Sport | 14.08.2011

Pirat auf dem Brett

Cedric Romanens (27) ist einer der Skater-Cracks an den X-Days, Speaker ausserdem und Host des Skatecontest - ein umtriebiger junger Mann mit Bieler Wurzeln. Cedi, wie ihn seine "Homies" nennen, kennt die Szene, er lebt mittendrin.
"Mir si Pirate", sagt Cedric Romanens, genannt Cedi. Er meint damit den Lebensstil, den er mit seinen "Homies" pflegt.
Bild: Raphael Moser Cedi in der Miniramp an den Bieler X-Days. Cedis Credo bezüglich Geld: Man braucht nur so viel, wie man braucht, um über die Runden zu kommen -“ mehr bringt nur Unglück. Aufgewachsen ist er in Nidau, kennt Biel mit all seinen Ecken und Kanten, und lebt jetzt in Laax.

Das kurze Lachen verschmilzt mit einem Aufschrei. Ein freudig-entsetzter Gesichtsausdruck. Arme und Beine fliegen in die Luft, wie die Plastikglieder einer Crash Test Dummy-Puppe beim Aufprall mit einem Auto. Dann freier Fall. Tunnelblick. Aufprall. Der hölzerne Untergrund bietet keine Dämpfung für den 1,85 Meter grossen Körper. Voller Bodenkontakt. Die Zeit steht still. In den Gesichtern der Zuschauer ein Ausdruck von Mitleid, gemischt mit purer Panik und Besorgnis. Cedric Romanens springt auf, lacht schallend, amüsiert über die geschockten Zuschauer. Ungläubigkeit geht in Bewunderung über. Der 27-Jährige schnappt sich sein Skateboard, nimmt Anlauf und rennt die 1,4 Meter hohe Rampe hinauf, um sich erneut mit seinem Brett in die Halfpipe zu stürzen.

 

Beim 101. Versuch

Wichtig sei vor allem, dass man jeden Trick immer wieder probiere, auch wenn man hundert Mal “auf die Fresse” fliege, sagt Romanens. Beim 101. Versuch klappe es bestimmt. Das ist der Freestyle, den er verinnerlicht hat, lebt, und weitergeben will. Aufgewachsen in Nidau kennt er das nahe Biel mit all seinen Ecken und Kanten, die er gerne auch als Rampen oder Schanzen sieht und nutzt. “Für üs isch das New York gsi”, sagt er träumerisch und nicht ohne Stolz, wenn er an seine Kindheit zurückdenkt. Mit 12 Jahren stand er das erste Mal auf einem Skateboard.

 

Verwaschenes T-Shirt, enge Röhrenjeans, ein einfacher Stoffbändel als Gurt, braun getönte Sonnenbrille, ein Oberlippenschnauz und seine unverkennbaren Wuschelhaare machen ihn zu dem Cedi, den heute fast jeder in Biel kennt. Zu Hause ist er aber in Laax, da sei es “einfach grün, ruhig und schön”. Er arbeitet dort bei verschiedenen sozialen Kinder- und Jugendprojekten mit. Heisst: “die Kiddies zämebringe und öbbis mitne undernäh”. Im Winter ist er Snowboardlehrer, zwischendurch bietet er kleine Breakdance-Workshops an. Hier ein Job, da ein Job. Immer temporär.

 

Eine Festanstellung kommt für ihn nicht in Frage. Lieber gibt er 120 Prozent, in den paar Monaten, die er arbeitet, um dann wieder sein Skateboard an den Rucksack zu schnallen und auf Reisen zu gehen. In die grossen Städte wie Berlin ziehe es ihn und seine “Homies”. Cedi meint damit seine Kollegen aus der Skaterszene. Eingepackt oder geplant wird nicht viel: Ein Ticket für hin und zurück, ein Skateboard und ein paar Klamotten. Wo er schlafen wird, sieht er dann vor Ort. Da gebe es immer jemanden, der eine “vermoderte Couch” rumstehen habe. Geben und nehmen ist nicht nur Cedis eigener Kodex. So sei es in der Szene allgemein. “Wenn halt mal deine Schuhe kaputt gehen, hilft dir ein ‘Homie’ aus, und du gibst ihm dafür ein neues Brett, wenn er mal eines ‘gekillt’ hat. So einfach ist das.”

 

Skaten ist eine Lebenseinstellung

Nach den Reisen geht es für Cedric Romanens jeweils zurück in die Schweiz, wo er sich wieder seinen Projekten und der Arbeit widmet und die Schrammen ausheilen lässt. “Skate cha di töte”, sagt er und schaut etwas verträumt zur Rampe rüber. Aber wenn man das Brett unter den Füssen spüre, wenn man dieses Gefühl einmal kenne, dann rückten Prellungen weit in den Hintergrund. Skaten ist eine Lebenseinstellung, ein Hobby, ein Beruf, ein Sport, ein Markenzeichen der Szene.

 

“Mir si Pirate”, sagt Cedi und spricht dabei von seiner Lebensweise als Freestyler. Was das genau bedeutet, ist an seinem Lebensstil zu erkennen: Der gewöhnliche Alltag geht ihm gegen den Strich. Das Arbeiten für persönlichen Reichtum findet er überflüssig. “Man braucht nur so viel, wie man braucht, um über die Runden zu kommen – mehr bringt nur Unglück.” Neue Impulse und Ideen gibt ihm der Freestyle.

 

Ein Fuss auf dem Brett, den anderen bereit zum Absprung. Volle Konzentration. Tunnelblick. Dann geht es los. Auf der einen Seite hinunter, auf der anderen hinauf, und möglichst irgendwo einen Trick einbauen – Skaten ist wie das Leben.