Gesellschaft | 27.06.2011

Ausdruck eines unbeschreiblichen Zufalls

Text von Michael Scheurer | Bilder von Archiv Tink.ch
Islam ist eine Religion, die so vielfältig ist wie die Menschen, die sie leben. Im Westen werden Muslime aber seit den Terroranschlägen in New York immer häufiger mit negativen Stereotypen belastet. Elham Manea nimmt in ihrem Buch Stellung zu politisch heiklen Fragen und propagiert einen humanistischen Islam.
Minarett der Moschee in Winthertur. Aber was denn eigentlich der Islam sei, fragt Autorin Elhamn Manea.
Bild: Archiv Tink.ch

Religion, Islam, Islamist, Terrorist, Diskriminierung der Frauen, Burka, Nihab und Burkaverbot. Wenn wir heute im Westen vom Islam sprechen, haben fast alle von uns Assoziationen, Vorurteile oder begründete Meinungen gegenüber dieser Religion, die unterschiedlicher wohl nicht ausfallen könnten. Es gibt einige, die sehen eine gefährliche, schleichende Islamisierung in der Schweiz vor sich gehen. Andere sind dem Islam gegenüber offener, sie tolerieren ihn. Wieder andere gehören gar einer muslimischen Vereinigung an und besuchen regelmässig eine Moschee. Aber was ist eigentlich der Islam? Gibt es den Islam überhaupt? Und: Wie ist rationales Denken mit einem religiösen Leben vereinbar? Elham Manea mag nicht mehr schweigen und schreibt in ihrem Buch “Ich will nicht mehr schweigen” über Vorurteile, Veränderungen, Probleme und die Vielfalt des Islams.

 

Die vielen Ebenen des Ichs

Im ersten Teil des Buches stellt Manea eindrücklich dar, wie wichtig in der Diskussion um eine Religion es ist, die praktizierenden Menschen in all ihren individuellen Kontexten zu sehen und einen Menschen nicht auf eine Religion alleine zu reduzieren. Elham Manea, 1966 in Ägypten als Tochter eines jemenitischen Diplomaten geboren, bezeichnet sich selbst als ein “Individuum mit mehreren Identitäten”. Sie sei Araberin, Muslimin gleichzeitig aber auch Humanistin. Am Anfang des Buches versucht sie damit einen Grundkonsens mit dem Leser herzustellen und ihm ihre Betrachtungsweise über die Menschen zu erklären.

 

Die Autorin wirft interessante Fragen auf, wie etwa: Was ist ein Muslim?, oder: Bin ich Muslimin? Auf den ersten Blick scheinen sie trivial, verlangen jedoch komplexe Antworten. Mögliche Antworten werden dann mehrperspektivisch und strukturiert diskutiert, wenn auch zuweilen der Argumentationshergang nicht geradlinig wissenschaftlich ist, sondern auch persönlicher Erfahrungen entsprungen sein kann. Diese breite Diskussion wirft weitere Fragen auf. Es kann deshalb vorkommen, dass man beim Lesen nicht mehr genau weiss, was eigentlich die ausgehende Frage war oder wo genau die Zielgerade des Buches liegen könnte. Elham Manea aber verliert, zumindest über die Kapitel gesehen, den Überblick nicht. Es ist, als würde man einer spannenden Gesprächsrunde beiwohnen.

 

Spannende Geschichten aus Maneas Leben

Auch zu kontrovers geführten Diskussionen, wie den obligatorischen Schwimmunterricht für muslimische Schülerinnen, bezieht die Dozentin für politische Wissenschaften an der Universität Zürich jeweils eine klare Position. Elham Manea erzählt ausserdem viel von sich selbst: Wie sie sich als Muslimin vom Islam abwenden wollte oder von Ihren Erlebnissen auf der ganzen Welt als Diplomatentochter. “Am leichtesten wäre es für mich gewesen, vom Islam zu einer anderen Religion zu konvertieren”, berichtet sie. Solche Abschnitte sind reich an Lebenserfahrungen und spannend zu lesen. Sie führen aber zu Wiederholungen im Text und mögen für manche Leser vielleicht etwas ausschweifend oder gar langweilig wirken.

 

Andere mögen Manea eine Naivität in ihrer Betrachtungsweise über Spiritualität und Religion unterstellen. Sie erkennt diese Naivität aber als solche selbst, vergleicht sie mit rationalen Ansichten und schafft es, ihre naiv scheinenden Betrachtungsweisen mit rationalen Argumenten zu legitimieren. Auch Nietzsche widerspricht sie im Buch, wenn Manea schreibt: “Gott ist nicht tot”. Irgendwie bringt sie die sich angeblich widersprechenden Seiten von Religion und rationalem Denken wunderbar in ergänzenden Einklang: “Rational gesprochen”, meint sie einmal, “wenn ich das Universum betrachte, seine atemberaubende Komplexität, seine Vielfalt und seine Ausgewogenheit, und wenn ich mir das Leben und seine universale Gültigkeit ansehe, komme ich zu demselben Schluss: Irgendetwas muss erschaffen haben, was ich da betrachte”. Das Wort ‘erschaffen’ darf man bei Manea nicht zu wörtlich nehmen. Es ist für sie ein Ausdruck des unbeschreiblichen Zufalls.

 

Für einen humanistischen Islam

In einem zweiten Teil des Buches macht sich die gebürtige Jemenitin Manea stark für eine humanistische Auslegung des Islams. Es solle eine Interpretation des Islams unter vielen anderen sein. In einem ersten Schritt wird aufgezeigt, welche Vielfalt an Formen der Islam bereits heute hat. Manea widerspricht damit bewusst der heutigen weit verbreiteten Propagierung eines konservativen und menschenverachtenden Islams. Manea führt ihre Vorstellungen eines humanistischen Islams in vier Komponenten aus. Sie betont dabei die Wichtigkeit eines vielfältigen Islams, einer vielfältigen Welt. So vielfältig wie die Menschen eben selbst seien. Deshalb gibt es laut Elham Manea den Islam nicht. Genauso wenig wie es den Menschen gibt.

 

Elham Manea: Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2009. Empfohlen ab 16 Jahren.