Kultur | 12.06.2011

Kleine grosse Bands

Auf der zweiten Bühne am Greenfield Festival in Interlaken gab es am Samstag einiges zu entdecken. Kleine, eher unbekannte Bands spielen hier oft mitreissende Konzerte, die denen auf der grossen Bühne in keiner Weise nachstehen.
Beschwörend tanzender Sänger: Franz Treichler von den Young Gods.
Bild: Tobias Södli Wie ein tosender Wasserfall rauschte die Musik von The Ocean auf das Publikum nieder. Harten Postrock kam von Long Distance Calling aus Münster.

Dass auch kleine Bands Grosses leisten können, hat offenbar auch das Festivalpublikum gemerkt, denn schon die ersten Konzerte am Mittag locken zahlreiches Publikum an. Das ist nicht überall so. Auftritte zu so “früher” Stunde bringen an anderen Orten nur ein kleines Publikum aus den Zelten vor die Bühne. Long Distance Calling also spielen vor 13 Uhr und treten schon vor erstaunlich vollen Rängen auf. Dabei dürfte das eigentlich nicht erstaunen. Die deutsche Band spielt eine halbe Stunde lang instrumentalen, rifflastigen, harten Postrock. Ein Gitarrenriff löst das andere ab, dazwischen gibt es vereinzelt ruhige Parts zum Verschnaufen. Das Publikum mags und schüttelt bald Kopf und Haar im Takt.

 

Komplex und anspruchsvoll

Eineinhalb Stunden später geht es in ähnlichem Stile weiter, nur etwas komplexer und progressiver. The Ocean sind eine deutsche Post-Hardcore-Band im Stile von Isis, Neurosis oder Cult of Luna. Wie bei den erwähnten Bands wechseln sich auch bei The Ocean ruhige, melodiöse, schwermütige, und mit reiner Stimme gesungene Parts mit wuchtigen, lauten Teilen ab, unterlegt mit wütendem Geschrei. Wie ein tosender Wasserfall brechen die lärmigen Ausbrüche über die fragilen Melodien herein und begraben sie erbarmungslos unter sich. Der künstlerische Anspruch von The Ocean zeigt sich neben den ellenlangen, nicht dem gewöhnlichen Vers-Chorus-Vers-Schema folgenden Songs auch in den Videoprojektionen, die aber leider im hellen Tageslicht nur schwach zu sehen sind.

 

Einflussreiche Schweizer

Eine willkommene Abwechslung zu den fast ausschliesslich gitarrenorientierten Bands steht am frühen Abend in Gestalt der Young Gods auf der Bühne. Die Westschweizer sollen eine grosse Inspiration sein für Industrialbands wie Nine Inch Nails oder Ministry, auch Mike Patton, der Sänger von Faith No More, nennt sie eine für ihn prägende Band. Sie waren unter den ersten, die in ihrer Musik mit Samples experimentierten. Nach ihrer letzten Tour, auf der sie ihre Songs akustisch neu interpretierten, sind sie jetzt wieder verstärkt, verzerrt und elektronisch unterwegs. Was ja auch besser auf eine Festivalbühne passt.

 

Ihre Songs sind meist ähnlich aufgebaut: Ein repetitives Schlagzeug, ein tief pumpender, programmierter Bass und darüber der Gesang von Franz Treichler bilden die Basis. Wie bei einer Maschine, welche die immer gleichen Bewegungen ausführt, so bleibt auch bei den Young Gods das Grundgerüst der Songs während Minuten dasselbe. Wie übrigens auch die Band selbst sich – vom beschwörend tanzenden Sänger einmal abgesehen – recht stoisch gibt. Das alles ergibt eine geradezu hypnotische Wirkung. Aber trotz der Gleichförmigkeit bleiben die Songs zu jeder Zeit spannend, sind psychedelisch angehaucht und schillern in allen möglichen Farben. Jung sind sie mittlerweile nicht mehr, aber dem zweiten Teil ihres Namens machen die Young Gods alle Ehren.

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