Kultur | 20.06.2011

Un club supersympa

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser.
Früher warteten hier die Passagiere auf den Zug nach London und lasen "Le Monde". Heute wird im Bahnhof Charonne getanzt und gefeiert: "La Flèche d'Or" ist einer der beliebtesten Clubs im Pariser Nachtleben.
Im "Flèche d'Or": Als sei die Zeit stehengeblieben. Überall wird man daran erinnert, dass sich im Bahnhof Charonne früher Passagiere und keine Partygänger sich die Zeit vertrieben. Sehr sympathisch fand das auch die Band des Abends.
Bild: Seraina Manser.

Wollte ein Parisien 1926 ein paar Tage in London verbringen, reiste er nicht etwa per Flugzeug, sondern bestieg am Bahnhof Charonne den Zug. “La Flèche d’Or” fuhr damals täglich vom Norden Paris’ nach Calais. Dort stieg der Passagier auf die Fähre nach Dover um, wo der “Golden Arrow” ihn erwartete und nach London Victoria Station brachte. Vier Jahrzehnte nach der Jungfernfahrt tuckerte der goldige Pfeil zum letzten Mal nach London. Die Reise per Flugzeug ist natürlich weniger umständlich und viel schneller als auf den Schienen. Der Bahnhof Charonne wurde geschlossen, doch nicht für lange: Ehemalige Studenten der Ecole Supérieur des Beaux Arts in Paris sahen Potential im alten Gebäude. Zu Recht!

 

Zuerst Bahnhof, dann Club

In den 90er Jahren verwandelten sie den Bahnhof in einen Konzertsaal mit Café, viele Elemente behielten sie bei. So hängt zum Beispiel die Bahnhofsuhr noch immer, die Zeiger allerdings sind verschwunden. Den Club tauften sie im Gedenken an den Zug: “La Flèche d’Or”. Sie organisierten Konzerte, vorwiegend Rock, Pop und Folk, luden aber auch DJs aus den Genres Hip-Hop, Elektro und House ein. Im Verlaufe der Jahre wurde der Club im 20. Arrondissement zu einem der beliebtesten des Pariser Nachtlebens, vor allem beim linksalternativen Publikum. Im April 2009 schliesst “La Flèche d’Or” vorübergehend die Tore. Kurz darauf übernahmen zwei Musikmanager den Konzertschuppen. Ihr Ziel ist es nun, vorwiegend jungen, unbekannten Bands eine Plattform zu bieten. “Der Club soll in erster Line ein Ort sein, wo neue Musiktalente entdeckt werden” so die zwei.

 

Billig und heiss

Genau so an diesem Mittwochabend: Die Bühne gehört vier (noch) unbekannten Indie-Rock-Bands aus Paris und Umgebung. Der Eintritt ist gratis, wahrscheinlich ist die Schlange vor dem Eingang deshalb mehrere Meter lang. Aber auch sonst zahlt man für Konzerte im “Flèche d’Or” nicht viel, die Eintrittspreise bewegen sich zwischen acht und zwölf Euro. Ist man erst einmal an den netten Türstehern vorbeigewischt, steht man in der ehemaligen Bahnhofshalle. Es ist stickig und heiss, eine Klimaanlage gibt es wohl nicht, nur ein paar Ventilatoren sorgen für frische Luft. Kühler ist es im ehemaligen Wartesaal. Der Boden ist schwarz rot kariert und durch die riesigen Fenster sieht man die Bahnschienen. Definitiv ein Club mit besonderen Charme, das findet auch der Sänger der zweiten Band: “C’est un club supersympa!” Wie wahr.