Sierre Blues Festival

Der Tag vor dem Konzert begann eigentlich ganz untypisch. Am Abend wurden – zumindest für mich wider Erwarten –  die Einladungen für die Pressekonferenz am nächsten Tag per SMS verschickt. Natürlich sagte ich zu.

Es lief alles ganz entspannt ab, gute zehn Minuten vor der Konferenz unterhielt man sich auf Englisch und teilweise in gebrochenem Deutsch oder Französisch. Es war sehr interessant sich mit verschiedenen Fotografen auszutauschen. Dann ging es auch schon los. Francis Rossi von Status Quo stellte sich der Presse. Er war sehr gut aufgestellt, redete über Rösti und darüber, wie sehr er die Schweiz mag. Dann war der Sache auch schon wieder vorbei. Jeder ging zufrieden aus dem Backstagebereich und setzte sich in Gruppen zusammen. Es ging sehr kollegial zu und her unter den Journalisten.

 

Zwei Bühnen, viel Lärm

Es gab zwei Bühnen, die leider doch etwas zu weit voneinander entfernt waren, und darum gab es auch Verzögerungen, wenn eine Band etwas überzogen hatte – das tat der guten Stimmung allerdings keinen Abbruch. Die Bands auf der Hauptbühne konnten zwar mehr oder wenig pünktlich anfangen. Diesen Punkt gilt es dennoch zu verbessern.

 

The Five Blind Boys from the Parish, ähnlich klingend wie die britische Band Dr. Feelgood, machte um 18:30 Uhr den Anfang. Eine sehr interessante Kombo. Janiva Magness folgte kurz darauf auf der Hauptbühne. Mit der im Frühling veröffentlichten CD, “The Devil Is An Angel Too (Alligator)”, trat eine der grössten Blues- und R’n’B-Sängerinnen der letzten 20 Jahre am Festival auf. Die Sängerin überzeugte sofort, ebenso wie die Band. Der Sound war auch überraschend gut. Auf der Dorfbühne folgte schliesslich die “Latvian Blues Band”, die mit Coversongs und eigenen Kompositionen dem Festivalgelände richtig nochmals Stimmung eingeheizt hat.

 

Let’s Rock

Kurz vor 21:30 Uhr wurden die Medienschaffenden nochmals in den Pressebereich gebeten. Dort liess sich dieses Mal die kompletten Status Quo – bestehend aus Francis Rossi, Rick Parfitt, Andrew Bown, John “Rhino” Edwards und Matt Letley – ablichten.

 

Zum alten Eisen gehören sie noch lange nicht. Status Quo ist und bleibt ein Name, der in der Schweiz für ausverkaufte und gut besuchte Konzerte steht. Drei neue Songs hatten die britischen Altrocker aus ihrem neuen Album mit im Gepäck. “Two Way Traffic”, “Rock’n’Roll’n’You” und “Let’s Rock”.

 

Nicht nur die Musik stimmte. Auch neben der Bühne hatte man in Sierre vorgesorgt: Obwohl das Festival mit über 10’000 Besuchern in den vergangenen Tagen besser besucht als in den letzten zwei Jahren, waren die Essensstände gut gefüllt und es brauchte niemand zu hungern. Alles in allem spricht also nichts dagegen, dem Sierre Blues Festival auch im nächsten Jahr wieder einen Besuch abzustatten.

Winterthur im Wetterglück

Petrus hat es letzten Samstag gut gemeint mit den Musikfestwochen. Am Morgen regnete und stürmte es noch so stark, so dass einem angst und bange um den anstehenden Konzertabend in Winterthur werden konnte. Der fand nämlich unter freiem Himmel mitten in der Altstadt von Winterthur statt. Regen hätte da eher für Misstöne gesorgt, aber zum Glück hellte sich der Himmel im Verlauf des Tages auf. Gelegentlich liess sich gar die Sonne blicken. Ein bisschen erinnert die Steinberggasse, die eigentlich mehr Platz als Gasse ist und so genügend Raum für zahlreiches Publikum bietet, an die Piazza Grande in Locarno, wo am Moon & Stars-Festival ebenfalls Musik gespielt wird. In Winterthur ist zwar alles etwas kleiner und intimer, deswegen aber auf keinen Fall zu unterschätzen – weder musikalisch noch visuell. Rundherum von Häusern umrahmt bietet der langgezogene Platz eine stimmungsvolle Kulisse für schöne Konzerte.

