Gesellschaft | 15.08.2011

Explodierte Zeitbombe

Text von Jan Müller | Bilder von Flickr/Andy Armstrong
Was mit einer kleinen Demonstration vor einer Polizeistation begann, entwickelte sich sehr schnell zu dem, worüber die Medien ausgiebig berichteten: Englische Jugendliche plünderten Geschäfte, brannten Gebäude nieder und suchten Schlachten mit der Polizei. Nun scheint zumindest zwischenzeitlich etwas Ruhe eingekehrt zu sein. Ein Hintergrundbericht über die Unruhen in England.
London im Ausnahmezustand. Jugendliche und Polizisten liefern sich Strassenschlachten.
Bild: Flickr/Andy Armstrong

Der englische Fussball-Blog „A fine lung“ publizierte zu den Krawallen der letzten Woche folgendes Statement: „Nimm eine Gesellschaft, in der Geld der einzige Weg ist, um voranzukommen. Nimm eine Gesellschaft, in der das reichste Prozent der Bevölkerung 20 Prozent des Reichtums besitzt, und die ärmsten 50 Prozent nur sieben Prozent. Du kriminalisierst sie dafür, daß sie sich in Gruppen zusammentun und nennst es antisozial. Und wenn sie dann aus den Vierteln herauskommen, in die du sie eingesperrt hast, um sich auf Straßen, die ihnen von der Polizei verweigert werden, aus Läden, die ihnen den Eintritt verweigern, die Waren zu holen, die sie sich nicht leisten können, dann ist alles was du sagst: Das ist reine Kriminalität.“

 

Kritische Stimmen werden lauter

Diese kritische Meinung steht nicht alleine da. Die Arbeitslosigkeit in den betroffenen Gebieten ist besonders bei den Jugendlichen gross. Die Aussicht auf Erfolg folglich daraus klein. Weiter hält die Regierung an ihrem harten Sparkurs fest unter anderem extrem bei der Jugenarbeit. Dadurch mussten viele Jugendzentren geschlossen und Jobschaffungsprogramme eingestellt werden. Das Budget der Jugendarbeit im Stadtteil Haringey, wo die Unruhen ihren Ursprung fanden, wurde um 75% gekürzt. Die Jugend fühlt sich im Stich gelassen und sieht der Zukunft mit Angst entgegen.

 

Reaktionen der Regierung

Premierminister Cameron meinte zu den Krawallen: «Wer alt genug ist, Verbrechen zu begehen, ist auch alt genug, die ganze Macht des Gesetzes zu spüren-. Die Polizei meldete sehr viele Verhaftungen. Die Verhafteten werden in Schnellverfahren vor Gericht gestellt. Die Gerichte hatten zeitweise durchgehend geöffnet, derart viele Verhaftete gab es zu beurteilen. Augenzeugen berichteten, dass willkürlich Leute verhaftet wurden, ohne dass man ihnen etwas nachweisen konnte. Nachdem die Polizei zuerst relativ hilflos versuchte, die Leute von der Strasse zu kriegen. Schaffte man es später die Krawalle zu unterdrücken. Alleine in London wurden für dies allerdings über 16’000 Polizisten benötigt. In anderen Städten gelang dies ebenfalls mit einer extrem grossen Polizeipräsenz. Bei der Bevölkerung ist der Unglaube über all die Zerstörung gross und so mancher wünscht sich nur noch Ruhe. Mancherorts ist der Unglaube in Wut über die Krawallmacher übergegangen.

 

Betroffen sind arme Regionen

Die Krawalle in den Städten beschränkten sich zwar nicht nur auf die ärmeren Viertel, dort war allerdings ihr Ursprung und der Hauptaustragungsort. Ein in den Medien oft zitierter Anarchist nannte die Ausschreitungen: „Das ist der Aufstand der Arbeiterklasse. Wir verteilen den Wohlstand um“. Betroffen von den Randalen waren allerdings nicht, wie dieser Spruch vermuten lässt, die für den Wohlstand zuständigen Institute wie Banken, die Regierung oder die reichen Viertel. Viel mehr betroffen waren die ärmeren Viertel direkt. So wurden beispielsweise viele Wohnhäuser angezündet und lokale Geschäfte geplündert. Politisch dürfte diese Art von Krawallen also nur sehr schwer einzuordnen sein.

 

Organisation über soziale Netzwerke

Wie bereits während den Studentenunruhen im Iran 2009 und bei den Geschehnissen in Nordafrika dieses Jahr, sowie bei den Empörten in Spanien, organisierte man sich in England zumeist über soziale Netzwerke. Sehr beliebt waren die Dienste Twitter und Youtube. Neben diesen wurde in England der BlackBerry Nachrichtendienst „BBM“ rege verwendet. Die Nachrichten werden vom Blackberry-Hersteller RIM verschlüsselt, welcher jedoch verlauten liess, dass man die Daten den Behörden uneingeschränkt zur Verfügung stellen möchte. Beim Kurznachrichtendienst Twitter haben sich die Hashtags #LondonRiots und #UKRiots durchgesetzt.

 

Grosse Verzweiflung

Ein Fernsehreporter fragte einen jungen Mann, ob Krawalle der richtige Weg seien, um sich auszudrücken. Der Gefragte antwortete: „Ja! Würden Sie ansonsten mit mir sprechen?“ Als der Reporter auf die Gegenfrage keine Antwort hatte, meinte der Mann: „Vor zwei Monaten marschierten mehr als 2000 von uns zu Scotland Yard. Alle vermummt, aber es war ruhig und friedlich. Und wissen Sie was? Kein einziges Wort in den Medien. Letzte Nacht gab es dann ein paar Ausschreitungen. Und jetzt schauen Sie sich um.“