Gesellschaft | 29.08.2011

“Wir wollen keine Sonderbehandlung”

Text von Elias Rüegsegger | Bilder von Elias Rüegsegger
Leben ohne Ton, Leben mit einer Hörbehinderung. Was denken Betroffene darüber? Rund 30 Jugendliche aus der Schweiz und Deutschland verbrachten von 19. bis 21. August ein verlängertes Wochenende miteinander. Beim nachmittäglichen Golfspiel erzählten sie Tink.ch von ihrem Alltag.
Gehörlose mit einem Cochleaimplantat (CI) brauchen den Blickkontakt mit dem Gegenüber, damit sie aus den gehörten Wortfetzen den Sinn des Gesagten kombinieren können. Laura Marti (26) und Alwin Sutter (27) vom Verein "Jugehörig". In diesem Netzwerk können sich Menschen mit Hörbehinderung, Hörende und Experten informieren und austauschen.
Bild: Elias Rüegsegger

Junge Menschen spielen Golf in Tschugg, etwas oberhalb von Erlach am Bielersee. Ihre Gemeinsamkeit, die Hörbehinderung, verbindet sie und ist denn auch ein Gesprächsthema. Etwas im Schatten, denn die Sonne glüht, steht Elisa Roost, 25 Jahre alt. Sie ist eine von 700’000 in der Schweiz lebenden Personen mit einer Hörbehinderung. Ohne Hörgeräte hört sie nichts; ein Handicap, das nicht auf den ersten Blick erkennbar ist: “Die Leute merken schon, dass mit mir etwas nicht gut ist, aber sie kommen nicht auf die Hörbehinderung, sondern denken, ich hätte einen Sprachfehler.”

 

Der einzige optische Hinweis seien die Hörgeräte in beiden Ohren. Roost benötige diese aber nicht zwingend, sondern eher als Ergänzung, wie sie sagt. “Ich bräuchte die Hörgeräte eigentlich nicht, da ich alle Worte dem Gegenüber von den Lippen ablese.” Da Roost sich selbst nicht hört, spricht sie nicht lupenrein, sie stolpert über Buchstaben, verschluckt halbe Wörter und die Tonlage ihrer Stimme verändert sich immer wieder. Doch dank jahrelangem Logopädieunterricht ist es ihr heute überhaupt möglich, zu kommunizieren.

 

Der Weg in die Berufswelt

Der 27-jährige Alwin Sutter aus Steffisburg hat dieses Wochenende organisiert unter der Federführung vom Verein “Jugehörig”, einem Verein für junge schwerhörige Menschen. “Hier soll der Dialog zwischen den Hörbehinderten gefördert werden”, so Sutter. Gespräche mit Betroffenen seien jedoch mindestens ebenso wichtig wie mit Hörenden oder Experten. “In der Schule für Hörbehinderte bist du noch geschützt, später in der Arbeitswelt aber aufgeschmissen. Ziel dieses Wochenendes ist es, dass sich bereits im Berufsleben integrierte junge Menschen mit Jugendlichen austauschen, die diesen Schritt noch nicht gemacht haben.”

 

Sutter selbst habe Schwierigkeiten gehabt, einen Job zu finden, sagt er. Viele Absagen seien gekommen, weil er seine Hörbehinderung in der Bewerbung angab. Er braucht den Blickkontakt mit dem Gegenüber, damit er aus den Wortfetzen, die er dank seines Cochleaimplantats (CI) hört, den Sinn des Gesagten kombinieren kann. So kann er sich gut konzentrieren und fokussieren. Dies gelinge Menschen mit einer Hörbehinderung, so vermutet Sutter, besser, da man weniger von Nebengeräuschen abgelenkt ist. Das Cochleaimplantats (CI) ist eine Prothese, welche die Aufgabe des Innenohres übernimmt. Dabei werden Elektroden in der Ohrschnecke im Innenohr, der Cochlea integriert, wo sie elektrische Impulse direkt auf den Hörnerv leiten können.

 

Nicht nur Theorie

Laura Marti macht zurzeit ein Anwaltspraktikum, sie trägt ein Hörgerät und klagt über die Hitze. Gemeinsam mit Sutter ist sie im Leitungsteam von “Jugehörig”. “Ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, Lehrpersonen, die ein Kind mit einer Hörbehinderung in der Klasse haben, über Probleme aus eigener Erfahrung zu informieren”, sagt Sutter. Ein Tabu für Lehrpersonen ist zum Beispiel, an die Wandtafel zu schreiben und gleichzeitig zu sprechen, sagt Alwin, denn so könne der schwerhörige Schüler die Lippen nicht erkennen. Marti ergänzt: “Es ist viel eindrücklicher, wenn jemand über das Thema spricht, der von einer Hörbehinderung betroffen ist, als wenn eine Fachperson ‘nur’ Theorie zu erzählen weiss.”

 

“Jugehörig” wird mit Sponsorengeldern und Spenden finanziert. Dieses Geld fliesst in gemeinsame Anlässe und Ausflüge mit allem Drumherum. Zu Letzterem zählen etwa an diesem heissen Nachmittag die Golfschläger und erfrischendes Wasser. “Letztes Jahr gab es sogar ein internationales Lager, da waren Leute aus der Schweiz, Deutschland, aber auch aus Burkina Faso und aller Herren Länder dabei. Das war ein grosses Projekt”, erzählt Marti begeistert.

 

Stärker visuell orientiert

Jede Schwerhörigkeit ist anders, sie variiert von Person zu Person. Manche haben weder Hörgerät noch CI und kommunizieren mit der Gebärdensprache, andere verstehen ihr Gegenüber sehr gut, dank Training und Hörgeräten. “Trotz der Behinderung: wir wollen keine Sonderbehandlung”, stellt Sutter klar. Er sei schliesslich ein Teil dieser Gesellschaft und komme wie die meisten Menschen mit Hörbehinderung weitgehend ohne Hilfe zurecht.

 

Wäre denn für die Jugendlichen mit einer Hörbehinderung schlimmer, wenn sie nichts sehen statt nichts hören würden? Es finden sich individuelle Antworten. Laura merkt an: “Für viele Hörende ist es die schlimmste Vorstellung nichts zu hören. Ganz nach dem Motto: ‘Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen'”, zitiert die 26-Jährige den deutschen Philosphen Immanuel Kant. “Wir sind halt stärker visuell orientiert, Sehen bekommt für uns eine ganz andere Bedeutung”, erklärt Sutter.

 

Der Nachmittag in Tschugg bleibt heiss, das Quecksilber im Thermometer steigt nach oben. Etwas neidisch sind die Jugendlichen auf jenen Teil der Gruppe, der heute Nachmittag das Bad im Bielersee geniesst. Wie sich wohl das Geräusch vom Flugzeug, das über dem Himmel von Tschugg auftaucht, in den Ohren der jungen Menschen anhört?

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