Kultur | 23.08.2011

“Viel Talent versickert im Nichts”

Die "Modern Day Heroes" spielen treibenden Rock mit singenden Gitarren. Im Interview spricht Bandleader Serge Christen über die Entstehung ihrer Musik und warum er sich für junge Musiker einsetzt.
Serge Christen will auf der Bühne vor allem Spass, für sich und für das Publikum.
Bild: Janosch Szabo In Aktion auf der X-Days Bühne: "Biel ist sozusagen unser Zentrum."

Tink.ch: Ihr kommt gerade von eurer Sommertour mit vielen Festivals in ganz Europa zurück. Der Gig an den X-Days in Biel ist euer Tourabschluss. Wie ist das, hier zu spielen?

Serge Christen: Es ist schön wieder hier zu sein und aufzutreten. Im Mai hatten wir als Band vereinbart, dass wir allen zusagen, die uns für ein Festival anfragen. Es ist purer Zufall, dass gerade die letzte Anfrage von den Organisatoren der X-Days kam. Wir haben einen besonderen Bezug zu Biel, jede unserer Plattentaufen fand hier statt. Biel ist sozusagen unser Zentrum.

 

Es sind aber nicht alle Bandmitglieder aus Biel.

Nein, Simon ist aus Bern und Yves ist Bündner. Nur ich bin Bieler. Ich habe mein Tonstudio hier, und unser Bandraum ist in der Nähe. Wir sind gerne hier. Dass wir die Leute kennen, macht es allerdings nicht einfacher, aufzutreten.

 

Du spielst an den X-Days ohne Gage, nur auf Spesen. Warum machst du bei solch einem Event mit, wenn du nichts dabei verdienst?

Wenn Leute etwas so Cooles auf die Beine stellen, muss man das auch unterstützen. Ich finde es wunderbar, was hier gemacht wird. Der Event ist für Junge und eintrittfrei. Deshalb spielen wir ohne Gage, die X-Days wären sonst gar nicht durchführbar.

 

Weshalb machst du Musik?

Hauptsächlich aus Spass. Früher, im Mittelalter, war die Musik im tristen Alltag zur Unterhaltung da. Musik war, was ein Lautenspieler halt gemacht hat. Dieses Dienliche ist das, was wir tun wollen. Wir wollen den Menschen irgendwie aus dem Alltag heraus helfen.

Klar geht es auf der Bühne darum, dass wir mit Freude richtig reindreschen können. Aber genauso wichtig ist uns, dass die Zuhörer Spass haben. Ich liebe es, wenn die Show interaktiv ist und die Leute mitmachen. Sie opfern ihre Zeit und sie sollen profitieren. Letzte Woche spielten wir am Blue Balls Festival in Luzern. Am Ende der Show ist jemand nach vorne zur Bühne gekommen, hat mir 50 Franken in die Hand gedrückt und gesagt “bitte spielt noch einen Song!” Das hat mir viel bedeutet.

 

Du engagierst dich sehr für Newcomerbands, warst letztes Jahr in der Jury beim “Soundcheck”, einem Bandcontest für junge Musiker aus Biel und Umgebung. Warum?

Als ich jung war, gab es keine Künstlerförderung. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, wo Musik überhaupt nicht angesagt war. Geübt habe ich nur für mich, niemand hat mich ermutigt und gesagt “Gib Vollgas. Mach weiter!”

Als Musiker konnte man fast nicht überleben und die Leute reagierten mehrheitlich negativ darauf. Es war ein riesiger Kraftaufwand da etwas zu erreichen. In anderen Ländern gibt es, im Gegensatz zur Schweiz, viel Kulturförderung. Ohne Glück versickert hier viel Talent im Nichts. Ich hatte Glück, und mir haben sich hier und da einige Türen geöffnet, so dass ich jetzt von der Musik leben kann. Aus Dankbarkeit möchte ich etwas zurückgeben und investiere einen Teil meiner Zeit deshalb in die Kulturförderung.

 

Wie entsteht eure Musik, wie läuft euer kreativer Prozess beim Songwriting und beim Texten?

Seit Simon vor eineinhalb Jahren zu uns gekommen ist, hat sich unser Songwriting verändert. Viele Lieder entstehen spontan beim Proben, sie kommen von innen heraus, entstehen interaktiv. Da ist ein Takt, es ergibt sich was auf der Gitarre und dann kommt der Bass dazu. Wir machen Bauchmusik.

 

Welches sind die Inhalte, die ihr mit eurer Musik vermitteln wollt? Was ist eure Message?

Unsere Songs behandeln immer ein Thema. Wenn wir einen Rocksong abdrücken, dann ist die Musik geladen, darum singe ich über ein “chlepfiges” Thema, nicht über Melancholisches. Die Thematik ist mir wichtig. In der Welt gibt es viele demotivierende Dinge. Es ist schwierig, da den Kopf hochzuhalten. Überall werden negative Nachrichten verbreitet. Zu meiner Lebensphilosophie gehört aber die Überzeugung, dass es mehr als diese Probleme gibt. Klar gibt es viel Schweres, und wenn zum Beispiel ein Familienangehöriger stirbt, darf man das nicht zu leicht nehmen. Aber bei den meisten Problemen kann man trotzdem darüber hinausblicken.

 

Ich will eigentlich eine glückliche Botschaft überbringen. Wenn ich Songs habe, die nicht happy beginnen, kommt am Schluss eigentlich immer das Licht am Ende des Tunnels. Ich will mit meinen Songs Hoffnung bringen. Als Beispiel der Song “I need a Revolution!”. Jeder braucht sie, jeder muss sich ändern. Für mich ist mein Milchkaffee am Morgen meine kleine Revolution. Sie kann mal grösser, mal kleiner sein. Manchmal muss man einfach die Sau rauslassen. Darum ging es auch in den 60er und 70er Jahren im Rock. Manchmal muss man aus sich rauskommen und ausflippen. Allerdings mit einem guten Spirit, sodass eine positive Veränderung daraus hervorgeht. Es gibt Musik, die ist schwer und melancholisch, die zieht einen runter oder macht aggressiv. Das ist, was wir nicht wollen. Unsere Musik soll positiv sein.