Kultur | 16.05.2011

Zwischen Ruhe und Sturm

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg.
Der Auftakt zu dieser Serie erfolgte letzte Woche mit viel Getöse, jetzt geht es mit dem Album "Lift yr. skinny fists like antennas to heaven!" der Postrock-Helden Godspeed You! Black Emperor (GY!BE) bedächtiger zu und her. Von dem sperrigen Namen sollte man sich keinesfalls abschrecken lassen: Dahinter versteckt sich eine wahre Perle von einem Album.
"Lift yr. skinny fists like antennas to heaven!" -“ So ungewöhnlich und lang wie ihre Titel sind auch die Stücke von GY!BE.
Bild: zVg.

Ganz leise beginnt “Storm” mit einer unscheinbaren, zärtlichen Gitarrenmelodie. Sachte setzt eine Trompete ein, eine zweite Gitarre verschmilzt mit der ersten. Ein Instrument nach dem anderen steigt mit ein, langsam nimmt das Stück Fahrt auf. Alles verschmilzt zu einer einzigen, untrennbaren, schillernden und funkelnden Einheit aus unzähligen sich überlagernden Melodiesprengseln. Bei jedem Hören entdeckt man neue Töne, die jetzt – einmal gehört – nicht mehr wegzudenken sind; unerklärlich, wie man sie zuvor überhören konnte. Über mehrere Minuten steigert sich alles, nehmen Lautstärke, Euphorie und Intensität zu. Dann, nach etwa sechs Minuten, kurz bevor das Stück in die Kakophonie gleiten würde, bricht alles ab. Nur noch ein sirrendes Geräusch bleibt übrig. Die Ruhe nach dem Sturm.

 

Kein Album für jede Gelegenheit

So beginnt “Storm”, der erste Song auf “Lift yr. skinny fists like antennas to heaven!”. Von Songs kann man allerdings kaum sprechen. Die vier grösstenteils instrumentalen Stücke dauern jeweils etwa 20 Minuten und bestehen aus verschiedenen, ineinander laufenden Parts. “Static” beginnt beispielsweise mit minutenlangem ambient-artigem Dröhnen, bis eine Stimme eine Predigt vorträgt. Mag man auch nicht genau verstehen, was der Mann da sagt, es läuft einem kalt den Rücken hinab. Begleitet von einer einsam klagenden Violine bildet diese Rede eine der intensivsten und dunkelsten Stellen des ganzen Albums, bis “Static” dann zu einer ohrenbetäubenden Lärmorgie ausartet – allgemein ist dieses Muster von leise zu laut, von Ruhe zu Sturm, bei GY!BE oft anzutreffen.

 

Düstere Atmosphäre

Typisch für dieses Album sind auch die Sprachsamples, die geschickt in die Songs eingebaut worden sind, und einen grossen Teil zur Atmosphäre beitragen. Die ist düster, melancholisch und manchmal schwer zu ertragen. “Lift yr. skinny fists like antennas to heaven!” ist definitiv kein Album, das man immer und überall hören könnte. Man muss sich Zeit nehmen, sich auf die Musik konzentrieren. Bei flüchtigem Hören im Hintergrund könnte das Album schnell als langweilig und ereignisarm empfunden werden. Und ausserdem sollte man in der richtigen Stimmung sein, denn das Album gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt und kann einen unter Umständen ganz schön hinunterziehen. Warum soll man es aber trotzdem hören? Um nicht den restlichen Artikel mit Lobreden zu füllen, eine Antwort in einem Satz: Wegen der Erhabenheit, Grösse und Schönheit der Musik.

 

Anstehende Konzerte

GY!BE, gewöhnlich als eine der wichtigsten Vertreter des sogenannten Postrocks, kommen übrigens aus Kanada und wurden 1994 gegründet, lösten sich 2003 aber auf. Ein Glück, dass sie sich wiedervereinigten und letzten Winter eine Hand voll Konzerte in Amerika und Europa spielten. Im Juli ist die Gruppe in England unterwegs. Wer die Gelegenheit hat, diese Band live zu sehen, dem sei dies hiermit wärmstens ans Herz gelegt. Denn wie die bis zu zehn Musiker grosse Truppe ihre Stücke auf die Bühne bringt, ist schlicht und einfach atemberaubend.

 

Spätestens an dieser Stelle muss der Autor nun aber doch kapitulieren: Dieser Text kann der Musik schlicht nicht gerecht zu werden. So viele Dinge, welche die Musik von GY!BE so gross machen, müssen beim Sprung von Musik zu Text unweigerlich verloren gehen. Das Album ist viel zu reich an Bildern, an Gefühlen, an Eindrücken und an Assoziationen, als dass man es adäquat in Worten fassen könnte. Diese Musik muss man hören und fühlen. Nur so kann man ihr gerecht werden.

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