Kultur | 16.05.2011

Spin doctors im Bundeshaus

Text von Michael Scheurer | Bilder von Tink.ch
Umstrittene wie auch unbekannte Kommunikationstechniken rückt die Autorin Judith Barben in ihrer Buchrecherche "Spin doctors im Bundeshaus" ans Tageslicht. Dass die direkte Demokratie in Gefahr sei, wie sie schreibt, mag übertrieben wirken. Das Buch jedoch regt zum Nachdenken an.
'Fragen Sie Ihren Experten für manipulative Kommunikation' - Seit den 1970er Jahren ist der Kommunikationsstab im Bundeshaus stark gewachsen.
Bild: Tink.ch

Wenn ich durch die Strassen an politischen Plakatwerbungen vorbeigehe, im Radio Interviews von Bundesräten oder im Fernsehen eine Reportage mitverfolge, versuche ich seit einiger Zeit schon fast krankhaft das Wahrgenommene zu analysieren: Wer sagt was, wer hat wohl wie viel Geld, wer steht auf welcher politischen Seite und warum sagt sie dies genau in diesen Worten? Was könnte diese Person damit für Ziele verfolgen?

 

Experten für manipulative Kommunikation

Der Grund für mein Nachdenken liegt in Judith Barbens Buch mit dem Titel “Spin doctors im Bundeshaus”. Im Jahre 2009 ist es erschienen. Das Wort Spin stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt Drall oder Drall geben. In einem politischen oder medialen Kontext verwendet, definiert der Publizist Frederick Forsyth in der “Welt am Sonntag” den Begriff so: “Spin ist ein neues, höfliches Wort für Propaganda, für subtile Manipulation der Medien.” Ein Spin doctor ist in diesem Sinne also ein Experte für manipulative Kommunikation. Wer mit dem Titel vor dem Lesen dennoch nicht viel anfangen kann, den führt der Untertitel “Gefährdung der direkten Demokratie durch Manipulation und Propaganda” näher an die inhaltliche Thematik heran. Die Autorin Judith Barben, Doktorin in Psychologie an der Universität Zürich, möchte mit ihrer Buchrecherche, wie sie sagt, einen “Beitrag zur Aufklärung der heutigen manipulativen Kommunikationsweisen in der Politik leisten”.

 

In Geschichte und Theorie der politischen Manipulationsmethoden führt sie im ersten Buchdrittel ein. Es bleibt kein trockener Vortrag aus dem Vorlesungssaal, Theorien werden mit Geschichten und Vorkommnissen aus dem politischen Alltag untermauert. Es sind dann auch die beinahe unglaublichen Berichte über gefälschte Kriegsgründe im Irak, die den Leser von einem Kapitel zum nächsten locken. Barben beschreibt, wie das Pentagon spezialisierte Medienkonzerne beauftragt, den Einzug der US Truppen in den Irak so nachzufilmen, dass dieses Ereignis im Staatsfernsehen für Kriegspropaganda eingesetzt werden kann. Oder auch, wie US Gamekonzerne Trainingssimulationen der US Soldaten ein Design verleihen, um sie als Kinderspiele auf der ganzen Welt zu verkaufen. Weiter erfährt man von Wortlisten, die Gedanken von Zielpersonen in eine bestimmte Richtung lenken können.

 

Direkte Demokratie gefährdet?

Wer das erste Drittel gelesen hat, bekommt im zweiten die schweizerische Art der politischen Kommunikationsmanipulation vorgesetzt. Mit vielen Zahlen und Fakten belegt die ehemalige Primar- und Sonderschullehrerin Barben, wie im Bundeshaus eine gigantische Abteilung für Kommunikation entstanden ist. Seit den Siebzigerjahren ist die Anzahl der “Facharbeiter für Kommunikation” etwa um das Zehnfache auf ca. 700 Angestellte angewachsen. Auch der umstrittene Bergier-Bericht, in dem es um die wirtschaftlichen und finanziellen Verflechtungen der Schweiz mit dem ehemaligen Nazideutschland geht, wird aus der kritischen Sicht einer ausgewiesenen Kommunikationsexpertin und Spezialistin der Tiefenpsychologie beleuchtet.

 

Nach dem zweiten Drittel beginnt man den Zusammenhang zwischen Gefährdung der direkten Demokratie und Manipulation der Medien zu verstehen. Verschiedene Beispiele zeigen auf, wie Wissen um die Manipulierbarkeit der Medien und genügend finanzielle Mittel den Schweizer Souverän beeinflussen können. Fragt sich jedoch, wie sehr der Vorwurf einer Manipulierbarkeit bzw. Gefährdung der direkten Demokratie zutrifft. Denn die Politlandschaft in der Schweiz ist allzu vielfältig und politische Minderheiten können schnell zu gewichtigen Mitrednern werden, als dass wir uns einer direkten Gefährdung unseres politischen Systems gegenüber sehen müssten.

 

Detaillierte Recherche sorgt für Spannung

Der dritte und letzte Teil des über 200 Seiten dicken Buches liest sich wie eine spannende Geschichte. Es sind die bedenklichen Geschichten um die neue Bundesverfassung und die Partnerschaft für den Frieden der Schweiz mit der NATO. “Spin doctors im Bundeshaus” ist nicht eindeutig einem klassischen Genre zuzuordnen. Vielmehr handelt es sich um eine Dokumentation von zueinander passenden Ereignissen, die mit verschiedenen Theorien erklärt und analysiert werden.

 

Über 500 Quellenangaben und Dokumentkopien ergänzen die Buchseiten. Möglich, dass sich Judith Barben zu sehr auf die Beweiserbringung ihrer Recherche, denn auf die nahtlose und kohärente Textgestaltung konzentriert hat. Doch diese detaillierte Recherche hat die grosse Vielzahl an spannenden und weitreichenden Kapiteln von je einer bis fünf Seiten zur Folge. Nachvollziehbar, dass einige Kapitel schwer in eine passende Reihenfolge einzugliedern waren. Wer aber den Mut zum Lesen nicht verliert, wird in einem Zug dieses Buch gierig in sich aufnehmen und, wer weiss, fortan mit aufmerksameren Ohren, Augen und Verstand durch die Medienwelt gehen.

 

Judith Barben: Spin doctors im Bundeshaus. Gefährdungen der direkten Demokratie durch Manipulation und Propaganda. Eikos Verlag, Baden 2009, ab 14 Jahren empfohlen.