Gesellschaft | 12.09.2011

“Man kann nicht nicht lernen”

180 Lehrpersonen fanden in Thun am letzten Samstag zu einer Weiterbildung über altersgemischtes Lernen zusammen. Die Schule müsse individueller, beweglicher, verschiedener und natürlicher werden, sagten die Referenten. Einen Beitrag dazu leiste das altersgemischte Lernen.
Publikum vom Fach: Lehrerinnen und Lehrer an der Tagung "Unterwegs zum natürlichen Lernen".
Bild: Elias Rüegsegger Referenten zum altersgemischten Lernen (v.l.n.r.): Alfred Hinz, Ulrike Kegler, Regula Enderle und Xavier Monn.

Revolutionär sind die Forderungen der Verfechtern des altersgemischten Lernens nicht mehr. Die Schüler lernen besser, wenn sie ihre Arbeiten selbst planen, sich austauschen und jeder in seinem Lerntempo arbeitet. Dieser Ansicht war die Mehrheit der Lehrpersonen, welche letztes Wochenende an der Weiterbildung unter dem Thema “Unterwegs zum natürlichen Lernen” dabei war.

 

Paul Michael, Lehrer, Publizist und Mitorganisator der Tagung erklärte: “Lehrer sind oft die einzigen, die sich im Lehrraum bewegen dürfen.” Nicht mit altersgemischtem Lernen. Ständige Bewegung der Schüler ist unumgänglich, da individuell gearbeitet wird. Ulrike Kegler ist Schulleiterin der Montessori-Schule in Potsdam und forderte mehr Bewegung auf dem Lernweg der Schüler: “Die Kinder sollen nicht ‘eingestuhlt’, sondern eingeschult werden.”

 

Was altersgemischtes Lernen angeht, sei die Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen eine 30-jährige Erfolgsgeschichte, lobte Paul Michael Meyer. Der langjährige Schulleiter dieser Schule, Alfred Hinz provozierte, verblüffte und amüsierte die anwesenden Lehrpersonen mit Gedanken zum Lernen, Lehren und zur “neuen Schule”. “Ich bin kein Theoretiker, ich liebe die Kinder”, sagte Hinz. Er glaube, dass das altersgemischte Lernen einen Beitrag zur Entfaltung des Kindes leiste. Regula Enderle, die an einer altersgemischten Sekundarschule unterrichtet, plädierte dafür, nicht nur in den Einheiten Lektion und Fach zu lernen. “Natürlich lernen findet statt, man kann nicht nicht lernen.” So solle vermehrt fächerübergreifend und in Lernphasen, nicht in Lektionen gearbeitet werden.

 

Verschiedenheit als Chance

“Wir sind diejenigen, welche gute Schule machen können. Wir sind aber auch das Problem, weil wir uns nicht trauen, zu neuen Ufern aufzubrechen”, sagte Ulrike Kegler. Sie machte den Pädagogen zugleich Mut: “Die Verschiedenheit innerhalb einer Schulkasse müssen wir als Chance sehen und nicht als Handicap.”

 

Erfüllen Kinder in altersgemischten Klassen, die das natürliche Lernen anstreben, den Lehrplan, nehmen sie die Schule noch ernst? Diese Frage wird Kegler häufig gestellt. “In Wahrheit leisten die Kinder viel mehr, wenn sie emotional beteiligt sind. Nur leisten nicht alle dasselbe, das wollen wir auch nicht”, meinte sie. Regula Enderle bekräftigte: “Das individuelle, natürliche Lernen hat nichts mit Kuschelpädagogik zu tun. Wir haben Regeln, setzen aber auf Eigenverantwortung der Schüler. Wer denkt, das funktioniere nicht, soll uns besuchen kommen.”

 

Wie wird die Leistung der Schülerinnen und Schüler gemessen, wenn auf individuelles Lernen gesetzt wird?  Schulleiter Alfred Hinz sähe am liebsten keine Noten mehr und setzt auf ein persönliches Feedback zu Arbeiten der Schüler. “Was sagt denn eine sechs oder eine drei über die Leistung des Schülers aus? – Nichts”, meinte er. Lehrer könnten ein Kind auch so bewerten und bräuchten dazu kein bequemes Mittel wie das Notensystem.

 

“So müsste Schule sein”

Das Institut für Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule Bern und die Kommission für Mehrklassenanliegen vom Berufsverband Lehrerinnen und Lehrer Bern organisierten die Tagung zum altersdurchmischten Lernen zum vierten Mal in Thun.

 

Etwa 180 Lehrpersonen aus der ganzen Schweiz trafen sich zum Gedankenaustausch über das altersdurchmischte Lernen. Viele der anwesenden Lehrer unterrichten bereits heute in dieser Form und fühlten sich bestätigt: “Ich merke, dass ich einen nützlicheren Job mache, seit ich altersgemischt unterrichte”, sagte Urban Saier-Suppiger. Er unterrichtet an einer Gesamtschule. Auch Mirjam Ogi unterrichtet altersgemischt, sie konnte von der Tagung viel profitieren: “Was ich heute gehört habe, ist eigentlich das, wovon ich träume. So müsste Schule sein.”