Kultur | 30.08.2011

Winterthur im Wetterglück

Namhafte Bands mitten in einer beschaulichen Altstadt? Ein Rockkonzert mit Sinfonieorchester? Winterthur macht's möglich: Während neun Tagen wird die Stadt zu einem regen Kulturbetrieb: mit Konzerten, Filmen, Theateraufführungen und mehr.
Das Highlight des Abends: Archive aus London.
Bild: Tobias Söldi Indie-Rock aus Belgien: Absynthe Minded. Auch Deus sind ein belgischer Export. Gitarren, Trip-Hop und Orchesterklänge machten das Archive-Konzert zu einem echten Erlebnis.

Petrus hat es letzten Samstag gut gemeint mit den Musikfestwochen. Am Morgen regnete und stürmte es noch so stark, so dass einem angst und bange um den anstehenden Konzertabend in Winterthur werden konnte. Der fand nämlich unter freiem Himmel mitten in der Altstadt von Winterthur statt. Regen hätte da eher für Misstöne gesorgt, aber zum Glück hellte sich der Himmel im Verlauf des Tages auf. Gelegentlich liess sich gar die Sonne blicken. Ein bisschen erinnert die Steinberggasse, die eigentlich mehr Platz als Gasse ist und so genügend Raum für zahlreiches Publikum bietet, an die Piazza Grande in Locarno, wo am Moon & Stars-Festival ebenfalls Musik gespielt wird. In Winterthur ist zwar alles etwas kleiner und intimer, deswegen aber auf keinen Fall zu unterschätzen – weder musikalisch noch visuell. Rundherum von Häusern umrahmt bietet der langgezogene Platz eine stimmungsvolle Kulisse für schöne Konzerte.

 

Indierock mit Folk-Anstrich

An diesem Abend spielen gleich drei Bands. Den Auftakt macht die belgische Gruppe Absynthe Minded. Sie spielen melodiösen, Indie-Rock, oft ruhig und akustisch, mal jazzig, mal lauter und verzerrt. Ihre Musik lebt besonders von der markanten Stimme des Sängers Bert Ostyn, die in ruhigen Momenten Erinnerungen an Chris Martin von Coldplay weckt. Die Violine und der mehrstimmige Harmoniegesang gibt der Band dabei einen leicht folkigen Anstrich. Ein angenehmer Auftakt für die folgenden Konzerte.

 

Näher an der Tanzfläche

Dass man eine Violine auch wie eine Gitarre halten und spielen kann, wird einem an diesem Abend gleich zweimal unter Beweis gestellt. Denn auch die etwas bekannteren Landesgenossen von Absynthe Minded, dEUS, haben einen Fiedler in ihren Reihen. Allerdings haben die schon ein wenig älteren Herren – sie musizieren schliesslich schon seit Beginn der 90er Jahre zusammen – das Folkige gegen rockigere Klänge eingetauscht und liebäugeln ab und zu gar mit der Tanzfläche. Besonders in den düsteren, basslastigen, ruhigen Songs entfaltet die Band einen dunklen, verführerischen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Passend zum Einbruch der Nacht.

 

Rock mit Orchester

Danach steigt die Spannung. Im hinteren Teil der Bühne werden zwei erhöhte Reihen mit Stühlen aufgebaut, auf denen das Sinfonieorchester Camerata Schweiz Platz nehmen wird. Archive unterstützt von einem ganzen Orchester Schweiz-exklusiv in Winterthur: Da schnellen die Erwartungen in die Höhe, besonders wenn man die Londoner Band von früheren, grossartigen Konzerten kennt. Die ersten Töne spielt dann auch das Orchester allein, bevor nach einigen Minuten die Band brachial mit einsteigt. Die Musik von Archive ist oft repetitiv, düster rockend und ausufernd, aber auch mit fragilen Zwischentönen versehen. Angefangen hat die Band übrigens mit Musik im Trip-Hop-Stil. Ihr Debut-Album Londinium von 1996 ist immer noch eine empfehlenswerte Ergänzung zu den klassischen Trip-Hop-Alben von Massive Attack, Portishead oder Tricky. Vor allem in der groovenden, meist von einem schweren Bass unterstützten Rhythmik hört man die Wurzeln der Band noch heraus. Mit der Zeit hat sich die Band aber eher hin zu einem rockigeren, progressiveren Stil entwickelt, in dem sich aber der Rapper aus den alten Zeiten, der für einige Songs auf die Bühne gebeten wird, überraschend gut integriert. Das sorgt für Abwechslung.

 

Gelungene Kombination

Das Orchester tritt besonders in den ruhigen Stellen hervor, manchmal droht es aber hinter der mächtigen Soundwand der Band unterzugehen, was jeweils etwas schade ist. Dennoch gelingt in den besten Momenten, die sich gegen das Ende des Konzerts bis zum grossartigen Finale zunehmend häufen, die Kombination von verzerrten, heftigen Gitarren, Orchesterklang und trip-hoppigen Elementen. Dass die Band dann nach etwa eineinhalb Stunden ohne Zugaben von der Bühne geht, passt zu der Monumentalität und Ernsthaftigkeit ihres Auftritts. Mehr wäre auch nicht nötig gewesen. Und auch die Füsse danken es einem. Schliesslich ist man schon seit einigen Stunden auf den Beinen.

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