Gesellschaft | 15.08.2011

Auf dem absteigenden Kurs

Text von Tess Zürcher | Bilder von Blick.ch Archiv
Diesmal geht es unserer Autorin nicht um Objektivität, sondern um ihre Wahrnehmung der aktuellen Wirtschaftskrise. Die momentane Lage an der Börse tangiert sie persönlich und regt zum Nachdenken an.
Hilflosigkeit ab den aktuellen Kursen.
Bild: Blick.ch Archiv

Seit Wochen ist sie im Sinkflug, die Börse. Kein Tag vergeht ohne, dass nicht irgendeine Schlagzeile über die Finanzmärkte berichtet: Der Dollar und der Euro haben einen Tiefstand erreicht, die EU ringt mit den Schulden ihrer Mitgliederstaaten und die USA hat die Bestnote “AAA” für ihre Kreditwürdigkeit verloren.

 

Aktuelle Lage

Die Angst vor einer Rezession und die vielleicht durch die vielen Meldungen geschürte Unsicherheit der Bevölkerung lassen die verschiedenen Aktienkurse wilde Achterbahnen fahren, die bisher mit Endstation “Stark-im-Minus” endeten. Firmen, Banken und private Investoren scheint in diesen Tagen das Blut in den Adern zu gefrieren. Ein Verwandter sagte vor gut einer Woche zu mir: “Im Moment verliert man an der Börse unter Umständen teilweise so viel pro Tag, wie man sonst in einem schlechten Jahr verlieren könnte.” Er muss es wissen, denn er ist ein selbstständiger Vermögensverwalter und hat bisherige Krisen (2002, 2008) für seine Kunden erfolgreich gemeistert.

 

Betroffenheit

Seit ich ein Jahr lang am Gymnasium zwei Stunden pro Woche “Einführung in Recht und Wirtschaft” hatte, interessiere ich mich für das Business an der Börse und überhaupt für die Wirtschaft. Das kommt auch nicht ganz von ungefähr, wirft man einen Blick in mein Umfeld. Aus diesen beiden Gründen verfolge ich im Moment natürlich, was passiert, und erlebe dabei hautnah, welche Auswirkungen eine solche Krise haben kann: Politiker und Börsianer sind gelähmt, verzweifelt und ohnmächtig. Sie und die Leute, die investiert haben, sind belastet, gestresst, haben schlaflose Nächte und Zukunftssorgen. Die Nerven liegen blank: Jetzt noch verkaufen oder nicht verkaufen, das ist hier die Frage. Aber nicht nur sie sind es, die die volle Breitseite dieser Krise abbekommen. Inzwischen leiden auch die Familienmitglieder mit. Sie versuchen zwar ihre Kämpfer zu unterstützen, doch die müden Stimmen, blutunterlaufenen Augen und die andauernden negativen Neuigkeiten zehren auch an ihren Kräften.

 

Ich selber schalte jetzt zweimal am Tag auf einen Börsensender wie Bloomberg oder CNBC und checke auch regelmässig online die Kurse. Es ist ein verzweifelter Versuch, etwas daraus zu lernen und Gründe für diese Situation zu finden. Die psychologischen Beweggründe hinter den täglichen Berg- und Talfahrten verstehe ich längst nicht mehr, umso besser kann ich die Lage der Betroffenen nachvollziehen. Daneben kommt mir aber immer wieder ein Zitat in den Sinn, dass ich in meinem ehemaligen Geschichtszimmer von Mahatma Gandhi gelesen habe: “Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.”

 

Zukunftswünsche

Entweder man interpretiert dieses Zitat so, dass wir aus Fehlern, Situationen, Problemen und Tiefpunkten nichts lernen und die selben Fehler wieder machen, oder man geht davon aus, dass eine Situation sich nie gleich wiederholt und sich der Mensch darum immer neuen und neuartigen Problemen stellen muss. Was wir uns aber unabhängig davon wünschen, sind tatsächliche Massnahmen gegen die Schuldenkrise und Ängste vor Rezessionen. Wir wollen doch endlich Taten sehen und uns nicht mehr mit Möglichkeiten und halbherzigen Lösungen vertrösten. Denn: Besondere Zeiten, erfordern besondere Massnahmen.