 

Indierock mit Folk-Anstrich

An diesem Abend spielen gleich drei Bands. Den Auftakt macht die belgische Gruppe Absynthe Minded. Sie spielen melodiösen, Indie-Rock, oft ruhig und akustisch, mal jazzig, mal lauter und verzerrt. Ihre Musik lebt besonders von der markanten Stimme des Sängers Bert Ostyn, die in ruhigen Momenten Erinnerungen an Chris Martin von Coldplay weckt. Die Violine und der mehrstimmige Harmoniegesang gibt der Band dabei einen leicht folkigen Anstrich. Ein angenehmer Auftakt für die folgenden Konzerte.

 

Näher an der Tanzfläche

Dass man eine Violine auch wie eine Gitarre halten und spielen kann, wird einem an diesem Abend gleich zweimal unter Beweis gestellt. Denn auch die etwas bekannteren Landesgenossen von Absynthe Minded, dEUS, haben einen Fiedler in ihren Reihen. Allerdings haben die schon ein wenig älteren Herren – sie musizieren schliesslich schon seit Beginn der 90er Jahre zusammen – das Folkige gegen rockigere Klänge eingetauscht und liebäugeln ab und zu gar mit der Tanzfläche. Besonders in den düsteren, basslastigen, ruhigen Songs entfaltet die Band einen dunklen, verführerischen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Passend zum Einbruch der Nacht.

 

Rock mit Orchester

Danach steigt die Spannung. Im hinteren Teil der Bühne werden zwei erhöhte Reihen mit Stühlen aufgebaut, auf denen das Sinfonieorchester Camerata Schweiz Platz nehmen wird. Archive unterstützt von einem ganzen Orchester Schweiz-exklusiv in Winterthur: Da schnellen die Erwartungen in die Höhe, besonders wenn man die Londoner Band von früheren, grossartigen Konzerten kennt. Die ersten Töne spielt dann auch das Orchester allein, bevor nach einigen Minuten die Band brachial mit einsteigt. Die Musik von Archive ist oft repetitiv, düster rockend und ausufernd, aber auch mit fragilen Zwischentönen versehen. Angefangen hat die Band übrigens mit Musik im Trip-Hop-Stil. Ihr Debut-Album Londinium von 1996 ist immer noch eine empfehlenswerte Ergänzung zu den klassischen Trip-Hop-Alben von Massive Attack, Portishead oder Tricky. Vor allem in der groovenden, meist von einem schweren Bass unterstützten Rhythmik hört man die Wurzeln der Band noch heraus. Mit der Zeit hat sich die Band aber eher hin zu einem rockigeren, progressiveren Stil entwickelt, in dem sich aber der Rapper aus den alten Zeiten, der für einige Songs auf die Bühne gebeten wird, überraschend gut integriert. Das sorgt für Abwechslung.

 

Gelungene Kombination

Das Orchester tritt besonders in den ruhigen Stellen hervor, manchmal droht es aber hinter der mächtigen Soundwand der Band unterzugehen, was jeweils etwas schade ist. Dennoch gelingt in den besten Momenten, die sich gegen das Ende des Konzerts bis zum grossartigen Finale zunehmend häufen, die Kombination von verzerrten, heftigen Gitarren, Orchesterklang und trip-hoppigen Elementen. Dass die Band dann nach etwa eineinhalb Stunden ohne Zugaben von der Bühne geht, passt zu der Monumentalität und Ernsthaftigkeit ihres Auftritts. Mehr wäre auch nicht nötig gewesen. Und auch die Füsse danken es einem. Schliesslich ist man schon seit einigen Stunden auf den Beinen.

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Jungpolitiker im Härtetest: Ein Vorgeschmack

Zum ersten Mal in diesem Jahr findet in Bern das PolitikBuskers statt. Beim Wort Buskers denkt manch einer vielleicht zuerst an Musik. Aber in diesem Fall handelt es sich um ein Strassenpolitikfestival. Jungpolitiker aus der ganzen Schweiz diskutieren in der Altstadt von Bern aktuelle Themen. Im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums der Jugendsession haben sich dies die Organisatoren ganz neu einfallen lassen. Das PolitBuskers wirbt damit, die Politik zurück auf die Strasse zu bringen. Alle 50 teilnehmenden Jungpolitiker treten im Oktober für die nationalen Wahlen an. Für einige wird es am Samstag eine Feuertaufe sein in Bern.

