Kultur | 02.05.2011

“Wir müssen tanzen”

Text von Tobias Söldi | Bilder von PD
Zwei grosse Namen treffen aufeinander: Der deutsche Regisseur Wim Wenders und die einflussreiche Tänzerin und Choreografin Pina Bausch wollten einen gemeinsamen Film drehen, bei dem am Ende alles anders kam, als man ursprünglich geplant hatte. Das Ergebnis "Pina" läuft jetzt in den Kinos.
"Pina": Ein Film über, aber nicht mehr mit Pina Bausch. In der dritten Dimension entfaltet die Choreographie erst ihre volle Wirkung. Der Film zeigt den Tanz abseits der Bühne.
Bild: PD

Er musste viele Hindernisse überwinden. Über 20 Jahre lang träumte Wim Wenders davon, einen Film über und mit Pina Bausch zu drehen. Für dieses Projekt hätte er “alles stehen und liegengelassen”, wie er selbst sagt. Doch er musste sich eingestehen, dass man mit dem Medium Film der Tanzkunst von Pina Bausch nicht gerecht werden konnte. Die Lösung nahte in Form der neuartigen 3D-Technik, die Wenders als “Tür in das Königreich der Tänzer” bezeichnet. Endlich konnte die Körperlichkeit der Tanzkunst im Raum adäquat auf die Leinwand gebannt werden.

 

Doch kurz vor Drehbeginn drohte das Projekt abermals zu scheitern: Im Sommer 2009 starb Pina Bausch 68-jährig unerwartet an Krebs. Nach anfänglicher Bestürzung entschieden sich Wenders und das Tanztheater Wuppertal, dessen Leiterin Pina Bausch war, den Film dennoch zu drehen. Einen anderen Film wohlgemerkt, als man ursprünglich geplant hatte. Es entstand kein Film über und mit, sondern einer für Pina Bausch. Ein Geschenk und eine Huldigung der besonderen Art.

 

Auch für Tanz-Unkenner

Jetzt ist der Film im Kino angelaufen: ein Collage-artiger Tanzfilm ohne Geschichte und Handlung. Eine lose Aneinanderreihung einzelner Tanzszenen, die nur durch einige Archivaufnahmen und Aussagen der Tänzer zu Pina Bausch unterbrochen werden. Auch wenn dies vielleicht wenig verlockend klingt und man wie Wenders mit Tanz sonst wenig am Hut hat, genau dann sollte man sich den Film unbedingt ansehen. Horizonterweiterung kann niemals eine schlechte Sache sein.

 

“Tanzt, tanzt…”

Wenders findet grossartige, poetische Filmbilder, oft auch mit surrealistischem Charakter. Der Film führt den Tanz von der Bühne in die Welt ausserhalb des Theaters überführt, Grenzen werden so überschritten. Überall wird getanzt: In der Hängebahn, im Wald, im Park, in einer dunklen Grube, vor mächtigen Industriegebäuden, in der Einöde einer kahlen Steppe. Ganz nach dem Motte von Pina Bausch: “Tanzt, tanzt… oder wir sind verloren”, mit dem der Film auch beschlossen wird. Dieser Satz ist Programm und womöglich fühlten die Macher sich dem Satz auch verpflichtet, als man sich entschied, den Film trotz allem zu drehen.

 

Der Tanzkunst gerecht werden

Pina Bausch revolutionierte die Tanzkunst und prägte den Begriff des Tanztheaters. Bei ihr durften die TänzerInnen auf der Bühne wieder singen, schreien, auch sprechen, durften Alltagsgesten benützen und pantomimische Gesten ausführen. Dadurch näherten sich Tanz, Gesang und Schauspiel einander an. Sie wurde als die bedeutendste Choreografin der Gegenwart gefeiert. Es ist erstaunlich, wie die Tänzer es schaffen, beim Zuschauer Emotionen wie Freude, Angst, Trauer und Hoffnung allein durch ihre Bewegungen auszulösen. Fasziniert verfolgt man die Figuren, wie sie über die Leinwand tanzen, springen, hüpfen und kriechen – oder besser gesagt: von der Leinwand weg. Denn dank der 3D-Technik fühlt man sich als Zuschauer mitten im Geschehen, das sich von der Leinwand abzulösen und sich um den Kinobesucher herum abzuspielen scheint. Die notwendige 3D-Brille vergisst man schnell. Glücklicherweise wurde die Technik nicht überstrapaziert. Es geht nicht um Effekte, sondern darum, dem Tanz möglichst gerecht zu werden, den für die Tanzkunst so wichtigen Raum erfahrbar zu machen. Ein herausragender Film, im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Nach dem Kinobesuch fühlt man sich ganz leicht. Am liebsten würde man zu tanzen beginnen.

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