Kultur | 06.09.2011

Plötzlich Papi

Text von Diana Berdnik | Bilder von PD
Das Duo "Ohne Rolf" überzeugte am 1. September über hundert Gäste in der Kellerbühne St. Gallen. Mit Sprachakrobatik, vielsagender Mimik und so manchen Überraschungen brachten die beiden jungen Männer ohne Worte die Besucher zum Lachen. Sogar als es ihnen aufgrund einer Panne die Sprachlosigkeit verschlug.
Komik ohne Worte: Mit ihren Plakaten bringen Ohne Rolf auch die St. Galler zum Lachen.
Bild: PD

Auf der Bühne stehen zwei frisch gebackene Väter. Die beiden philosophieren über passende Namen für ihren Nachwuchs. Nachdem schlussendlich so manche Vornamen auf ihre Vor- und Nachteile überprüft sind und der ganze Stamm Abrahams auf den Plakaten Platz gefunden hat, entscheiden sie sich, den kleinen Schreibhals Rolf zu nennen. Kurzerhand werden ein Gotti und ein Götti aus dem Publikum rekrutiert und die Taufe vollzogen – dies alles natürlich ohne Worte, ganz plakativ.

 

Kindskopf sein und haben

Die Erziehung des kleinen Rolf gestaltet sich sehr anspruchsvoll. So muss dem Schreiberlein erklärt werden, warum aus seiner Maschine nur A3-Papier kommt und dass er noch zu klein sei für A1-Plakate. Die Fähigkeiten der zwei ausgebildeten Pädagogen kommen zum Vorschein: Mit wenig Material beginnen sie die musikalische Früherziehung und improvisieren auf der Bühne. Zudem erhält der Kleine an diesem Abend Trennkost – Trennen auf der Seite 97 im Duden. Auch wenn er seine Papis ganz schön in Anspruch nimmt, beim Aufräumen üble Schimpfwörter gefunden werden und das Papier zu klein ist für all das Geschrei, machen sich die beiden Künstler Gedanken über seine Zukunft. Jonas versucht sich als Windelleser und deutet den Kot seines Schützlings. Vielleicht werde er einmal ein tapferer Papierkrieger, steht auf seinem Plakat. Christof hofft, dass er eines Tages über den Blattrand hinaus schauen kann und vielleicht sogar stimmberechtigt wird.

 

Ohne Rolf

Einmal wieder im Ausgang die Sau raus lassen, das möchten die beiden Väter. Also stellen sie Götti und Gotti an, um den kleinen Bängel zu hüten, während sie sich in einer Papeterie vergnügen. Spontan blättern die Gäste unverhofft Plakate und kümmern sich um ihr Patenkind. Sie sind sich einig, dass Rolf eine antiplakative Bildung verdient hätte und ihm Stimmbildung ganz gut tun würde. Als der Kleine friedlich schläft, machen sie sich wieder auf den Heimweg. Zum ersten Mal bekommt das Publikum den Jungen mit der zerzausten Frisur zu gesicht. Seine Plakate werden jedoch weiterhin von der Maschine ausgespuckt. Mit viel Geschick schaffen es die Künstler, der ausdruckslosen Puppe Leben einzuhauchen. Sie zeigen, wie der Kleine einen sturmfreien Abend ausnutzt um Blätter zu rauchen. Der Rebell hört sogar verbotenerweise Radio. Er möchte eine Stimme haben, weg aus Blattland gehen, Stimmimitator werden und sich entfalten. Er ist überzeugt, dass sein Leben nicht voll und ganz vom Papierschöpfer vorgedruckt wurde.

 

Der Name wird Programm

Dann passierte es. Die kleine Hand drückt auf den Knopf der Maschine – aber kein Plakat erscheint. Jonas versucht es immer wieder, doch nichts passiert. Nach einer Schweigeminute dann das unfassbare: Christof spricht mit seiner Stimme. “Mir händ äs chlises Problem”, erklärt er dem mitfühlenden Pulbikum und öffnet die Plakatmaschine. “Si sind di erschtä wod Maschine xänd”, fügt er verlegen hinzu und versucht die Situation zu retten. Gekonnt tätschelt Jonas Rolf und improvisiert mit Gotti und Götti, während Christof das Notprogramm sucht. Auch mündlich haben die beiden so einige Witze drauf.

Schlussendlich übernimmt ein Zuschauer den Text von Rolf. Viel zu sagen hat er jedoch nicht, denn der Name wird Programm. Der Sohn verschwindet und seine Väter stehen ohne Rolf da. Sie werweissen über seinen Verbleib. Als er eines Tages wieder auftaucht, sitzen zwei Greise gebückt und mit hängender Zunge vor alten Fotobüchern. “Als du weg gingst, Rolf, hat es uns beiden die Sprachlosigkeit verschlagen”, löst Jonas den Pannentrick auf. Er hat ihnen gefehlt und doch sind sie glücklich, dass Rolf das geschafft hat, wozu sie beide nie den Mut hatten.

 

Es macht grosse Mühe, die eindrückliche Show, die ja eigentlich breits geschrieben ist, in Worte zu fassen. Die kleinen, aber feinen Gags muss man einfach selber erlebt haben. Und obwohl die durchschnittliche Haarfarbe jener des klischeehaften Kirchenbesuchers gleicht, hat die Kellerbühne für alle etwas zu bieten. Das vielfältige neue Programm ist durchaus auch für die jüngere Generation interessant. Ein Besuch lohnt sich.