit Gewalt, der sich aber für das Zusammenleben auf dem Arxhof, dessen Bewohner zu 60 bis 70% Gewalttäter sind, bewährt hat.

 

An sich selber arbeiten

Je länger die Bewohner auf dem Arxhof sind, umso mehr werden sie in die Verantwortung genommen. Gelernt wird von Vorbildern innerhalb der Gruppe. Sehr wichtig ist dafür auf dem Arxhof ein Tutoren-System. Die ersten 14 Tage wird ein neuer Bewohner von einem älteren Bewohner eingeführt und auf Schritt und Tritt begleitet. Der Tutor bringt dem Neuling die Regeln bei. Für seine Arbeit als Erziehungsassistent wird er entschädigt. Nach einer Zeit im Eintrittspavillon werden die Bewohner in einen der drei Hauptpavillons nach Deliktart in Sucht, Gewalt und Devianz (Dissoziale Störungen und sonstiges abweichendes Verhalten) eingeteilt.

 

Wichtig im Konzept ist Sport: Er hilft, Spannungen zu regulieren. Nebst dem engen und aufreibenden Zusammenleben in einer Gruppe unter Sozialpädagogischer Betreuung ist auch die Therapie ein wichtiger Eckpfeiler. Es gibt Einzel- und Gruppentherapien, erweitert auch Familientherapien. Die Bewohner wurden in ihrem bisherigen Leben allesamt nicht verwöhnt von Erfolgserlebnissen und haben teils schwerste Dissoziale Störungen. Kritik und Lob, Konfrontation und Fürsorglichkeit sind abzuwägen. Je älter die Bewohner, umso schwieriger wird das Nacherziehen. Der Bewohner soll schliesslich Reue und Scham für seine begangene Tat zeigen, was über die Arbeit an der Moral erreicht wird, und nicht über die Gesetzesstrafe.

 

Die staatlichen Lehrbetriebe des Arxhofs sind ein besonders wichtiger Bestandteil des Massnahmenvollzugs. Viele Bewohner absolvieren hier eine Lehre. In über zehn verschiedenen Berufsrichtungen kann eine Lehre oder Attestlehre absolviert werden. Auch hier gilt das Interesse der Zukunft der jungen Straftäter: Wer nach vier Jahren Arxhof und einer abgeschlossenen Lehre das Massnahmenzentrum verlässt, der hat an seiner Chance gearbeitet.

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