 

Themen und Köpfe

Die Themen der Podien stehen aber durchaus auch auf den Agenden der Politiker im Bundeshaus. Energie, Migration, Verkehr und Familie. Aber auch hier greift man auf alte Worte zurück. Denn es werden Duelle angekündigt. Es darf gehofft werden, dass nur im übertragenen Sinne die Fetzen fliegen. Zuvor wird auf Facebook gekämpft und zwar für Votings. Alle jungen Politiker ringen um einen Platz in der Schlussdiskussion. Umringt von den Jüngsten aller Bundeshauspolitiker: Evi Allemann, Christian Wasserfallen und Lukas Reimann. Gemeinsam will man der Frage nachgehen, ob die Politik mehr Junge braucht.

 

Hoher Besuch und ein Preis

Durchaus heftiger diskutiert wir höchstwahrscheinlich zuvor, wenn es darum geht, wo die Schweiz sparen soll und wo nicht. Denn vom Sparen und Ausgeben sind die Jungen besonders in Zukunft betroffen. Nach dem Höhenflug des Schweizer Frankens wird auch Bundesrat Johann Schneider-Amann mit einigen kritischen Fragen rechnen dürfen. Doch noch bevor ein Mitglied der Landesregierung die Bühne betritt werden die Nominierten des Prix Jeunesse vorgestellt. Dabei handelt es sich um Parlamentarierinnen und einen Parlamentarier welche sich überdurchschnittliches für die Jugend engagieren. Nominiert sind Doris Fiala von der FDP, Jaqueline Fehr von der SP und Luc Barthassart von der CVP.

 

Zu guter Letzt

Was auffällt: Unter den Jüngsten im Bundeshaus, welche ganz am Ende der Veranstaltung mitdiskutieren, sind keine Vertreter aus der lateinischen Schweiz. Vor der Schlussrunde wird aber auf einer Bühne ganz auf Französisch diskutiert. – Wer weiss, ob dort nicht schon der nächste jüngste Nachwuchs fürs Bundehaus teilnimmt.

 

Etwas haben dann das MusikBuskers und Politbuskers dennoch gemein: C’est le ton, qui fait la musique. Ob die Musik dann am Samstag wirklich stimmt, davon kann man sich gleich selbst überzeugen. Der Eintritt ist genauso frei, wie am Musikbuskers.

 

 

Polit-Buskers


Am Samstag geht es um Samstag um 13 Uhr auf drei Bühnen gleichzeitig los. Wenn auf der grossen Bühne um 14 Uhr die Nominierten für den Prix Jeunesse vorgestellt werden und Johann Schneider-Ammann spricht, wird auf den anderen beiden Bühne nicht diskutiert. Wenn alles nach Plan läuft, endet die “Elefantenrunde” kurz nach 16:30 Uhr.

Ein Meister der pointierten Satire tritt ab

40 Jahre lang prägte der aus dem preussischem Adel stammende Loriot mit seinen Filmen, Comics, Sketches und Büchern die deutsche Komödie. Mit seinem ganz eigenen, intelligenten, kunstvollen, sanften und in gewisser Weise “urdeutschen Witz” schuf er ein eigenes, eben typisch deutsches Verständnis für Humor.

 

Was damit gemeint ist, lässt sich an einem Satz des männlichen Protagonisten im berühmten “Nudel-Sketch” erklären. Die von Loriot wie so oft im Stil eines Kammerspiels gehaltene Szene spielt sich in einem kleinen Restaurant in irgendeiner Deutschen Stadt ab. Ein Herr Mitte 40 (gespielt von Loriot) mit auffallend gewelltem, glattgebürstetem Haar, macht einer Dame namens Hildegard, die ihm gegenüber sitzt (gespielt von Loriots Filmpartnerin Eveline Hammann), ein Liebesgeständnis. – Man beachte, dass die beiden sich dann immer noch siezen! Als der Ober eine Tasse Kaffee serviert, echauffiert sich der Herr – wohl zu Recht – über den Lippenstift am Tassenrand. Die Dame versucht, ihn mit einem “Das kann doch mal passieren” zu beschwichtigen. Seine Antwort könnte nicht treffender sein: “So etwas kann, darf aber nicht passieren!”

