Gesellschaft | 13.06.2011

Rettung naht

Text von Luzia Tschirky
Eigentlich wären keine Medien zugelassen gewesen am 15. Geburtstag von ICF Zürich. Tink.ch war trotzdem vor Ort. Ein kritischer Bericht hinter die Kulissen der Freikirche und des geladenen Gastpredigers Reinhard Bonnke.
Der Countdown läuft. In wenigen Minuten wird der Anlass BIG15 eröffnet. Die Hände zum Himmel beten die jungen Gläubigen. Das Motto des Anlasses: Jesus saves! Fotos: Luzia Tschirky

Gründung

Das Ehepaar Bigger hat gemeinsam “The BIG15” eröffnet, die Feier zum 15. Geburtstag der International Christian Fellowship (ICF). Feiern ist zentral für die ganze Bewegung. Leo Bigger wollte auch eine Kirche mit “Party Style” begründen, passend dazu sein jugendlicher Auftritt mit blondierten Haaren und Jeans. Das Datum ist nicht zufällig gewählt worden, gilt Pfingsten doch als Gründungsdatum der Kirche. Der Tag, an dem der heilige Geist zu den Jüngern Jesu gekommen sein soll. An diesem Wochenende soll der Heilige Geist auch nach Oerlikon ins Hallenstadion nieder steigen.

 

Grosses Jubiläum

Das Hallenstadion ist gut besetzt an diesem Samstagmorgen um halb elf. Unter den Besuchern sind viele junge Frauen, meist in Grüppchen von zwei bis drei. Aber auch junge Männer in Buggyshirts und mit schrägem Cape sitzen in den Reihen und warten darauf, dass die ICF-Feier beginnt. Dazwischen: Pärchen, aneinander anlehnend, Händchen haltend. Alle sind auffällig unauffällig, auf den ersten Blick entspricht kaum jemand dem typischen Klischee von Freikirchen-Anhängern.

 

“Rettung naht!”

Noch bevor das Ehepaar Bigger auf die Bühne tritt, spielt die ICF-Musik auf, eine Band, die von den klängen her im Softpoprock verortet werden kann. Mit ihren Texten aber einer Predigt eines Pfarrers einer Freikirche gleichkommt. “Salvation is here”,  “Errettung ist hier” – lautete eine der Textzeilen von ICF-Musik. Wovor aber wollen alle Menschen im Saal eigentlich genau gerettet werden? Viele von ihnen haben die Arme zum Himmel ausgestreckt und wiegen sich im Takt zur Musik. Sie scheinen in eine Art von Trance versetzt zu sein, während sie mit geschlossenen Augen Gebete aussprechen. Verzücktes Lachen auf den Lippen.

 

Sünde!

Gemeinsam scheint allen Besuchern, dass sie nirgends sonst in unserer Gesellschaft diesen Halt bekommen wie beim ICF. Von vielen Seiten hört man, dass man vor dem Beitritt zu ICF “gesündigt” habe. “Wisst ihr, bevor ich zum ICF gegangen bin, habe ich mit meinem Ex-Freund geschlafen”, beichtete eine Besucherin ihren Freundinnen während des Anstehens. “Mach dir deswegen keine Sorgen. Jetzt bist du ja beim ICF”. – Beim ICF dabei zu sein, scheint zu retten. Was hat diesen jungen Menschen solche Angst vor dem Jenseits gemacht? Hat die Gesellschaft nicht mehr Antworten auf die Fragen der Menschheit als noch vor der Aufklärung? Das Ganze könnte eine Reaktion auf die Komplexität unserer Welt sein. Wenn alles immer schwieriger wird, man als junge Person sich verloren und unwissend fühlt, ist ein Beitritt zu einer Organisation, die die Lösung aller Probleme verspricht, verlockend.

 

“Mähdrescher Gottes”

Neben den Stuhlreihen sitzen Menschen in Rollstühlen. Bei genauerem Umsehen fällt auf, dass auch Menschen mit Krücken überdurchschnittlich stark vertreten sind. Viele von ihnen dürften wegen des ersten Redners gekommen sein. Reinhard Bonnke machte in Afrika unter anderem wegen seinen “Wunderheilungen” von sich Reden. Auf der Bühne spricht er diese Taten zwar an, behauptet aber nicht, sie selbst vollbracht zu haben, sondern Gott habe ihn als Vollstrecker gebraucht. Denn um das geht es laut Bonnke im Leben: Gott die eigenen Dienste hier auf der Erde erweisen. Die Stimme Bonnkes hallt energisch durch das Stadion, wenn er ein Halleluja oder ein Amen ins Mikrofon ruft.

 

Sprache des Mittelalters

Inhaltlich ist er aber weniger konkret als erwartet. Grössenteils spricht Bonnke über seine Erfahrungen in Afrika. Seine Missionierungen, Heilungen und Segnungen der Menschen stehen ganz im Zentrum. “Es waren Zungen, gespaltene Zungen, welche plötzlich auf den Köpfen der Menschen erschienen sind.” – Bonnke spart bei der Schilderung des heiligen Geistes nicht an bildhafter Erzählung. “Die einen waren rot, wie das Feuer, andere waren gelblicher. Aber sie alle waren Fetzen der grossen leuchtenden Sonne – Gott!” Reinhard Bonnke behauptete der einzige gewesen zu sein, welcher die Feuer gesehen hat. “Alle Menschen hatten schliesslich die Augen geschlossen, ausser ich. Denn ich wollte sehen, was Gott tut.” Allen Anstrengungen von Aufklärung, Revolutionen und Errungenschaften der Wissenschaft zum Trotz spricht Bonnke von einer bildhaften Erfahrung einer höheren Macht. Im Hallenstadion scheint das niemanden zu stören. Gelegentlich ist ein “Halleluja” aus dem Publikum zu hören.

 

Himmel und Hölle

Lange nachdem die Morgenveranstaltung vorbei ist, treffe ich auf zwei Junge ICF-Anhänger und stelle ihnen die Frage: “Glaubt ihr denn, dass jene Menschen, die nicht an Gott glauben, in die Hölle kommen?” – “Ja, so steht es in der Bibel geschrieben.” Die beiden ICF-Fellows haben damit einen zentralen Punkt angesprochen. Die Bewegung legt die Bibel sehr strikt aus. Die meisten verbotenen Dinge sind “sittlicher” Natur: Homosexualität, Selbstbefriedigung, Pornografie und Sex vor der Ehe. Der Kirchengründer Leo Bigger hat dazu auch mehrere Bücher veröffentlicht, die in der Empfangshalle des Stadions aufliegen. Darin sind Dinge zu lesen wie: “Wiederstehe der Versuchung”. Die Verpackung des Buches ist dabei genau so modern wie alles andere beim ICF auch. Unter der Hülle kommt der Staub vergangener Jahrhunderte zu Tage. Trotz aller Negativschlagzeilen kann ICF nicht als Sekte gewertet werden. Denn ganz im Zeichen unserer Zeit ist alles unverbindlich. Vielleicht weil das Ehepaar Bigger weiss, dass sie es ansonsten nicht weit bringen würden unter den jungen Menschen von heute.