Gesellschaft | 21.06.2011

Openairs und die passende Kleidung

Text von Martina Odermatt | Bilder von Manuel Oberhänsli
Was haben Mode und Festvials miteinander zu tun? Laut Jeroen von Rooijen, Stilexperte bei DRS 3, eine ganze Menge. Doch ist es wirklich nötig, einen Kaschmirschal an ein matschiges Openair zu bringen?
Openairs sind dreckig, Kaschmirschals nicht.
Bild: Manuel Oberhänsli

Liebe Leute, die ihr dem Regen trotzt, euch selbst bei “Sommertemperaturen” von 10 Grad nicht vom Zelten abhalten lasst, nur um bei Tage euren liebsten Musik-Künstlern zu frönen. Ihr nehmt während Tagen nur Bier zu euch und damit der Magen nicht rumort, genehmigt ihr euch ab und zu eine Büchse Ravioli. Ihr, die ihr gut eine Woche lang dasselbe tragen könntet, eine Dusche als völlig überflüssig anseht, ausser vielleicht wenn das Bier beschliesst, statt zum Ausgang zum Eingang zurückzukehren, euch will man nun den Kleider-Knigge für Openairs beibringen und sagen, welche Kleidungsstücke unbedingt den Weg in die Reisetasche finden sollten.

 

Sakko und Kaschmirschal

Laut DRS 3 Stilexperte Jeroen van Rooijen gibt es Kleidungsstücke für die Männergarderobe, die den Weg ins Reisegepäck keinesfalls verfehlen dürfen, so zum Beispiel rät er zu zwei Paar Hosen, schmal geschnittene Cargohose mit aufgesetzten Taschen sein, die zweite knielang und schmal geschnitten. Damit man jeden Tag wie aus dem Ei gepellt daherkommt, schlägt van Rooijen vor, pro Tag zwei frische T-Shirts einzuberechnen, für die Abende darf ein Karohemd aus festerem Stoff oder Jeans nicht fehlen und ein Kapuzen-Hoodie, falls die Temperaturen sinken. Zudem müsse unbedingt darauf geachtet werden, dass genügend Unterwäsche eingepackt wird. Nebst einem Baumwollsakko gehöre auch ein Kaschmirschal ins Gepäck, damit man bei den frierenden Damen punkten könne, so von Rooijen. Für den Fall, dass die Sonne dem Festival den Rücken kehrt und der Regen Einzug hält, ist der Nylonparka durchaus ein guter Regenschutz. Jedoch werden für diese Fälle keine Gummistiefel in die Tasche gepackt, für Herrn von Rooijen kommen nur Sneaker oder Birkenstock-Sandalen an Männerfüsse.

 

Bier oder Unterhose?

Ich wage zu behaupten, dass die hartgesottenen Open Air-Fans nicht die Bohne an einer Kleiderordnung interessiert sind. Auch nicht an Ratschlägen. In den Koffer kommt, was der Schrank gerade hergibt und was wirklich gebraucht wird. Man will nicht gut aussehen, es soll einfach nur zweckmässig sein. Man geht ja nicht auf eine Modenschau, sondern man zeltet auf einem Platz, lauscht seiner Lieblingsmusik, geniesst die Zeit mit Freunden, und das alles unter freiem Himmel!

Kommt dazu, dass die meisten bereits mit dem Wort “Nylonparka” überfordert sind. Es werden die ältesten T-Shirts hervorgekramt, was in meinen Augen auch Sinn macht, denn wer will schon das tolle neue Hemd nach dem Festival dem Abfalleimer übergeben? Die Festivalgänger, die ich kenne, besitzen weder Birkenstock-Sandalen, Kaschmirschal – was sucht ein Kaschmirschal an einem Fest, welches bei Regen beinahe im Schlamm ertrinkt? –, noch ein Baumwollsakko. Unterwäsche wird auch nicht täglich gewechselt, nimmt ja im Reisegepäck auch nur unnötig Platz weg, welchen man super für eine zusätzliche Flasche Bier verwenden könnte.

 

Hauptsache Seventies

Aber nun genug von den Männern. Lasst uns einen Blick auf die Kleidungstipps für Frauen werfen. Wenn man dem Experten glauben schenken darf, so kleiden sich die Openair-Besucherinnen heuer im Kate-Moss-in-Glastonbury-Style. Er empfiehlt Jeans-Shorts und Tanktop. Man sieht, die Kleidung ist einfacher gehalten. Was aber dennoch dazu gehört, ist ein Schlapphut im Stil der 70er Jahre. Allgemein hält der Mode-Journalist alles für ok, was nach Seventies aussieht. Den Regen hat er natürlich auch bei den Frauen einberechnet. Falls Tropfen vom Himmel fallen sollten, rät er zu einem Poncho, kombiniert mit Gummistiefel von Hunter.

 

Normale Gummistiefel tun’s auch

Das Problem beginnt bei mir schon im ersten Satz: “Kate-Moss-in-Glastonbury-Style. Kate Moss ist mir durchaus ein Begriff, nur mit dem “in-Glastonbury-Style” tu ich mich als Modemuffel etwas schwer. Dennoch muss ich sagen, dass es insgesamt wesentlich vernünftiger klingt als die Packliste für die Männer. Es ist einfacher gehalten, auf viel Schnickschnack wird verzichtet. Ich finde Jeans-Shorts und Tanktops sind absolut in Ordnung. Falls man auf den obengenannten Kaschmirschal eines Dahergelaufenen verzichten möchte, empfehle ich für schlechte Witterungsverhältnisse doch noch eine lange Hose.

 

Und ich glaube, 0815-Gummistiefel werden’s auch richten, denn ich bezweifle, dass auch nur eine einzige Festival-Besucherin Gummistiefel von Hunter anziehen wird. Wer sich solche Stiefel leisten kann, wird auch in einem Hotel und nicht auf dem Festival-Gelände nächtigen wollen, und das ist kein Open Air-Feeling. Allgemein glaube ich zwar, dass Frauen sich über ihr Styling mehr Gedanken machen als Männer, und sei es für ein Festival. Es könnte ja irgendwo Mister Right unterwegs sein, und den will man auch beim ersten Blick vom Hocker reissen! Dennoch bleibt die Festival-Regel: Nimm mit, was dich nicht reut, danach wegschmeissen zu müssen.