Gesellschaft | 25.05.2011

Kunst für Ohr und Auge

Text von Linda Bergauer | Bilder von Marius Affolter
Verzückung pur: Am ersten Abend des IHRF verzauberte Hélène Grimaud, die französische Starpianistin gemeinsam mit dem Human Rights Orchestra im KKL das andächtig lauschende Publikum mit ihrer Klangvielfalt. Ein zaghafter Ansatz den Hörgenuss in Worte zu fassen.
Die Pianistin Hélène Grimaud brachte das Publikum zum Staunen.
Bild: Marius Affolter

Musik als Weltsprache und politisches Mittel

Der Erlös des Konzertes, welches von durchgehend ehrenamtlich musizierenden, hochqualifizierten Instrumentalisten aus aller Welt im eleganten Konzertsaal des KKL vorgetragen wurde, gebührt der Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières. Diese will den Betrag in erster Linie auf die Nothilfe in den Krisengebieten Libyen und Côte d’Ivoire verwenden. Damit setzt die musikalische Darbietung ein wichtiges Zeichen im Kampf um die Durchsetzung der Menschenrechte im globalen Kontext. Denn wie es der Dirigent des Orchesters Alessio Allegrino treffend formulierte: “Musik ist grundsätzlich zutiefst politisch.”

 

Wortlose Sprachgewalt

Musik ist nicht nur zutiefst politisch, sondern auch international: Sie ist die einzige Sprache, in welcher die gesamte Weltgemeinschaft einen gemeinsamen Nenner und einen Weg der Verständigung findet. Verständnisbarrieren? – nicht existent im Falle der Klangsprache.

Doch nun zur Darbietung an sich: Wie fasst man ein Phänomen, welches keiner Worte bedarf, in eben diese? Gibt es eine Möglichkeit, die innere Welt, die eigene tiefe Ergriffenheit nach aussen zu tragen und ihr dabei zumindest ansatzweise gerecht zu werden? Wahrscheinlich nicht. Hier jedoch ein Versuch einer Annäherung.

 

Synthese der Sinne

All jenen, die im Gegensatz zur Pianistin Grimaud nicht mit der Gabe der Synästhesie gesegnet sind, verhalf dieser Abend dazu, sich selbst für einmal im Zustand der Synthese zwischen den Sinnen zu wähnen – die Musik sorgte für eine wahre Klangfarbenexplosion. Ob die Darbietung nun mehr Ohren- oder Augenschmaus war, lässt sich daher nur schwer entscheiden. Süsseste Schwingung schien den Saal zu durchtränken, Präzision vereinte sich mit der Hingabe der Mitwirkenden und gab den Funken weiter an das gebannte Publikum. Zudem kam das gesamte Zusammenspiel einem passionierten Tanz gleich: Ein jeder Musiker vereinte sich mit seinem Instrument und folgte den lautlosen Anweisungen der Hände des konzentrierten Dirigenten, Frau Grimauds Finger vollbrachten einen wahren Tanz auf Schwarz-Weiss.

 

Kunst als Selbstzweck

Zu guter Letzt blieb bloss die Frage übrig: Wessen Gesicht spiegelte mehr Euphorie – jenes des Zuschauer oder doch jenes des Instrumentalisten? Nach mehr als zwei Stunden intensiven Hörgenusses bewiesen diese nach wie vor ein unglaubliches Mass an Ausdauer und Energie – die Freude an der Sache war offensichtlich. Die Hochstimmung seitens der Pianistin, des Dirigenten und des gesamten Orchesters offenbarte sich dann auch ganz zum Schluss in der sympathischen Verabschiedung vom Publikum und der gegenseitigen Danksagung.

Im Rückblick kann wohl von einem grossen Erfolg gesprochen werden: Die Klangdarbietung des Human Rights Orchestra und Hélène Grimaud hatte nicht nur Potenzial dazu, Menschen zu verbinden – sie wiederspiegelte in erster Linie auch die Freude am Spiel an sich.