Gesellschaft | 20.06.2011

Mangelnde Fähigkeiten oder Opfer des Systems?

Etliche Studien stellen eine Untervertretung von ausländischen Jugendlichen auf dem Lehrstellenmarkt fest. Es stellt sich die Frage, ob die Betroffenen aufgrund ungenügender Kompetenzen benachteiligt werden oder ob sich andere Gründe dafür finden.
Ungleichgewicht: Migranten werden in der Flut von Bewerbungsschreiben schneller aussortiert.
Bild: Anton Porsche/pixelio.de

Es lässt sich nicht ausschliessen, dass schlechte Schulabschlüsse oder Sprachdefizite Ursachen dafür sind, dass Migranten mehr Mühe haben, eine Lehrstelle zu finden. Die Problematik scheint jedoch bei genauerer Betrachtung um einiges komplexer zu sein. Der Staat reguliert zwar die innere Gestaltung der Ausbildungsverhältnisse, lässt den Betrieben hinsichtlich der Lehrlingsauswahl aber freie Hand. Deshalb werden diese jeweils mit einer Unmenge an Bewerbungen und einer selbstständig zu treffenden Auswahl konfrontiert. In der kurzen Zeit der Bewerbungsverfahren lässt sich die tatsächliche Produktivität der Bewerber kaum einschätzen, weshalb die Entscheidung auch zu einem grossen Teil auf der Basis von Erfahrungen und subjektiven Einschätzungen getroffen wird. Da die Ausbilder somit nicht nur Leistung und Kompetenz der Bewerber prüfen, sondern auch auf ihr Bauchgefühl vertrauen, werden Diskriminierungsmechanismen gefördert.

 

Es kommt hinzu, dass für Betriebe bei der Auswahl der Lehrlinge häufig nicht allein die Leistungsstärke, sondern die Fähigkeiten des Bewerbers sich in den Betrieb einzugliedern im Vordergrund stehen. Der Lehrling soll somit in erster Linie möglichst keinen Störfaktor innerhalb des Betriebes darstellen. Genau diese Anforderungen scheinen ausländische Bewerber aus der subjektiven Sicht bestimmter Betriebe nicht erfüllen zu können. Ausländer werden von diesen als nicht zum Betrieb passend empfunden und bei einer Einstellung werden betriebliche Störungen erwartet. Zudem haben Migranten den verbreiteten Ruf, in der Berufslehre überdurchschnittlich häufig zu scheitern oder von der Kundschaft nicht akzeptiert zu werden.

 

Mögliche Ursache: Funktionsweise der Betriebe

Dass die Nichtberücksichtigung ausländischer Bewerber teilweise auch an mangelnden Fähigkeiten liegt, kann zumindest nicht ausgeschlossen werden. Sie ist aber wohl in erster Linie auf die Funktionsweise der Betriebe zurückzuführen. Da besonders in Kleinbetrieben die Lehrlingsverantwortlichen häufig nach subjektiven, schnell gefällten Einschätzungen über die Anstellung der Bewerbenden entscheiden dürfen beziehungsweise müssen, sind selbst gute Schulnoten und Sprachkompetenzen keine ausreichende Vorraussetzung für den Erfolg. Den Lehrlingsverantwortlichen soll damit keineswegs unterstellt werden, ausnahmslos rassistische Züge aufzuweisen. Auch sie sind Opfer der momentanen Situation, da sie in derart kurzer Zeit unzählige Bewerbungen sichten und filtern müssen.

 

Es sollte somit verunmöglicht werden, dass ein einzelner Lehrlingsverantwortlicher alleine über die Anstellung von Jugendlichen entscheiden kann. Wenn mehrere Personen im Prozess der Lehrstellenvergabe involviert sind, müssen Entscheide untereinander abgesprochen und klarer begründet werden.

 

Wünschenswert: Bessere Betreuung der Betroffenen

Angesichts der nach wie vor herrschenden Wirtschaftskrise sind gegenwärtig überdurchschnittlich viele Jugendliche von Absagen bei der Lehrstellensuche betroffen. Dieses Thema wird jedoch zu wenig, beziehungsweise zu wenig breit in der Öffentlichkeit diskutiert. Natürlich gibt es verschiedene Programme, welche Jugendliche auf Stellensuche unterstützen, doch greifen diese bisher noch zu kurz. Schon in der Schule sollten die im Bewerbungsverfahren herrschenden versteckten Mechanismen thematisiert werden, damit sie den jungen Leuten bekannt sind und sie sich zumindest darauf einstellen können. Auch könnten sie dahingehend geschult werden, solche Kriterien von sich aus im Rahmen eines Bewerbungsgesprächs anzusprechen und sich aktiv nach den Gründen einer Absage zu erkundigen. Dies würde die Position der Lehrstellensuchenden gegenüber den Lehrmeistern erheblich stärken. Selbstverständlich kann dieser Artikel nur einen Bruchteil der Gesamtproblematik ansprechen, entsprechende Massnahmen wären aber ein erster Schritt in die richtige Richtung.