 

Loriot brachte Absurdität wunderbar zur Geltung

Diese selbstverständliche Strenge mit sich selber und seinen Mitmenschen und der beinahe schmerzhaft formelle Umgang untereinander sind typisch für das bieder-brave Milieu der deutschen Sechziger- und Siebzigerjahre. Loriot stellte diese Eigenheiten auf überspitzte Weise in Sketchen dar. Genau solche kleinen, aber feinen Details machen Loriots Humor aus. Die Komik von Bülow spricht den Zuschauer vor allem darum an, weil sie innerhalb des spiessigen Milieus, in denen die porträtierten Charaktere Loriots agieren, auf die Lächerlichkeit der Menschen hinweist, die versuchen, den Alltag seriös, anständig und stets korrekt zu bewältigen. Die ewig freundliche, formelle Sprache, die Loriot bei vielen seiner Rolle perfektionierte, lässt bei all den Missgeschicken und peinlichen Fettnäpfchen, in die die Darsteller treten, die Absurdität wunderbar zur Geltung kommen.

 

Aber auch in der nonverbalen Komik war Loriot ein Meister. So gibt es auch zahlreiche Sketche, die ohne oder mit ganz wenigen Worten die absurdesten und schrägsten Situationen zeigen: Ein Herr, gespielt von Loriot, sitzt in einem Wartezimmer. Auf sein Gespräch wartend, mustert er den Raum und entdeckt ein schief hängendes Bild. Beim Versuch, es in eine gerade Position zu bringen, stösst er das Bild nebenan um. Ähnlich wie in der Kunstinstallation “Der Lauf der Dinge” vom Künstlerduo Fischli & Weiss beginnt nun eine scheinbar unaufhaltbare Kette von Unfällen, da Loriot durch sein ungeschicktes Verhalten alles zum Einsturz bringt. Die geniale Pointe liegt darin, dass er, auch nachdem er fast das gesamte Interieur verwüstet hat, der Dame im Flur trotzdem noch sagen muss: “Das Bild hängt schief.”

 

Loriots Satire sucht seinesgleichen

Diese Szene hebt eine der bezeichnenden Botschaften von Loriots Humor hervor: Der Drang zur Perfektion bringt letztlich alles zum Einsturz. Es gibt wohl nur wenige, die dem Meister in Sachen humorvoller Gesellschaftskritik das Wasser reichen können. Zwar waren Loriots Beiträge selten so politisch, wie es die eines Matthias Richling oder gar eines Volker Pispers sind. Doch eine derart pointierte, beissende, aber niemals böse Satire wie Loriot sucht seinesgleichen.

 

Um den sanften König der deutschen Komödie ist es seit dem Tod seiner genialen Partnerin Eveline Hammann stiller geworden. Ähnlich wie Helge Schneider, der mit seinen grotesken Showeinlagen der deutschen Komik neue Tore geöffnet hat, schuf Loriot sein eigenes, neues Genre. Es wird schwer sein, einen Nachfolger zu finden, der auf ähnlich väterlich-warme Art die kleinen Dinge des Lebens in die scheinbar grössten Probleme der Zivilisation und die zwischenmenschliche Kommunikation in ein gefährliches Minenfeld voller Missverständnisse und Komplikationen verwandeln kann, wie Loriot es konnte.

“Wir wollen keine Sonderbehandlung”

Junge Menschen spielen Golf in Tschugg, etwas oberhalb von Erlach am Bielersee. Ihre Gemeinsamkeit, die Hörbehinderung, verbindet sie und ist denn auch ein Gesprächsthema. Etwas im Schatten, denn die Sonne glüht, steht Elisa Roost, 25 Jahre alt. Sie ist eine von 700’000 in der Schweiz lebenden Personen mit einer Hörbehinderung. Ohne Hörgeräte hört sie nichts; ein Handicap, das nicht auf den ersten Blick erkennbar ist: “Die Leute merken schon, dass mit mir etwas nicht gut ist, aber sie kommen nicht auf die Hörbehinderung, sondern denken, ich hätte einen Sprachfehler.”

