Gesellschaft | 30.05.2011

Tatschende Meute

Früher drehte, drückte und kurbelte man um Musik zu hören. Heute wird überall nur noch "getoucht".
Die ganze Welt tatscht.
Bild: frhuynh/stockvault.net

Es piepst laut und durchdringend aus der Küche. “Was ist jetzt schon wieder?”, denke ich und renne zum Herd. Ein Reiskörnchen liegt auf der Glaskeramik und zwar genau auf der Taste. Der ganze Herd ist abgeschaltet, nur wegen eines Reiskörnchens. Später am Bahnhof löse ich ein Billett nach Zürich. Dazu muss ich mehrmals auf den Bildschirm drücken, aber weder zu fest, noch zu wenig. Das ist hier der Trick. Einer älteren Dame hinter mir muss ich erst erklären, wie das System funktioniert. Im Zug spielt ein Mann neben mir auf seinem iPhone rum, er streichelt den Bildschirm, tatscht und wischt, versorgt seinen Darling liebevoll in der Lederhülle. Ein Geschäftsmann mit Aktentasche hat das neue iPad zwei auf den Knien, er liest ein Buch darauf.

 

Der Zwang

Zürich ist bekanntlich teuer und mein Portemonnaie leer. Ich suche den nächsten Bankomat und finde schon wieder einen Touchscreen. Die Welt mutiert zu einer tatschenden Meute. Und das Schlimmste, der Touchscreen ist kaum zu umgehen. Mein alter iPod hat seinen Geist aufgegeben und ich brauche einen neuen. Ein iPod Shuffle ganz ohne Bildschirm, ein iPod Nano mit winzigem Touchscreen, ein iPod Touch oder aber der iPod Classic mit herkömmlichen Wheel stehen zur Auswahl. Nummer eins ist mir zu klein, Nummer drei zu “touchig” und Nummer vier ist zu gross, hat zu viel Speicherplatz und ist deshalb auch zu teuer. Es bleibt nur Nummer zwei. Ich muss wohl oder übel in die Touch-Gemeinde eintreten.

 

Für Babies?

Zugegeben, chic sieht es schon aus, wenn man lässig über den Bildschirm fährt. Doch ist er erst mal feucht, läuft nichts mehr. Immerhin: Der Touchscreen ist selbsterklärend. Was ich will, darauf tatsche ich. Schon Babys verstehen das System – warum sonst gibt es so zahlreiche Baby Apps für iPhone und iPad? Ein grosser Nachteil bleibt bestehen: Der Bildschirm reagiert zwar empfindlich auf kleinste Impulse, ist aber darum auch sehr empfindlich gegenüber Schlägen und Stürzen. Wie schön war es doch mit dem alten Walkman, er überlebte Stürze aus höchster Höhe unbeschädigt. Naja, chic ist er schon, der “Touch.”