Politik | 27.06.2011

Afghanistan-Einsatz: Skepsis von vielen Seiten

Text von Mattia Balsiger | Bilder von flickr.com
US-Präsident Barack Obama gab letzte Woche den Abzug der schätzungsweise 33'000 Soldaten aus Afghanistan bis im September 2014 angekündigt. Die NATO-Bündnispartner Frankreich, Grossbritannien und Deutschland werden ähnliche Schritte einleiten. Dieser Entscheid ruft beim US-Generalstab und in afghanischen Regierungskreisen Kritik hervor.
Der Rückzug der westlichen Streitkräfte: verantwortungslos oder längst überfällig? US-Soldat bei Sonnenaufgang in Afghanistan, Foto der U.S. Army, 2009.
Bild: flickr.com

Beklemmende Ausgangslage

Der Einsatz in Afghanistan ist seit dem Vietnamkrieg die längste militärische Auseinandersetzung der amerikanischen Streitkräfte. Obwohl die amerikanischen Verluste in Vietnam damals um ein Zwanzigfaches höher waren, weisen die beiden Kriege deutliche Parallelen auf. Der Einsatz in Afghanistan ist ein asymmetrischer Krieg ohne Fronten, es fehlen klar definierte Kriegsziele, verlustreiche Anschläge aus dem Hinterhalt setzen den NATO-Truppen zu. Auch auf politischer Ebene gibt es Ähnlichkeiten: In Kabul regiert eine dem Westen zwar wohlgesinnte, aber schwache und korrupte Regierung, gleichzeitig hat der Westen wenig Rückhalt und Unterstützung aus der afghanischen Bevölkerung, vor allem in den Gebieten, die von den Taliban beherrscht werden. Wie damals in Vietnam zeichnet sich ab, dass Afghanistan höchstwahrscheinlich “ungewinnbar” ist.

 

Berechtigte Gründe für den Abzug – bloss für wen?

Ein Abzug hat also eine handfeste Berechtigung. Der Krieg bringt enorme wirtschaftliche Kosten mit sich: die US-Regierung kostet er monatlich zehn Milliarden Dollar. Die menschlichen Verluste sind ebenfalls erdrückend: Bis heute sind bei Kriegshandlungen geschätzte 2’500 Koalitionssoldaten, davon 1’200 Amerikaner, ums Leben gekommen. Aus westlicher Sicht ist der Afghanistan-Einsatz also eine Verlustrechnung, der zermürbende und mehr und mehr erfolglose Kampf gegen die Taliban kann die Kosten nicht mehr rechtfertigen. So argumentieren nunmehr nicht nur Demokraten, sondern auch eine starke Gruppe von isolationistischen Republikanern.

 

Doch was ist mit den afghanischen Interessen? Wie würde sich die Situation für die Zivilbevölkerung verändern, böten westliche Truppen keinen Schutz mehr?

 

Obwohl Afghanistans Präsident Hamid Karzai offiziell den Abzug als “freudigen Moment für Afghanistan” bezeichnet, macht sich in der Bevölkerung Skepsis breit, dass die schlecht ausgerüstete und ungenügend ausgebildete Armee bis 2014 bereit sein werde, das Land selber zu beschützen. Eines der Hauptprobleme des Landes ist die Verteilung der Macht auf Clanführer, Drogenbosse, Warlords und Taliban-Milizen. Es ist schwierig abzuschätzen, ob die afghanischen Armee- und Polizeiorgane bereits in der Lage sind, diese Probleme bewältigen zu können. Vor einer erneuten Taliban-Herrschaft wäre das künftige Afghanistan nicht sicher.

 

Zweifel an Karzais Plan

Der Druck der Islamisten auf die Zivilbevölkerung könnte mit jedem Kontingent, das abgezogen wird, zunehmen, und zwar nicht nur im Süden, der Hochburg der Taliban, sondern auch zunehmend im Norden, der momentan noch weniger stark betroffen ist. Training und finanzielle Unterstützung für die afghanischen Truppen stellt der Westen zwar zur Verfügung. Jedoch fehlen wichtige Komponenten wie Konflikt- und Kampferfahrung und Akzeptanz in der Bevölkerung. Afghanistan war für lange Zeit ein Bürgerkriegsgebiet ohne Zentralregierung, quasi ein Ort des Chaos. Da viele Rekruten bei Armee und Polizei desertieren, mit den Taliban sympathisieren oder drogenabhängig sind sowie viele Offiziere korrupt sind, lässt Karzais Plan, die Armee auf 170’000 Mann aufzustocken, nicht gerade viel Hoffnung aufkommen. Selbst hohe afghanische Regierungsvertreter zweifeln an Karzais Euphorie.

 

Auch das US-Militär steht dem Präsidenten mit seiner Haltung kritisch gegenüber. Der Rückzug sei überstürzt und gefährde die kürzlich erzielten militärischen Erfolge im Süden des Landes, meint der Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in Afghanistan, General David Petraeus.

 

Doch Präsident Obama, oberster Entscheidungsträger der US-Streitkräfte, muss in seinen Entscheidungen Prioritäten setzen. Für das amerikanische Volk kann der Abzug nicht genug schnell vonstatten gehen. Diesen Wunsch zu erfüllen liegt letzten Endes in der Natur des Präsidenten, soll ihn das Volk im nächsten Jahr doch wieder wählen.