Politik | 16.05.2011

Massnahmen sind teuer, Alternativen auch

An der GV des Berner Stromkonzerns BKW stand die Zukunft des Atomkraftwerks Mühleberg zur Diskussion. Während sich einzelne Kleinaktionäre für einen kurz- oder mittelfristigen Atomausstieg einsetzten, stimmten die Grossaktionäre geschlossen gegen sämtliche Anliegen, die in diese Richtung gingen. Dennoch ist der Weiterbetrieb des Kernkraftwerks Mühleberg keineswegs gesichert.
BKW-VR-Präsident Urs Gasche ist zuweilen "richtig deprimiert" über die teuren Alternativen zur Kernenergie.
Bild: Matthias Strasser Das ENSI hat dem AKW Mühleberg Sicherheitsmängel attestiert. Die BKW als Betreiberin muss nun Vorschläge für Massnahmen erarbeiten. Wikimedia BKW-Aktionär Hans Siedler vertraut auf die Sicherheit der AKWs. Matthias Strasser

“436 AKWs gibt es auf der Welt, 93 davon in Europa.” Abgesehen von Tschernobyl habe deren Betrieb bisher zu keinerlei Unfällen geführt. In Fukushima habe kein AKW-Störfall zum GAU geführt, sondern ein Erdbeben. Zudem sei in der Folge des Unfalls noch kein Mensch den Strahlentod gestorben. Diese und weitere Feststellungen machte Hans Siedler, ein älterer BKW-Aktionär aus Rothenburg im Kanton Luzern, an der ordentlichen Generalversammlung der BKW vom vergangenen Freitag in Bern. Wenngleich seine Aussagen inhaltlich nicht ganz korrekt sind, zeigen sie auf, wie ein Grossteil der älteren BKW-Aktionäre denkt: Grosse Teile der Generation, die von Majak über Tschernobyl bis zum Unglück von Fukushima alle Zwischenfälle der zivil genutzten Atomkraft miterlebt haben, stehen dem Weiterbetrieb des AKW Mühleberg unkritisch gegenüber.

 

Jung und idealistisch

Warum sind es vor allem junge Zeitgenossen, welche Tschernobyl gar nicht mehr miterlebt haben, die sich für einen Atomausstieg einsetzen? Carlo Lehmann, Aktionär aus Belp, glaubt die Antwort zu wissen: “Wenn man jung ist, hat man idealistische Ziele. Sobald man älter wird, sieht man die Zusammenhänge einfach besser. Ich glaube, die Jugend lässt sich zu sehr von den Medien mitreissen. Nun, da ich älter bin, wurden mir die Zusammenhänge klarer. Für mich ist die Atomenergie die mit Abstand Sauberste. In der Endlagerung sehe ich kein Problem”.

 

Ein jüngerer Aktionär stellte hingegen fest, dass laut Statistik schwere Unfälle theoretisch nur alle 10’000 Jahre vorkämen. Er sei zwar noch nicht so alt, wie die meisten Aktionäre im Saal, dennoch habe er schon drei gravierende Unfälle miterleben müssen. Er hat deshalb eine ausserordentliche Generalversammlung beantragt, um über die Stilllegung des AKW Mühleberg “auf spätestens 2011” abzustimmen. Am Freitag wurde das Anliegen abgeschmettert. Urs Gasche, Verwaltungsratspräsident der BKW, gab sich darüber “sehr erleichtert”. Das Vorhaben wäre laut Gasche schwierig umzusetzen gewesen: “Die GV ist nicht zuständig, über den weiteren Betrieb von Mühleberg zu entscheiden”. Zudem verschlinge die Organisation einer GV jedes Mal eine halbe Million Franken.

 

Ungemütliche Fragen

Bemerkenswert war dennoch die grosse Anzahl atomkritischer Kleinaktionäre. Sie erlitten an der GV mit ihren Anliegen zwar Schiffbruch im Minutentakt, wiesen jedoch mahnend auf mögliche Gefahren im Umkreis des AKW Mühleberg hin. Sie sprachen aus, worüber viele Aktionäre wohl lieber geschwiegen hätten.

 

Aber woher die Energie nehmen, wenn nicht aus den umstrittenen Brennstäben? Auch Urs Gasche fragte: “Was für eine Alternative gibt es denn, wenn wir weder mit Gas oder Kohle arbeiten, noch die Staumauern erhöhen dürfen?”. “Richtig deprimierend” sei dies zuweilen. “Wir sind natürlich froh um jedes weitere Jahr, in dem wir Mühleberg am Netz lassen dürfen, weil wir dann Zeit haben, nach Alternativen zu suchen. So müssen wir nicht Strom aus CO2-belasteten Produktionen und ausländischen Kernkraftwerken importieren. Zudem gehen wir davon aus, dass uns das ENSI (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat) nicht gerade in einem oder zwei Jahren das AKW schliessen wird”, so Gasche.

 

Die Möglichkeit der Schliessung von Mühleberg ist aber durchaus vorhanden: Am 6. Mai hat das ENSI am Kraftwerk diverse Sicherheitslücken festgestellt. Die BKW als Betreiberin des AKW Mühleberg hat nun bis August Zeit, um aufzuzeigen, wie sie die Auflagen erfüllen will. Auf die Zukunft des AKW Mühlebergs angesprochen, sagte Gasche, er sei gespannt, zu welchem Preis sich die vom ENSI verfügten Massnahmen umsetzen liessen. Unter Umständen seien diese Massnahmen so teuer, dass sie wirtschaftlich keinen Sinn machten. Dann werde man auf einen Weiterbetrieb des Atomkraftwerks verzichten. Damit würde auch das Campieren der Anti-AKW-Aktivisten vor dem Hauptsitz der BKW (Tink.ch berichtete) obsolet. “In diesem Fall würden wir das Zeltlager abbauen”, bestätigt ein Aktivist von der Mahnwache am Viktoriaplatz.

 

Die Ausnahmen von der Regel

Am Ende der GV fand sich doch noch ein junger Atomkraftbefürworter. Ein Aktionär und Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden will, meinte, es sei das Umfeld, das ihn beeinflusse. Kritiker gäbe es viele, doch kenne er dort, wo er wohne, niemanden, der sich gegen Atomkraftwerke äussern würde. “Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit der Jugendlichen grundsätzlich gegen AKWs ist. Es sind wohl vor allem Jugendliche aus der Stadt. Ich denke auch nicht, dass die AKW-Gegner ‘keine Ahnung’ haben. Vielen fehlt der Bezug zur Realität.” Mühleberg abstellen ginge nicht einfach so, wir bräuchten Strom und der käme nicht einfach aus der Steckdose.

 

Eine ältere Dame hielt dagegen und sagte, der Atomausstieg sei möglich. Stolz präsentierte sie einen stark verblichenen gelben Anstecker auf der Jacke. “Atomkraft? Nein Danke”, ist darauf zu lesen. Der Anstecker stamme noch aus Kaiseraugst, wo 1975 16’000 Demonstranten das Baugelände eines geplanten AKWs besetzten. Das Projekt im aargauischen Kaiseraugst wurde nie verwirklicht.