Politik | 25.07.2011

Spaniens “Indignados” auf der Strasse

Text von Jan Müller
Die Demonstranten in Spanien eint ihre Unzufriedenheit. Sie haben genug von den bestehenden Verhältnissen. Das Vertrauen in die amtierenden Politiker ist derweil auf einen Tiefpunkt gesunken.
Spanien ist voll mit Plakaten, worauf die Empörten ihre Meinung kundtun. Wir campen! Auch ohne Zelt. So das Motto mancher Demonstranten. Fotos: Flickr

Um die Geschehnisse in Spanien einigermassen nachvollziehen zu können, genügt ein Blick auf die momentane Arbeitslosigkeit. Mit etwa 21 Prozent ist Spanien trauriger Rekordhalter im Euroraum. Die Jugendarbeitslosigkeit steht sogar bei knapp 45 Prozent. Unter anderem, um gegen diese extrem hohen Arbeitslosenraten zu protestieren, gingen am 15. Mai dieses Jahres über 100’000 Leute unter dem Motto ¡Democracia Real YA! (richtige Demokratie, jetzt!) in mehreren spanischen Städten zusammen auf die Strasse.

 

Was fordern “Empörte”?

Die “indignados”, die Empörten, wie sich die Leute nennen, wollen sich nicht in eine politische Ecke zwängen lassen. Ebenso wenig fühlen sie sich von einer politischen Partei unterstützt. Allerdings können sie auf eine breite Unterstützung aus der Bevölkerung zählen. Sie fordern ein breites Vorgehen gegen die Korruption, eine echte Gewaltentrennung, sowie Gleichheit, Fortschritt und vor allem eine “richtige” Demokratie. Im Internet kursiert ein Dokument mit dem Namen “Manifesto” (Manifest), in welchem sich die Leute auf knapp zwei Seiten positionieren und ihre Forderungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

 

“Yes we camp!”

Nach einer Demonstration in Madrid am 15. Mai errichteten einige Demonstranten auf der “Puerta del sol”, dem bekanntesten Platz in Madrid, spontan ein Camp, wo sie in Zelten übernachteten. In den Tagen darauf wurden diverse solcher Protestcamps in vielen spanischen Städten errichtet. Auf den Plätzen trafen sich über Wochen Tausende von Jugendlichen, Arbeitslosen und Rentnern. Linke, Konservative, sowie politisch nicht Einzuordnende. Beispielsweise befanden sich laut offiziellen Angaben der Polizei auf der Puerta del sol in Madrid am 21. Mai in etwa 28’000 Demonstranten. Die Plätze, welche zeitweise derart übervölkert waren, dass man auf die umliegenden Plätze und Strassen zurückgreifen musste, waren wochenlang gefüllt mit Empörten. Der Zorn über die politische und wirtschaftliche Misere schweisst alle zusammen. Sie organisieren sich auf diesen Plätzen, um sich gegen die momentanen Verhältnisse zu wehren und um sich gegenseitig auszutauschen. Diese Camps fanden zeitweise in über 30 spanischen Städten unter dem Motto ‘Yes, we camp’ statt und blieben auch über Nacht bestehen.

 

Knüppel und Gummigeschoss

Die Polizei ging vielerorts ziemlich brutal gegen die Camps und die Demonstranten vor. So wurde unter anderem das grosse Camp in Barcelona (auf der Placa Catalunya) geräumt. Die offizielle Begründung lautete, dass man den Platz für den Champions League Final vom nächsten Tag, zu welchem auch der FC Barcelona antrat, reinigen müsse. Weil sich die Leute weigerten, den Platz freiwillig zu verlassen, wurden die friedlichen Demonstranten zum Teil mit Knüppeln und Gummigeschossen vertrieben. Kurz nachdem die Polizei den Platz geräumt hatte, wurde das Camp an derselben Stelle wieder aufgebaut. Diese Räumung erregte dann auch Aufmerksamkeit in den internationalen Medien, da man in Barcelona auf den Plätzen Webcams installiert hatte und man die Räumung live im Internet miterleben konnte.

 

Wie soll es weitergehen?

Nachdem lange über das weitere Vorgehen gesprochen wurde, begann man unter anderem das Protestcamp auf der Puerto del sol nach über 4 Wochen abzubauen. Die Bewegung wollte nach eigenen Angaben “dezentral” werden. Auf den 19. Juni wurde zu einer Grossdemonstration in Madrid aufgerufen. Nach Angaben der Bewegung trafen sich am besagten Tag über 150’000 Menschen, um sich zum wiederholten Male gegen die herrschenden Verhältnisse zu empören und gegen diese zu demonstrieren. Am 23. Juli ging eine ähnliche Grossdemonstration in Madrid über die Bühne. Einige Empörte wanderten wochenlang, in einer «Sternmarsch« genannten Aktion, von allen Richtungen auf die Hauptstadt Madrid zu.

 

Übers Internet verbunden

Die Demonstranten kommunizieren hauptsächlich über Social Medias. Sehr beliebt sind dabei, wie bereits unter anderem im Iran und in Nordafrika, Facebook, Twitter und Youtube. Weiter existieren Homepages mit Informationen und Bildern zu den (ehemaligen) Camps in Madrid und Barcelona.

Wie die Bewegung momentan aussieht, ist nur sehr schwer zu sagen. Momentan finden in vielen spanischen Städten diverse kleinere Veranstaltungen statt, wo man zusammenkommen und diskutieren kann. Wohin die Bewegung gehen wird, was sie langfristig auslösen wird, kann an dieser Stelle noch nicht einmal vermutet werden.

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