Kultur | 29.08.2011

Ein Meister der pointierten Satire tritt ab

Text von Mattia Balsiger | Bilder von Wikimedia
Vicco von Bülow, bürgerlich Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Loriot, ist am 22. August im Alter von 87 Jahren verstorben. Mit seinem Tod tritt Deutschlands vermutlich grösster Komiker von der Bühne ab.
Parodierte das bieder-brave Milieu der deutschen Sechziger- und Siebzigerjahre: Loriot.
Bild: Wikimedia

40 Jahre lang prägte der aus dem preussischem Adel stammende Loriot mit seinen Filmen, Comics, Sketches und Büchern die deutsche Komödie. Mit seinem ganz eigenen, intelligenten, kunstvollen, sanften und in gewisser Weise “urdeutschen Witz” schuf er ein eigenes, eben typisch deutsches Verständnis für Humor.

 

Was damit gemeint ist, lässt sich an einem Satz des männlichen Protagonisten im berühmten “Nudel-Sketch” erklären. Die von Loriot wie so oft im Stil eines Kammerspiels gehaltene Szene spielt sich in einem kleinen Restaurant in irgendeiner Deutschen Stadt ab. Ein Herr Mitte 40 (gespielt von Loriot) mit auffallend gewelltem, glattgebürstetem Haar, macht einer Dame namens Hildegard, die ihm gegenüber sitzt (gespielt von Loriots Filmpartnerin Eveline Hammann), ein Liebesgeständnis. – Man beachte, dass die beiden sich dann immer noch siezen! Als der Ober eine Tasse Kaffee serviert, echauffiert sich der Herr – wohl zu Recht – über den Lippenstift am Tassenrand. Die Dame versucht, ihn mit einem “Das kann doch mal passieren” zu beschwichtigen. Seine Antwort könnte nicht treffender sein: “So etwas kann, darf aber nicht passieren!”

 

Loriot brachte Absurdität wunderbar zur Geltung

Diese selbstverständliche Strenge mit sich selber und seinen Mitmenschen und der beinahe schmerzhaft formelle Umgang untereinander sind typisch für das bieder-brave Milieu der deutschen Sechziger- und Siebzigerjahre. Loriot stellte diese Eigenheiten auf überspitzte Weise in Sketchen dar. Genau solche kleinen, aber feinen Details machen Loriots Humor aus. Die Komik von Bülow spricht den Zuschauer vor allem darum an, weil sie innerhalb des spiessigen Milieus, in denen die porträtierten Charaktere Loriots agieren, auf die Lächerlichkeit der Menschen hinweist, die versuchen, den Alltag seriös, anständig und stets korrekt zu bewältigen. Die ewig freundliche, formelle Sprache, die Loriot bei vielen seiner Rolle perfektionierte, lässt bei all den Missgeschicken und peinlichen Fettnäpfchen, in die die Darsteller treten, die Absurdität wunderbar zur Geltung kommen.

 

Aber auch in der nonverbalen Komik war Loriot ein Meister. So gibt es auch zahlreiche Sketche, die ohne oder mit ganz wenigen Worten die absurdesten und schrägsten Situationen zeigen: Ein Herr, gespielt von Loriot, sitzt in einem Wartezimmer. Auf sein Gespräch wartend, mustert er den Raum und entdeckt ein schief hängendes Bild. Beim Versuch, es in eine gerade Position zu bringen, stösst er das Bild nebenan um. Ähnlich wie in der Kunstinstallation “Der Lauf der Dinge” vom Künstlerduo Fischli & Weiss beginnt nun eine scheinbar unaufhaltbare Kette von Unfällen, da Loriot durch sein ungeschicktes Verhalten alles zum Einsturz bringt. Die geniale Pointe liegt darin, dass er, auch nachdem er fast das gesamte Interieur verwüstet hat, der Dame im Flur trotzdem noch sagen muss: “Das Bild hängt schief.”

 

Loriots Satire sucht seinesgleichen

Diese Szene hebt eine der bezeichnenden Botschaften von Loriots Humor hervor: Der Drang zur Perfektion bringt letztlich alles zum Einsturz. Es gibt wohl nur wenige, die dem Meister in Sachen humorvoller Gesellschaftskritik das Wasser reichen können. Zwar waren Loriots Beiträge selten so politisch, wie es die eines Matthias Richling oder gar eines Volker Pispers sind. Doch eine derart pointierte, beissende, aber niemals böse Satire wie Loriot sucht seinesgleichen.

 

Um den sanften König der deutschen Komödie ist es seit dem Tod seiner genialen Partnerin Eveline Hammann stiller geworden. Ähnlich wie Helge Schneider, der mit seinen grotesken Showeinlagen der deutschen Komik neue Tore geöffnet hat, schuf Loriot sein eigenes, neues Genre. Es wird schwer sein, einen Nachfolger zu finden, der auf ähnlich väterlich-warme Art die kleinen Dinge des Lebens in die scheinbar grössten Probleme der Zivilisation und die zwischenmenschliche Kommunikation in ein gefährliches Minenfeld voller Missverständnisse und Komplikationen verwandeln kann, wie Loriot es konnte.