Gesellschaft | 25.05.2011

Zwischen Ideal und Realität

Text von Linda Bergauer | Bilder von Jan Bergauer
1979: Die Schweiz ratifiziert das UNO-Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Doch wie sieht es heute umgesetzt? Steht in jedem Fall das Wohl des Kindes im Vordergrund? Erhält das Kind stets den Schutz und die Fürsorge, die für sein Wohlergehen notwendig sind?
"Die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz schützt demnach ihre Verschiedenheit."
Bild: Jan Bergauer

Um den Einstieg ins Thema “Migration und Kinderrechte” etwas zugänglicher zu machen, führt Waltraut Kerber-Ganse, Zuständige für den Studiengang “European Master in Children’s Rights” an der Universität Berlin, vorerst in die Kinderrechte im Allgemeinen ein: Die Rechte dienen dazu, die schwächsten Glieder in der Gesellschaft zu schützen. Sie bewahren vor Diskriminierung, Marginalisierung und Gewalt. Dazu hält Artikel 30 der Menschenrechtskonvention fest: Alle Menschen haben das Recht auf Andersartigkeit, sowie den Anspruch darauf, als Angehöriger einer Minderheit “in Gemeinschaft mit anderen Angehörigen seiner Gruppe seine eigene Kultur zu pflegen, sich zu seiner eigenen Religion zu bekennen und sie auszuüben oder seine eigene Sprache zu verwenden.” Die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz schützt demnach ihre Verschiedenheit.

 

Zwischen zwei Welten

Zwei Kulturen miteinander zu vereinen bedeutet, einen Spagat zwischen zwei verschiedenen Identitäten zu wagen und Spannungen auszuhalten, um letzten Endes einen Konsens zu finden. Dies führt bei Aussenstehenden, vor allem aber bei den Betroffenen selbst zu einem wahren Balanceakt. Laut Kerber-Ganse gehört dazu gerade im Falle der Kinder eine gehörige Portion Unterstützung durch die Umgebung, also durch die Schule. Menschenrechtsbildung sowohl für Erziehende und Lehrpersonen als auch für die Kinder selbst unterstützt die gegenseitige Achtung vor der kulturellen Identität.

Neben dem Recht auf Bildung, welches ausnahmslos jedem Kind zusteht, unterstreicht Kerber Ganse in ihrem Vortrag zudem das Recht auf Gehör, also auf Mitspracherecht. Kindern als Migranten, welche als direkt Betroffene Erfahrungshintergrund besitzen, steht der Anspruch auf Mitwirkung bezüglich der Gesetzesgestaltung zu.

 

“Menschenrechte sind keine Rechte”

Laut Frank-Olaf Radtke, Soziologe und Professor an der Universität Frankfurt, sind Menschenrechte in dem Sinne keine einklagbaren Rechte – sie sind lediglich Empfehlungen. Obwohl 193 Staaten – mit Ausnahme von Somalia und den USA – die Kinderrechtskonventionen ratifiziert haben, liegt deren Umsetzung teilweise noch mehr als fern. Die Einhaltung der Menschenrechte liegt in den Händen der Staaten, es existiert kein Weltenherrscher, der für jede Missachtung Sanktionen ergreifen könnte.

 

Kluften überwinden

Sowohl in den Schlussworten der Referenten wie auch in der darauffolgenden kurzen Fragerunde wird eine Komponente der Menschenrechte einmal mehr evident: Die idealistisch angehauchten Konventionen zum Schutze der Weltgemeinschaft befindet sich noch immer Welten von deren Umsetzung entfernt. Professorin Annedore Prengel behält den Blick für die Realität: Alles, was der Einzelne tun kann, ist zu versuchen, sich dem Erwünschten mit seinem eigenen Handeln anzunähern. Die wissenschaftliche Pädagogik erarbeitet hierzu neue Konzepte zur Förderung der Vielfalt der Kulturen, der Einzelne soll seinen Mitmenschen eine Stütze und helfende Hand bieten. Frau Prengel setzt dazu mit folgendem Zitat einen passenden Schlusspunkt: “Gerechtigkeit ist in erster Linie Mitmenschlichkeit.”