Gesellschaft | 13.06.2011

“Well, they’re not really my cup of tea.”

Text von Alice Grosjean | Bilder von Alice Grosjean.
Als Praktikantin in einem grossen Medienunternehmen erhält man manchmal grosse Chancen. Zum Beispiel, wenn Aston Martin zur Probefahrt in London lädt. Linksverkehr zum Trotz.
Im Aston Martin durch die Londoner City fahren: Wer könnte das ablehnen? Die Journalisten werden gut umsorgt.
Bild: Alice Grosjean.

Die E-Mail kam überraschend, die Einladung spontan. Das Angebot war toll. So toll, dass ich unmöglich ablehnen konnte. Innerlich vor Jubel schreiend sagte ich zu, wohl ohne mir der Konsequenzen bewusst zu sein.

 

“Welcome to London”

Eine Woche später sass ich im Flugzeug in Richtung London Heathrow. Völlig gestresst hatte ich am Nachmittag zuvor noch eine schöne weisse Bluse gekauft,  sämtliche Schuhpaare aus meinem Kleiderschrank durchprobiert und mir wegen meiner streikenden Kreditkarte notfallmässig Geld von meinem Mitbewohner ausgeliehen. Die Einladung war von Aston Martin gekommen: Ein Presseevent der Luxusmarke; ein neues Auto sollte vorgestellt und von Journalisten getestet werden. Leicht panisch hatte ich mir schon ausgemalt, wie ich mich im Linksverkehr durch die verstopften Strassen von London kämpfen würde. Ich in einem Aston Martin. Ich, die gerade einmal seit neun Monaten den Führerschein besass!

Am Terminal erwartet mich ein adretter Engländer in Anzug und Krawatte. “Welcome to London. My name is Marc and I’m your driver today”. In einem blitzblanken Aston Martin à  la James Bond werde ich zum Hotel chauffiert. Ich kann es kaum glauben, lehne mich zurück und überlasse mein Schicksal für die nächste halbe Stunde Marc. Das Leben kann toll sein.

 

Journalisten an der Hotelbar

Zum Dinner solle man ganz leger erscheinen, hiess es. Ich traue der Dame am Empfang nicht so ganz und mache mich trotzdem schick, nur die High Heels bleiben im Koffer. Den Dresscode scheine ich dann einigermassen getroffen zu haben, jedenfalls falle ich nicht auf. Die Journalisten werden von PR-Leuten und Autodesignern umschwärmt: Ich nicke und lächle brav hinter meinem Champagnerglas hervor, habe ganz viel Ahnung von Autos und werde ein paar Jahre älter. (Würden Sie eine 19-Jährige ernst nehmen? Ich auch nicht.) Beim Essen und zu späterer Stunde in der Hotelbar lerne ich die anderen kennen. Einen belgischen Journalisten zum Beispiel, der hauptberuflich in einer Beach-Bar in Brügge arbeitet und noch vor Mitternacht benommen auf sein Zimmer torkelt. Einen schlecht angezogenen Deutschen, der so gut Englisch spricht wie ein Schweizer Politiker und in seinem Leben nichts anderes tut, als über Autos zu schreiben. Und eine sympathische Italienerin aus Mailand, die sich für den Abend schon einen sexy Fotografen geangelt hat.

 

Links halten!

Am nächsten Morgen wird es ernst. Nach dem halbvollendeten Frühstück im Bett – aus schlechtem Gewissen habe ich dem Personal sogar eine nette Nachricht auf dem Tablett hinterlassen – werden uns die Autos zugewiesen. Immer zu zweit in einem Wagen, sollen wir einfach dem Navigationssystem folgen. Eine CD ist bereits eingelegt und so starten wir unter dröhnenden Hip-Hop-Klängen (braucht Aston Martin ein neues Image?) unsere Sightseeing-Tour der etwas anderen Art. Ich mache den Anfang als Beifahrerin und versuche inständig, mir das Abbiegen auf der falschen Strassenseite einzuprägen. Beim London Eye halten wir das erste Mal an: Fahrerwechsel. Und siehe da, so schwer ist das gar nicht! Ich schlinge mich durch den englischen Stadtverkehr, erst langsam, dann immer sicherer. Irgendwann wage ich sogar einen Doppeldecker zu überholen, um mich gleich vor ihm noch in eine Abzweigung zu quetschen. Balsam für mein autofahrendes Selbstbewusstsein! Nur ein einziges Mal mache ich Anstalten, auf die falsche Seite abzubiegen, werde aber von einem wild gestikulierenden Fussgänger gleich wieder nach links gewunken.

 

Passanten zeigen auf unser Auto und starren uns geradezu nach. Engländer erkennen einen Aston Martin, selbst wenn er in diesem Fall eher einem fülligeren Smart ähnelt. Wir kurven durch London, verirren uns trotz GPS das ein oder andere Mal und finden mit etwas Verspätung doch noch den Treffpunkt und unser Mittagessen. Triumphierend, wie ein Kind nach dem ersten Schultag, möchte ich das Lenkrad gar nicht mehr verlassen.

 

Gemeinsam geht es am Nachmittag zum obligatorischen 5 o’clock Tea im berühmten Claridges, Champagner und Sahnetörtchen inklusive. Dann werden die Gäste auch schon wieder an den Flughafen gefahren. So schnell geht das. Auf der Rückfahrt frage ich Marc, was er denn vom neuen Auto halte. In wunderbar britischer Manier meint er: “Well, they’re not really my cup of tea”.

Zurück in der S-Bahn

Müde und gleichzeitig froh warte ich in Zürich, bis das Gepäckband endlich meinen Koffer ausspuckt. Ein französischer Anzugträger bemerkt meine Papiertüte: Ein Werbegeschenk des Berkeley-Hotels, das ich immer noch in der Hand halte. Begeistert erzählt er, wie er selbst einmal dort logieren durfte, dass er geschäftlich in Zürich sei und ob ich nicht ein Taxi bis ins Baur au Lac mit ihm teilen wolle? Was Tüten alles bewirken können. Ich nehme die S-Bahn, dann das Tram und schleppe mein Gepäck schliesslich bis zu unserer Wohnung in den dritten Stock. Zu Hause lasse ich mich seufzend aufs Bett fallen, überlege mir Sinn und Unsinn der vergangenen 24 Stunden und entferne den Anhänger von meinem Koffer: “Aston Martin”.