Kultur | 26.09.2011

Musik für den Sommer

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg.
Der Sommer neigt sich langsam seinem Ende zu. Aber wer noch auf der Suche nach einem Soundtrack für die letzten Sommertage ist, der sollte sich unbedingt einmal die Musik vom Animal Collective anhören. Im umfangreichen Werk der Amerikaner gib es einiges zu entdecken.
Un-fassbar: Die Musik von Animal Collective verändert sich laufend.
Bild: zVg.

Das Animal Collective ist erstaunlich produktiv: Seit mehr als 10 Jahren macht die amerikanische Band fast jährlich auf sich aufmerksam, sei es in Form von Alben, EPs oder Musikfilmen. Wohl zum Leid und zur Freude ihrer Fans, die dadurch zu immer neuen Plattenschrankvergrösserungen genötigt werden und fast ununterbrochen Animal Collective hören müssen. Noch erstaunlicher ist dabei, dass Ergüsse der Band jeweils ziemlich unterschiedlich, aber immer unverkennbar nach Animal Collective klingen – man entschuldige die Phrase, aber in diesem Fall ist sie angebracht. Am erstaunlichsten jedoch ist die hohe Qualität, die sie mit ihren Werken immer wieder erreichen, was zu Entscheidungsproblemen seitens des Autors führt: Welches Album soll es denn für diesen Artikel sein? Nach zähem Ringen hat “Merriweather Post Pavilion” (MPP) aus dem Jahr 2009 den Sieg davon getragen – als Einstiegsdroge in die farbige, abenteuerliche und schräge Welt des Kollektivs.

 

Versteckte Popsongs

Auch wenn man es beim ersten Hören von “MPP” vielleicht nicht vermutet: Hinter all den dichten elektronischen Sounds, den zahlreichen eingeflochtenen Geräuschen, dem mehrspurigen und mehrstimmigen Gesang – kurz gesagt: hinter dem Chaos – hält sich der Pop versteckt. Man muss sich nur einen Weg durch die vielen Soundschichten bahnen und das Album mehrmals hören, dann stösst man auf grossartige, süchtigmachende Popsongs wie “My Girls”, “Summertime Clothes”, “Bluish”, oder “Taste”. Wochenlang spuken die Melodien dann noch im Kopf herum, ohne langweilig zu werden.

 

Schwer einzuordnen

Damit ist aber eigentlich noch nicht viel über die Musik des Albums gesagt, die wirklich schwer zu fassen ist, nicht zuletzt, weil es (zumindest dem Autor) an vergleichbaren Bands fehlt. Es passiert viel auf engem Raum, es ist poppig, manchmal melodiös, manchmal chaotisch, sonnig, unruhig, verträumt, oft abenteuerlich und immer psychedelisch (man sehe sich nur das Cover an). Am besten hört man sich das Album draussen an, vielleicht auf dem Fahrrad, im Grünen, bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher – gute Laune ist garantiert. Wenn man einen Song herauspicken müsste, dann wäre es wahrscheinlich “Brother Sport”, der vielleicht eindrücklichste Song und krönende Abschluss von “MPP”: Es beginnt mit Beach-Boys mässigem Gesang, der in einem immer intensiver werdenden, chaotischen, manche würden sagen lärmigen, Mahlstrom aus Tausenden von Klängen mündet, der urplötzlich abbricht und einer mitreissenden und euphorischen Gesangsmelodie Platz macht: Man muss einfach mitsingen, sich bewegen und sich freuen.

 

Noch viel zu entdecken

Die Grossartigkeit und Vielseitigkeit der Band haben über den Vorsatz gesiegt, nur über ein einziges Album zu schreiben. Wenigstens in einigen Sätzen müssen auch noch die anderen Alben erwähnt werden. Auf “Strawberry Jam” (2007) gibt es, im Vergleich zum elektronischeren “MPP”, mehr live eingespielte Instrumente wie Schlagzeug, Gitarre oder Bass und ist so irgendwie näher am Indierock (Anspieltipps: “For Reverend Green”, “Fireworks”). “Feels” (2005) schwankt zwischen energiegeladenen, schrägen Popsongs (“Grass”) und ruhigerem, psychedelischem Folk (“The Bees”). “Sung Tongs” (2004) ist freakiger Folk-Pop, der sich fast nur auf akustische Gitarren, Gesang und einige Effekte beschränkt (“Kids on Holiday”, “We Tigers”). Und “Here Comes the Indian” (2003) bietet eine aberwitzige Reise ins Land des Noise, Musik voll von Geräuschen und ohne reine Klänge. Tiefer ist der Autor zum Zeitpunkt dieses Artikels noch nicht in den Animal Collective-Kosmos eingedrungen. Aber die Reise geht weiter.

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