Sport | 16.05.2011

Polo auf Drahteseln

Die Regeln sind einfach: Gespielt wird auf Streethockeyfeldern, mit umgebauten Velos und selbst gebastelten Schlägern. Bike-Polo ist eine junge Sportart, die schnell wächst. Auch in der Stadt Bern rollen regelmässig Räder und Ball, zum Beispiel auf dem Schulhausareal Statthalter in Bern-Bümpliz.
Ein Spieler kurz vor der Schussabgabe.
Bild: Matthias Strasser Viel Verkehr vor dem Tor: Die Verteidiger dürfen den Ball mit dem Rad abblocken.

Drei gegen drei. Die sechs Spieler nehmen mit dem Hinterrad zur Bande Aufstellung hinter ihren Toren. Der Ball liegt in der Mitte des Feldes. Und dann geht es los: “Ready?”, fragt Gabor, 33, aus Bern. “Drei, Zwei, Eins, Polo!” Aus jedem Team rast ein Spieler auf die Mitte zu, um sich den Ball zu holen. Die sechs Spieler umkurven sich gegenseitig, verrenken sich auf ihren Rädern und versuchen den Ball im gegnerischen Tor unterzubringen.

 

Ob Starrgang oder Freilauf, zugelassen sind im Bike-Polo praktisch alle Formen von antriebslosen Zweirädern. Körperkontakt ist erlaubt und auch die Fahrräder dürfen sich touchieren. Verboten ist etwa das Einhaken mit dem Schläger im Rad des Gegners. Wer das Gleichgewicht verliert und mit dem Fuss absteht, muss zur Seitenbande an der Mittellinie fahren und dort “abklopfen”. Erst dann darf man wieder ins Spiel eingreifen. “Direktes Wegabschneiden, ein sogenanntes T-Bone, ist nicht gestattet”, erklärt Gabor.

 

Tüftler mit beschränktem Budget

Gabor ist ein Kenner der Bike-Polo-Szene. Vor zwei Jahren gehörte er zu den ersten, die im Raum Bern zu spielen begannen. Er ist selbstständiger Fahrraddesigner. Die Vorteile der Sportart liegen für ihn auf der Hand: “Es ist die wohl preiswerteste Velosportart, die es gibt. Mit 200 Franken Investitionen bist du dabei. Im professionellen Radrennsport brauchst du mindestens ein fünfstelliges Budget. Hier hingegen benutzen die meisten Spieler ‘Schrottvelos'”, so Gabor. Christian, ein 17-jähriger Gymnasiast aus Bern, fügt an, dass er in sein Polo-Bike lediglich 33 Franken investiert habe. Vielleicht mit ein Grund, weshalb der Sport in letzter Zeit vermehrt von Jugendlichen entdeckt wurde.

 

Polo-Biker sind Tüftler. Gabor hat an seinem Fahrrad Vorder- und Hinterradbremse vertauscht. Dadurch kann er mit der linken Hand die hintere Bremse ansteuern, während er mit der rechten den Schläger führt. Einige seiner Kollegen haben an der Übersetzung ihrer Fahrräder gefeilt, um das optimale Verhältnis zwischen Trittfrequenz und Tempo zu erreichen. Andere wiederum verpacken ihre Räder in einer Plastikabdeckung. “Das schützt einerseits die Speichen, die beim Aufprall des Balles gerne brechen, andererseits ist es ein Sichtschutz und soll den Gegner verwirren”, erklärt Gabor. Jeder Spieler hat Veloflickzeug und mindestens einen Ersatzschlauch dabei. Fehlt etwas, hilft man einander aus. Auch die Schläger sind selber gebastelt. An alte Skistöcke werden PVC-Rohre mit etwa sechs Zentimeter Durchmesser geschraubt. Dadurch erhält der Schläger die Form eines überdimensionierten Cricketschlägers.

 

An Olympia vorbeigeschrammt

Bike-Polo oder Velo-Polo, wie die Sportart umgangssprachlich genannt wird, ist ursprünglich eine Sportart der Fahrradkuriere. Ein französischer Kurier habe den Sport nach Grossbritannien gebracht, ein portugiesischer nach Ungarn, so Gabor. Auf diese Weise konnte sich der Sport in den vergangenen Jahren verbreiten. Gespielt wird heute rund um den Globus.

 

Hierzulande hat sich die Sportart in den vergangenen vier Jahren etabliert. Zuerst in Genf, später in Bern und Basel bildeten sich Gruppen, die sich regelmässig zum Training treffen. Eine junge Sportart mit grossem Potential also? Nicht nur. Denn Gabor weiss: “Bike Polo war schon einmal olympisch.” Tatsächlich war im Jahr 1916 die Aufnahme von “Radpolo” ins olympische Programm vorgesehen. Allerdings wurden die Spiele in Berlin wegen des Krieges abgesagt. Es wäre die einzige Aufnahme dieses Sport ins olympische Programm gewesen. Bike-Polo verschwand danach für eine ganze Weile von der Bildfläche.

 

Lose Organisation

Ein offizieller Verband existiert in der Schweiz nicht. Es gibt aber eine “League of Bike Polo”. “Da kann sich jeder einschreiben”, erklärt Gabor. “Hier in Bern mussten wir einen Verein gründen, um abends das Flutlicht anstellen zu können.” Die Trainings organisieren sie über Facebook. Seit einigen Jahren finden regelmässig Turniere statt. So etwa im vergangenen April in Bümpliz die Schweizer Meisterschaft. Auch Welt- und Europameisterschaften stehen im Turnierkalender. “Insgesamt muss man die Szene aber schon suchen”, weiss Daniel. “Einmal sind wir bis nach Utrecht gefahren, um an einem Turnier teilzunehmen.”

 

“Zum Zuschauen finde ich den Sport langweilig”, sagt Gabor. “Wenn du jemanden ausgedribbelt hast, hast du Zeit um zu schiessen, bis der Gegner eine Kurve gefahren hat”, erklärt Gabor. Das dauert. Tatsächlich ist das Spiel vom Tempo her nicht mit Unihockey zu vergleichen. Zu faszinieren vermag es aber allemal. Der Sport ist vor allem koordinativ hoch anspruchsvoll. “Man muss das Fahrrad, den Ball und seine Mitspieler im Auge behalten”, weiss Gabor, dementsprechend wichtig sei die Kommunikation auf dem Spielfeld. Gerade als Anfänger bereite das Schwierigkeiten.

 

So sind es an diesem Nachmittag auf dem Schulhausareal denn auch eher die jüngeren Spieler, die von Zeit zu Zeit an die Bande fahren, diese kurz mit dem Schläger berühren, das Fahrrad wenden, um sich dann von Neuem ins Getümmel stürzen.