Kultur | 03.08.2011

Es war einmal vor langer Zeit…

Text von Mathias Schaub, Uwe Bieri | Bilder von OASG
...das schönste Openair, weit und breit. In St. Gallen. Eine kleine Rückschau, zur Erinnerung, für die Vorfreude aufs nächste Jahr.
Solange la Frange Digitalism Mogwai The National.
Bild: OASG

Donnerstag

Bei strömenden Regen und Gewitter nächtigte bereits der harte Kern der Openair St.Gallen Fans vom Mittwoch auf den Donnerstag in der Warteschlange beim West-Eingang um bei der Geländeöffnung ganz vorne dabei zu sein. Um sich einen ebenen Zeltuntergrund zu ergattern nimmt man dies auch gerne in Kauf. Vier Tage gute Musik, sympathische Leute und Party ohne Ende erwarteten die Besucher.

 

Dieses Jahr eröffneten Johnossi aus Schweden das Festival. Die beiden Schweden rockten trotz  instrumentaler Unterbesetzung (John, Gitarre und Ossi, Schlagzeug) mit extrem breitem Sound die Zeltbühne. Konsequent führen sie ihren folkigen Indierock des Debütalbums in Richtung Stadion-Hymnen. Dies passte perfekt hierhin, auch wenn wir die leisen feinen Töne doch ein wenig vermissten.

 

Während Culcha Candela die Bühne eroberten, wurden noch die letzten Heringe im durchweichten Boden des Sittertobels versenkt um dann ausgelassen zu “Solange la Frange” aus Vevey sein Tanzbein zu schwingen. Ein sehr gelungener Auftritt. Ihr elektronischer Rock (oder rockender Elektro?) löste Begeisterung unter den zahlreich erschienen Nachtschwärmern aus.

 

Freitag

Nach einer sehr kurzen Nacht machten sich am nächsten Morgen die Nachteile eines nahe am Flussufer gebauten Zeltes bermerkbar. Anstatt vom lieblichen Vogelgezwitscher des Sittertobels wird man hier von den Helden der letzten Nacht geweckt, die sich über Zeltschnüre stolpernd und an Heringen stossend zwischen unseren Zelten durchgekämpften um gleich dahinter ihr metabolisiertes (verstoffwechseltes) Partyelixier wieder der Natur zurückzugeben.

 

Aber nach einem Frühstücksbier und einem erfrischendem Bad in der Sitterschlaufe, hatte man das unsanfte Openair-Erwachen schnell vergessen und konnte sich dem wirklich Wichtigen zuwenden – den Bands. Für gute Unterhaltung kümmerten sich am heutigen Tag vor allem die Angehörigen der angelsächsische Rockfamilie,  mit The Vaccines und Elbow von der Insel und TV on the Radio und Janelle Monae aus den Staaten. Für ein Tanz-Inferno sorgten am Abend die Elektroniker von Digitalism und Boys Noize aus Deutschland.

 

Samstag

Der dritte Openair-Tag – langsam muss der Körper auf seine unter dem Jahr aufgebauten Festival-Reserven, zurückgreifen. Nur dank den stampfenden Beats und den eingängigen Melodien von Alvin Zealot, den Zauberrockern aus Luzern, schafften wir es früh morgens um 12.00 Uhr unsere Zelt zu verlassen.

 

Am späten Nachmittag dann der Auftritt der kanadischen Crsytal Castles. Wir hatten uns sehr auf ihren Auftritt gefreut, aber die Bühnenzeit der Atari-Synthi-Experimentierer war völlig unpassend gewählt. Wie verängstigte Kirchenfledermäuse, die zum ersten Mal seit Wochen wieder Sonnenlicht ausgesetzt waren, kamen sie auf die Bühne und versuchten sich hinter ihren Instrumenten zu verstecken. Erst nach dem die Sonne von den Wolken verdeckt wurde und die nachtaktiven Kanadier sich mit Bourbon einen künstlich Schutzschild gegen die Sonne zulegten, kam etwas Stimmung auf.

 

Ganz anders der darauffolgende Akt. Das John Butler Trio, sorgte von Anfang an für eine pulsierende Atmosphäre und anspruchsvolle Griffbrettakrobatik. Die Jungs von Linkin Park, der grosse Headliner des Festivals, entäuschte mit viel Erfolg. Selbst die hartgesottensten 16-jährigen, meist weiblichen Fans, die schon früh morgens in der vordersten Reihe auf ihre Helden warteten und zwei Minuten nach Konzertbeginn nacheinander vom  Sicherheitspersonal aus der Menge gefischt wurden, waren vom Auftritt ihrer Helden nicht überzeugt. Parallel dazu zeigten hingegen die Atmosphären-Architekten von Mogwai auf der Sternenbühne,  wie man komplexe Klangwelten nur mit Saiten-, Tasten- und Schlaginstrumenten entstehen lässt.

 

 

Sonntag

 

Nach einer gefühlten halben Stunde Schlaf wurden wir bereits um Viertel vor elf aus dem Zelt gerissen: “Gustav spielt in einer Viertelstunde, der ist super!” In der brütenden Vormittagssonne spielte sich der sympathische Freiburger mit seinen teils deutschen, teils französischen Chansons in unsere Herzen. Ein gelungener Start um den letzten Festivaltag in Angriff zu nehmen!

 

Steff la Cheffe verkürzte die Wartezeit auf eines der grossen Highlights des Festivals: The National. Die sechs Wahl-New Yorker aus Ohio mit ihren zwei Brüderpaaren verzauberten uns mit den ersten Tönen. Ihr melancholischer Rock irgendwo zwischen Leonard Cohen und Nick Cave lässt sich am besten mit dem Albumtitel ihres zweiten Albums “Sad Songs for dirty Lovers” beschreiben. Beim Song “Mr. November” stürzte sich Matt Behriger in die Menschenmasse. Was für ein Auftritt! Übrigens, auch Barack Obama ist ein bekennender The National-Fan – dieser Man weiss, was gute Musik ist.

 

Nicht nur schön anzusehen waren Warpaint, welche auf der Sternenbühne bestaunt werden durften. Die vier Damen lieferten eine makellose Show. Mit mehrstimmigem Gesang, zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug lieferten sie den Beweis, dass der Begriff “Girlgroup” nicht zwingend mit poppigem Plastikpunk zu assoziieren ist. Besonders hervorzuheben ist hier die Dame hinter den Drums, kraftvoll und präzise leitete sie ihre drei Mitstreiterinnen durch ihre schwummrig verzerrten Songs.

 

Zum Abschluss des diesjährigen Openairs verpassten die Queens of the Stone Age dem Publikum einen kräftigen Stoner Rock-Arschtritt. Leider konnte auch ein super Auftritt und extreme Lautstärke die sichtlich müden und ausgelaugten Besucher nicht mehr gross in Bewegung versetzen. Josh Homme und seine Crew sind sich normalerweise sicher euphorischere Zuschauer gewohnt, dies ist jedoch das Los der Abschlussband eines viertägigen Festivals. Annscheinend war für die Steinzeitköniginnen der Freitag Abend vorgesehen, wurde jedoch auf ihren Wunsch mit der Auftrittszeit von den Fantastischen Vier vom Sonntag getauscht. Das wäre sicher besser gewesen, aber den Fanta-Fan hat es immerhin gefreut.