 

Der einzige optische Hinweis seien die Hörgeräte in beiden Ohren. Roost benötige diese aber nicht zwingend, sondern eher als Ergänzung, wie sie sagt. “Ich bräuchte die Hörgeräte eigentlich nicht, da ich alle Worte dem Gegenüber von den Lippen ablese.” Da Roost sich selbst nicht hört, spricht sie nicht lupenrein, sie stolpert über Buchstaben, verschluckt halbe Wörter und die Tonlage ihrer Stimme verändert sich immer wieder. Doch dank jahrelangem Logopädieunterricht ist es ihr heute überhaupt möglich, zu kommunizieren.

 

Der Weg in die Berufswelt

Der 27-jährige Alwin Sutter aus Steffisburg hat dieses Wochenende organisiert unter der Federführung vom Verein “Jugehörig”, einem Verein für junge schwerhörige Menschen. “Hier soll der Dialog zwischen den Hörbehinderten gefördert werden”, so Sutter. Gespräche mit Betroffenen seien jedoch mindestens ebenso wichtig wie mit Hörenden oder Experten. “In der Schule für Hörbehinderte bist du noch geschützt, später in der Arbeitswelt aber aufgeschmissen. Ziel dieses Wochenendes ist es, dass sich bereits im Berufsleben integrierte junge Menschen mit Jugendlichen austauschen, die diesen Schritt noch nicht gemacht haben.”

 

Sutter selbst habe Schwierigkeiten gehabt, einen Job zu finden, sagt er. Viele Absagen seien gekommen, weil er seine Hörbehinderung in der Bewerbung angab. Er braucht den Blickkontakt mit dem Gegenüber, damit er aus den Wortfetzen, die er dank seines Cochleaimplantats (CI) hört, den Sinn des Gesagten kombinieren kann. So kann er sich gut konzentrieren und fokussieren. Dies gelinge Menschen mit einer Hörbehinderung, so vermutet Sutter, besser, da man weniger von Nebengeräuschen abgelenkt ist. Das Cochleaimplantats (CI) ist eine Prothese, welche die Aufgabe des Innenohres übernimmt. Dabei werden Elektroden in der Ohrschnecke im Innenohr, der Cochlea integriert, wo sie elektrische Impulse direkt auf den Hörnerv leiten können.

 

Nicht nur Theorie

Laura Marti macht zurzeit ein Anwaltspraktikum, sie trägt ein Hörgerät und klagt über die Hitze. Gemeinsam mit Sutter ist sie im Leitungsteam von “Jugehörig”. “Ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, Lehrpersonen, die ein Kind mit einer Hörbehinderung in der Klasse haben, über Probleme aus eigener Erfahrung zu informieren”, sagt Sutter. Ein Tabu für Lehrpersonen ist zum Beispiel, an die Wandtafel zu schreiben und gleichzeitig zu sprechen, sagt Alwin, denn so könne der schwerhörige Schüler die Lippen nicht erkennen. Marti ergänzt: “Es ist viel eindrücklicher, wenn jemand über das Thema spricht, der von einer Hörbehinderung betroffen ist, als wenn eine Fachperson ‘nur’ Theorie zu erzählen weiss.”

 

“Jugehörig” wird mit Sponsorengeldern und Spenden finanziert. Dieses Geld fliesst in gemeinsame Anlässe und Ausflüge mit allem Drumherum. Zu Letzterem zählen etwa an diesem heissen Nachmittag die Golfschläger und erfrischendes Wasser. “Letztes Jahr gab es sogar ein internationales Lager, da waren Leute aus der Schweiz, Deutschland, aber auch aus Burkina Faso und aller Herren Länder dabei. Das war ein grosses Projekt”, erzählt Marti begeistert.

 

Stärker visuell orientiert

Jede Schwerhörigkeit ist anders, sie variiert von Person zu Person. Manche haben weder Hörgerät noch CI und kommunizieren mit der Gebärdensprache, andere verstehen ihr Gegenüber sehr gut, dank Training und Hörgeräten. “Trotz der Behinderung: wir wollen keine Sonderbehandlung”, stellt Sutter klar. Er sei schliesslich ein Teil dieser Gesellschaft und komme wie die meisten Menschen mit Hörbehinderung weitgehend ohne Hilfe zurecht.

