Gesellschaft | 19.07.2011

Menschliches Handeln und die Aufgabe der Ethik

Text von Marco Glauser | Bilder von Nathalie Kornoski
Menschliches Handeln kann unterschiedlich thematisiert werden. Die dabei grundlegende Unterscheidung ist jene von Handeln und Verhalten. Verhalten - eigentlich ein umgangssprachlicher Begriff - wurde zunächst in der Tierpsychologie wissenschaftlich präzisiert und schliesslich zum prägenden Begriff des Behaviorismus.
Das menschliche Verhalten kann verschieden gedacht werden.
Bild: Nathalie Kornoski

Der Behaviorismus will alles Betragen von Mensch und Tier aus einer strikten Aussenperspektive heraus betrachten; nur so seien wissenschaftliche Exaktheit und Objektivität überhaupt möglich. Introspektion und Selbstdeutungen sind hingegen unwissenschaftlich und taugen höchstens als wiederum behavioristisch zu deutendes Material aus der Befragung von Probanden. Aufgabe der Psychologie ist es laut Watson, einer der wichtigsten Vertreter dieser Richtung, Verhalten zu beobachten, zu beschreiben, Verhaltensgesetze abzuleiten und zukünftiges Verhalten vorauszusagen. Dafür unterscheidet er zwischen Reizen, die auf Organismen einwirken, und den Reaktionen der Organismen auf ebendiese Reize. Der Behaviorismus soll Gesetzmässigkeiten zwischen beiden finden und festhalten.

 

Mehr als blosse Reaktion

Ein ernst zu nehmender Konkurrent des Behaviorismus ist das Konzept der verstehenden Soziologie von Max Weber. Der hier prägende Begriff ist das Handeln. Handeln – ein Tun, Unterlassen – ist für Weber ein mit Sinn versehenes Sich-Verhalten zu Objekten. Menschliches Handeln kann also nur durch Rekurs auf diesen Sinn, auf den Willen des Handelnden hin erklärt werden; Handeln ist mehr als eine blosse Reaktion auf einen Reiz.

Beide Konzepte versagen, wenn sie beanspruchen, alleine das Verhalten oder Handeln der Menschen hinreichend erklären zu können. Eine totalisierende Aussenperspektive schliesst mit Rekurs auf Wissenschaftlichkeit das Selbstverständnis des Handelnden völlig aus. Das würde bedeuten, dass sich jeder Mensch permanent über sich selbst täuscht – eine gewagte Hypothese. Umgekehrt müsste die Theorie der Introspektion davon ausgehen, dass Selbstdeutungen immer richtig sind, was man schon aus seiner eigenen Erfahrung heraus verneinen kann.

 

Ein dritter Weg

Schliesslich gibt es zwischen Aussenperspektive und Introspektion einen Mittelweg – einen dritten Aspekt, der zwar von aussen kommt, aber auch auf das Innere zugreift. Dies kann auf zwei verschiedene Arten geschehen: verstehend oder normativ. Normen sind Verhaltenserwartungen von aussen, denen eine Handlungsmotivation von innen zukommt. Beiden gemeinsam ist, dass es sich im Gegensatz zu Behaviorismus und verstehender Soziologie (die ja epistemische, also nicht-wertende Sichtweisen auf das Handeln darstellen) um wertende oder normative Thematisierungen handelt.

Da ich in andere prinzipiell nicht «hineinschauen« kann, sind Missverständnisse möglich. Handlungserwartungen können also enttäuscht werden. Auf so eine Enttäuschung kann man entweder verstehend oder normativ («Er hätte doch…können«) reagieren. Derjenige, von dem eine Handlung erwartet wird, erwartet seinerseits wiederum eine Reaktion von mir. Liegt er richtig, ist alles in Ordnung; wird er aber enttäuscht, reagiert er seinerseits wiederum epistemisch oder normativ. So kann es zu einer Anhäufung von Enttäuschungen und Missverständnissen kommen, die in Konflikten münden. Nun haben Normen ja eigentlich den Sinn, Anschlusshandlungen zu stabilisieren – und nicht, diese eskalieren zu lassen. Um Missverständnisse zu vermeiden, kommt es darauf an, Verhaltenserwartungen zu bewerten. Dies kann unter anderem durch die Ethik geschehen. Ethik ist also sozusagen eine Reflexionstheorie der Moral(-en).