Kultur | 09.05.2011

Weil du dann leicht vergisst

Letzte Woche ging das zeitgenössische Theatertreffen "Auawirleben" in Bern über die Bühne. Dieses Jahr waren unter dem Motto "Welt offen" ein Dutzend Produktionen aus Argentinien, Belgien, Deutschland und der Schweiz eingeladen. Auf welche Weise wir leben, dieser Frage geht das Stück "Sofort geniessen" auf den Grund.
Genuss auf Knopfdruck aus der Sahnesprühdose.
Bild: Christian Altorfer / Auawirleben

“First step, I am alone and I am naked”, sagt Tabea, während sie auf einem weissen Kasten steht und sich mit Sahne aus der Dose Brustwarzen aufsprüht.

 

Tabea, die eine Protagonistin in der Produktion “Sofort geniessen”, erschafft sich ihr Paradies namens “Jojo”. Sie will einen Partner, Sex im Garten, Kinder, reiche Freunde, “be a women the people look up to”, sterben, wieder sterben, dramatisch, leben, nein doch lieber einen Blonden zum Freund, den sie sich kurzerhand aus dem Publikum schnappt. In immer schnellerem Rhythmus erfüllt sie sich ihre Wünsche. Ihr Sahneparadies klebt überall, an ihr. Sie will, viel, und zwar sofort!

 

Wo bleibt da die Zeit zum Geniessen?

Ich sitze auf meinem Klappstuhl, schlage die Beine übereinander, das ist auf Dauer unbequem, stelle die Füsse wieder nebeneinander. Tabea macht mich nervös. Ebenso schnell wie die süsse Sahne in einen widerlich sauren Gestank kippt, wird Tabea ihrem Paradies überdrüssig. Tabea fällt Mathias um den Hals, “Ich habe nichts, nothing, I am nothing”.

 

Mathias hat keine Wünsche. Ist er wunschlos glücklich oder unglücklich? Er steht da und singt:

 

“Sing ein Lied, wenn du mal traurig bist,

Sing ein Lied, wenn dich kein Mädel küsst,

Sing ein Lied, weil du dann leicht vergisst,

Tralalalalalalaaaa

…”

 

Währenddessen verteilt er dem Publikum Text, ohne Kommas. Erst vereinzelt, dann mutiger beginnen wir die eingängige Melodie mitzusingen.

 

Tabea und Mathias

Tabea und Mathias stehen mit ihren eigenen Namen auf der Bühne. Im anschliessenden Publikumsgespräch betonen sie, dass sie keine Schauspieler sind, die eine Rolle verkörpern. Tabea Martin hat 2002 ihr Studium in Modernem Tanz an der Hochschule der Künste in Amsterdam abgeschlossen. Der Niederländer Mathias Mooji studierte in Holland Philosophie und Holländisch. Anschliessend absolvierte er bis 2005 die Regieschule in Amsterdam.

 

Seit 2002 setzen die Schweizerin Tabea Martin und der Niederländer Mathias Mooji ihre Gedanken gemeinsam in theatralische Form um. Wir, das Publikum, sind Teil ihrer Performance. Da trennt uns kein Vorhang, Selbstreflektion ist kaum vermeidbar.

 

Was will ich?

Im Ankündigungstext der Gruppe heisst es: “Wir wissen, was wir wollen. Was wir geniessen wollen. Allerdings ist das verdammt viel.” Weiss ich, was ich will? Was ich geniessen will? Wir durchschauen doch die von aussen durch Werbung injizierten Wünsche. Sind dem Sahnefressen schnell überdrüssig. Aber was würde ich tun, wenn ich nackt wie Eva im Garten Eden stehen würde? Was will ich? In einer Gesellschaft in der sich Jeder selbst verwirklichen kann. Auf der Suche nach Erfülltheit.

 

Mathias steht da und sagt: “Tabea hat keine Ahnung, dass sie Tabea ist, sie ist viel zu beschäftigt.” Die Angst vor der Leere, wenn wir innehalten, und uns unserer Unerfülltheit bewusst werden. Ist es das, was den schnellen Rhythmus unserer Zeit immer weiter beschleunigt? Tabea und Mathias erschaffen eine Welt, in der Fantasie und Wirklichkeit untrennbar miteinander verflochten sind. Wir werden in den Rhythmus einer entfesselten Wunschmaschine gesogen. In einer provozierend direkten Performance drängen sie uns zum Innehalten und sich bewusst machen.