Kultur | 18.07.2011

Der Boden spuckt Feuer und Wasser

Als "West Side Story mit Chüe, Chäs und Müntschis" bezeichnen die Organisatoren die neuste Produktion der Thuner Seespiele. Unrecht haben sie damit nicht. Auch wenn man auf der Seebühne vergeblich Kühe erwartet; Küsse und Käse kommen nicht zu kurz in "Gotthelf - Das Musical".
Das Liebespaar Änneli (Sabine Schädler) und Felix (Lukas Hobi) sind nicht die einzigen, die den Dorfbewohnern von Vehfreude Sorgen bereiten.
Bild: zvg Dorfszene: Jeder will Profit aus der neuen Käserei ziehen. Heimliche Hauptdarsteller sind sind aber See und Berge im Hintergrund.

Es ist Sonntagmorgen. Die Kirchenglocken läuten im Emmentaler Dorf Vehfreude. Von allen Seiten strömen Bauern mit Frauen, Kindern, Knechten und Mägden in die Kirche. Doch die vermeintlich friedliche Stimmung im Dorf täuscht, wie sich bald herausstellt.

 

Jeremias Gotthelfs Roman “Die Käserei in der Vehfreude” (1850) bildet die Grundlage für “Gotthelf – das Musical”, die neuste Produktion der Thuner Seespiele. Die Erwartungen an das Stück von Autor Charles Lewinsky und Komponist Markus Schönholzer sind hoch, denn der Veranstalter verspricht viel: “Gotthelf – das Musical” wecke alle Emotionen, die eine “publikumswirksame Musicalproduktion” ausmachen würden.

 

Berge stehlen Effekten die Show

Kitschig ist, was sich in Vehfreude abspielt, allemal: Ausgerechnet der von Bauertöchtern und Schwiegermüttern umschwärmte Sohn des Gemeindeammanns Felix (Lukas Hobi) verliebt sich in das ehemalige Verdingkind Änneli (Sabine Schädler), welche soeben von ihrer Schwester (Pia Lustenberger) und deren Ehemann (Oliver Frischknecht) freigekauft wurde. Eine Liebesgeschichte mit scheinbar unüberwindbaren Hindernissen bahnt sich an. Für die Leute im Dorf ist die Beziehung zwischen dem armen Änneli und dem reichen Felix eine Unverschämtheit, für Felix Eltern (Patricia Hodell, Florian Schneider) eine Tragödie.

 

Ein Hexentanz in lustigen, zugleich angsteinflössenden Kostümen (Susanne Hubrich) lässt nicht lange auf sich warten. Was sich das Emmentaler Aschenbrödel Änneli erlaubt, soll damit verflucht werden. Spätestens jetzt wird auch die schlichte, aber geschickt genutzte Bühne aus Holzbrettern (Harald Thor und Thomas Bruner) für die Zuschauer zum Abenteuer. Plötzlich steht da ein Miststock, Teile der Bühne bewegen sich in Richtung Himmel oder der Boden spuckt Feuer und Wasser. Nicht von ungefähr ist es das bisher teuerste Bühnenbild der Thuner Seespiele. Wohl kaum bezifferbar ist die atemberaubende Kulisse: Thunersee und Alpen im Hintergrund sind es, die den Reiz der Thuner Seespiele ausmachen.

 

Verpatzte Pointen, ohrwurmtaugliche Musik

So unliebsam die Liebesgeschichte für die Dorfbewohner auch sein mag, es gibt noch anderes, das ihnen Sorgen bereitet: Die Käserei, die anstelle eines Schulhauses gebaut wurde. Jeder Bauer im Dorf möchte aus dem Käse den grössten Profit für sich schlagen. Der Egoismus hält Einzug. Selbst die Moralpredigten von Pfarrer Bitzius, der in einer Nebenrolle auftritt, können die Dorfbewohner nicht stoppen vor dem Sturz ins Unglück. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf und eine Schlägerei um den wortwörtlichen Käse ist vorprogrammiert. Das Musical vermittelt Gotthelfs moralische Kritik an der Gesellschaft mit einem Augenzwinkern.

 

Action mit beeindruckenden Stunts und Romantik pur stehen aber im Vordergrund. Die Liebesduette von Änneli und Felix könnten romantischer nicht sein und mit Situationskomik wird versucht, Humor in das Stück zu bringen. Etwa wenn Peterli mit den zwei linken Händen wieder einmal versucht, hilflos in die Rolle als “Mann im Haus” zu schlüpfen. Doch viele Pointen verfehlen ihre Wirkung. Die freche Musik (Dirigent: Iwan Wasslievski) birgt hingegen Ohrwurm-Potenzial. Von Marschmusik über Balladen bis hin zum Operngesang: für den Massengeschmack ist gesorgt. “Gotthelf – das Musical” findet ein kitschig-pompöses Ende. Es ist das erste Musical auf der Thuner Seebühne mit einem rührseligen Happy End.

 

Info


“Gotthelf – Das Musical” läuft noch bis zum 27. August 2011 auf der Thuner Seebühne. Aufführungsdaten, Tickets: www.thunerseespiele.ch.