 

Wäre denn für die Jugendlichen mit einer Hörbehinderung schlimmer, wenn sie nichts sehen statt nichts hören würden? Es finden sich individuelle Antworten. Laura merkt an: “Für viele Hörende ist es die schlimmste Vorstellung nichts zu hören. Ganz nach dem Motto: ‘Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen'”, zitiert die 26-Jährige den deutschen Philosphen Immanuel Kant. “Wir sind halt stärker visuell orientiert, Sehen bekommt für uns eine ganz andere Bedeutung”, erklärt Sutter.

 

Der Nachmittag in Tschugg bleibt heiss, das Quecksilber im Thermometer steigt nach oben. Etwas neidisch sind die Jugendlichen auf jenen Teil der Gruppe, der heute Nachmittag das Bad im Bielersee geniesst. Wie sich wohl das Geräusch vom Flugzeug, das über dem Himmel von Tschugg auftaucht, in den Ohren der jungen Menschen anhört?

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Auf der schönen orangen Aare

Wer am späteren Samstagnachmittag zwischen Thun und Bern auf die Aare blickte, sah für einmal nicht nur Köpfe Badender aus dem Wasser schauen, sondern viele orange Gummiboote. Aber es war kein Werbegag, keine Wahlkampfpropaganda und auch kein Souvenir an die holländisch geprägte EM in Bern, sondern ein Weltrekordversuch!

 

Samuel Mäder von “Gonnado” (siehe Kasten) ist hauptverantwortlich für den Anlass. Er erklärt, wie es dazu kam: “Die Grundidee der Onlineplattform ‘Gonnado’ ist, dass sich Menschen treffen und gemeinsam etwas erleben. Wir stellten uns also die Frage, mit welchem Grund sich im Sommer viele Leute treffen sollten und kamen zum Schluss, dass eine gemeinsame Boottour ein lustiges Happening werden könnte.” 30 Franken kostete das Mitmachen pro Person und beinhaltete ein bereits aufgeblasenes Gummiboot inklusive Paddel, zwei Drinks, eine Bratwurst und am Abend einen Eintritt in einen Berner Club, um den hoffentlich geknackten Weltrekord feiern zu können. Jedes Boot erhielt zudem einen Zettel mit der Startnummer und Essensgutscheinen.

 

1200 Tickets wurden online verkauft, viele Teilnehmer kamen aber auch mit dem eigenen Boot, was keine Anmeldung im voraus benötigte. Etwa 150 Personen seien mit ihrem eigenen Boot mitgefahren, schätzt Mäder. Doch obschon das Wetter besser nicht sein könnte und die Wassertemperatur um die 20 °C beträgt, hätte es knapp werden können. Denn um die Rekord haltende japanische Stadt Morioka zu übertreffen, mussten 1087 Personen, oder mehr als 543 Boote gleichzeitig auf dem Wasser sein. Start war um 14 Uhr in Kiesen, einer Gemeinde bei Thun.

 

Den Fluss hinab…

Passen denn da überhaupt zwei Leute rein? Mit “da” gemeint ist in das orange Gummiboot mit Logo des Hauptsponsors, welches wir erhalten. Die Frage kommt auf, als das Gefährt vor uns liegt und ist durchaus berechtigt. Es sieht nicht nur klein aus, es ist auch klein. “Das kann ja heiter werden”, meint eine Frau, während wir den Zweier an ihr vorbeitragen. Die Boote werden nummeriert, denn im Eichholz wird notiert, welche ankommen, um dann auszählen zu können, ob es für den Weltrekord gereicht hat oder nicht, wie Organisator Mäder erklärt.

 

Als das Startsignal ertönt, wird eingewassert, am besten alle gleichzeitig, um nicht mit einer zu grossen Zeitspanne in Bern anzukommen. Auf der Aare in Kiesen dominiert ab sofort die Farbe Orange. Die Stimmung unter den Böötlern locker, doch bereits nach einigen Minuten Fahrt sieht man am Ufer die ersten angeschlagenen oder gar ganz kaputten Boote. „Hoffen wir mal, dass unsers hält“, meint meine Mitfahrerin, während sie mit ihrem T-Shirt das bereits ins Boot gelaufene Wasser wieder in die Aare schöpft.

