Kultur | 06.06.2011

Reigen der Seltsamkeiten

Text von Tobias Söldi | Bilder von PD
Mr. Bungle sind anders. Mr. Bungle machen keine gewöhnliche Musik. Sie versuchen es gar nicht erst, sondern gefallen sich in ihrer unvergleichlichen Eigenartigkeit. Wer sich auf "Disco Volante" einlässt, braucht starke Nerven.
Dieses Album sollte man sich nur mit wachen Sinnen zu Gemüte führen.
Bild: PD

Das Genre? Wer einmal “Disco Volante” (1995) gehört hat, wird über diese Frage nur lachen können. Mr. Bungle mischen alle möglichen Stile miteinander: Jazz, Metal, Ambient, Punk, Loungemusik, Noise, Zirkusmusik und wohl noch einiges mehr. Daraus entsteht ein anstrengendes, überdrehtes, aber auch faszinierendes Gebräu, das einen zunächst einmal ratlos zurücklässt. Beim ersten Hören fragt man sich verwirrt, was das gerade eben war.

 

Mr. Bungle scheren sich keinen Deut um Konventionen und bringen Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammengehören. Da darf ruhig in ein jazziges Saxophonsolo eine heftige, verzerrte Gitarre hineinfahren (“Sleep (Part II): Carry Stress in the Jaw”), nach einem brutalen Metalpart mit Geschrei der harmonischste und schönste Engelsgesang auf dem ganzen Albums kommen (“Merry Go Bye Bye”) oder es kann auf so etwas wie Dancemusik ein nahöstlich angehauchter Teil folgen (“Desert Search for Techno Allah”). Neben Hörspielartigem auf Italienisch (“Violenza Domestica”) gibt es Zirkusmusik (“Chemical Marriage”) und Loungemusik (“Backstrokin'”). “Disco Volante” ist ein Album der Kontraste, ein Reigen der Seltsamkeiten, die sich schon fast im Sekundentakt abwechseln. Wer sich entspannen will, sollte besser eine andere CD einlegen.

 

Mike Patton, der Stimmkünstler

Das höchste Mass an Wahnsinn auf diesem Album erreicht wohl “Ma Meeshka Mow Skowz”: Man höre und lasse sich verwirren. Nicht einmal von Gesang kann man mehr sprechen, eher sind es Geräusche, die Mike Patton, der Sänger der Band, da von sich gibt. Und wenn er einmal einige zusammenhängende Melodiebögen singt, dann in einer erfundenen Fantasiesprache. Über den Workaholic Mike Patton sollte man bei dieser Gelegenheit noch einige Worte verlieren, war er doch das bekannteste Mitglied dieser übrigens aufgelösten Band. Vielleicht kennen ihn einige von zahlreichen anderen Bands und Projekten, bei denen er seine Finger bzw. seine überaus wandlungsfähige Stimme im Spiel hat: Faith No More, Fantomas (Achtung: Mr. Bungle-˜s Musik ist eingängig dagegen), Tomahawk, Peeping Tom, unzählige Gastauftritte und Soloprojekte. Unermüdlich schreit, singt und rappt sich der Stimmkünstler durch die Musikgeschichte. Man müsste sich eigentlich langsam Sorgen um seine Stimmbänder machen.

 

Ohne Scheuklappen hören

Drei Alben haben Mr. Bungle in ihrer Karriere gemacht: Das Debütalbum “Mr. Bungle” (1991) ist witzige, überdrehte Zirkusmusik mit stärkerem Funk und Ska-Einschlag; “Disco Volante” ist das Album mit einem ernsthaften Dachschaden, dessen Verwandte auf die Namen Wahnsinn und Genie hören; “California” (1999) ist ihr wohl “zugänglichstes” Album (mit Vorbehalt) mit Ferien- und Strandatmosphäre. Wer sich also einmal von einem Album fordern lassen will, seine Scheuklappen ablegen möchte und sich gerne auf Neues einlässt, der sollte sich “Disco Volante” zu Gemüte führen.

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