 

Nachdem sich die Boote etwas verteilt haben, verläuft die Wasserfahrt bis ins Eichholz gemütlich: Wir werden von zahlreichen grossen und kleinen Piraten überholt, beneiden ein Floss mit einem richtigen Sofa obendrauf, winken den Schaulustigen oben auf den Brücken, essen eine echte Wassermelone und geniessen die angenehme Wassertemperatur an diesem heissen Sommertag.

 

Langes Anstehen für die Bratwurst

Beinahe wäre wir am Ziel, der Berner Eichholz-Wiese vorbeigeschifft. An Land stieg die Vorfreude auf die versprochene Bratwurst. Doch wir waren nicht die einzigen, die nicht auf Anhieb verstanden, was wir wie und wo erhielten. “Ich kam durch einen Kollegen, der mitorganisiert hat, an diesen Anlass. Ich hatte keine Erwartungen, doch das lange Anstehen, beispielsweise für die Bratwurst, finde ich uncool”, meint Simon aus Bern. “Doch es war lustig und ich kann ein positives Feedback geben.”

 

“Organisiert war der Anlass ehrlich gesagt nicht gut”, meint eine Teilnehmerin namens Jacqueline. Sie untertreibt ein wenig. “Das System mit diesen nummerierten Zetteln, die wir überall vorweisen mussten, war nicht ganz klar und sorgte eher für ein Chaos”, meint die Bernerin. Mit der Kritik an der Organisation des Anlasses bleibt sie nicht die Einzige: Die Boote etwa seien viel zu klein und die Musik sei zu leise gewesen, Gepäckstücke seien verschwunden und bei einem Grill für 1000 Bratwürste ginge es in 30 Minuten nur einen halben Meter vorwärts, so die von Teilnehmern genannten negativen Punkte.

 

Weltrekord!

“Was ich vor allem nicht verstehe ist, dass wir Startgeld bezahlen mussten”, meint Fabian aus Bern. Das liege an den wenigen Sponsoren, sagt Samuel Mäder. “Ok.-” vom Kiosk bezahlte die Gummiboote und sponserte die Drinks. Alles Weitere wurde von den Teilnahmegebühren bezahlt. “Zudem waren wir viel zu wenig Leute im Hintergrund – die Organisation war sehr stressig”, so Mäder weiter, der kurz zuvor noch den Transport des als verschollen gegoltenen Gepäckstückes von Kiesen nach Bern organisierte. Bewilligungen für die Bootsfahrt mussten weder in Thun noch in Bern eingeholt werden.

 

Rückblickend hat sich die investierte Zeit aber in sportlicher Hinsicht gelohnt, denn 1214 Teilnehmer auf 598 Booten: das ist neuer Weltrekord!

 

Konkrete Pläne für nächstes Jahr gibt laut den Organisatoren noch nicht, jedoch kam die Idee auf, die Boot-Aktion auf mehreren Schweizer Flüssen gleichzeitig zu lancieren. “Man könnte unterwegs auch Zwischenstopps einrichten, wo man sein Gummiboot wieder aufpumpen lassen kann. Eine Bar wäre auch denkbar”, meint Teilnehmer Fabian als Verbesserungsvorschlag.

 

Bevor wir das Eichholz mit Gummiboot, Paddel und dem “Weltrekord-ok.-Energydrink” wieder verlassen, suchen wir noch das auf dem Zettel versprochene “Gebäck”. Wir finden keine Spur von Backwaren und fragen andere Teilnehmer. Jemand mutmasst: “Damit wird wohl das ‘Gepäck’ gemeint sein…”.

 

 


“Gonnado”, die Kurzform von “going to do”, ist eine Onlineplattform für Freizeitaktivitäten. Menschen mit vielseitigen Freizeitideen können sich dort austauschen, gegenseitig inspirieren, verabreden oder einfach informieren. Die Online-Community dient auch als Kommunikationskanal für Freizeitanbieter. Mehr Informationen unter: www.gonnado.ch.