Kultur | 09.05.2011

“In Japan wird sich nicht viel verändern”

Japan, das Land der Tradition - auch heute noch? Eine japanische Austauschstudentin spricht über die japanische Küche, deren Persistenz und die japanische Art mit der Natur, sprich auch mit Naturkatastrophen umzugehen.
Schweizer und Japaner seien vom Typ her eher ruhig, findet Namiko Ohno, die in Bern ein Austauschsemester macht.
Bild: Sophie Hirsig Am "Global Village" bereitete sie die in Europa wohl bekannteste Speise Japans zu: Sushi.

Namiko Ohno kommt aus Kyoto in Japan. Für ihr Sozialanthropologie-Studium ist sie, wie viele japanische Studierende, in eines der politisch und ökonomisch grossen Zentren gezogen, nach Yokohama. In eine grosse Stadt, meist Tokyo oder Yokohama zu ziehen um zu studieren, das sei typisch japanisch, sagt sie. Seit acht Monaten studiert Namiko im Rahmen des Austauschprogrammes Erasmus in einer kleineren Stadt an der vergleichsweise kleinen Universität Bern.

 

Letzten Dienstagmorgen ist Namiko früh aufgestanden, um Sushi vorzubereiten. Den sollte man nämlich möglichst frisch essen. Die unzähligen Reisrollen waren gefüllt mit Thunfisch, Lachs, Gemüse und Ei. Namiko schleppte Berge von Tupperware in den Innenhof der Unitobler und stellte sie zusammen mit selbstgefalteten Origami-Vögeln auf einen Tisch. Am Anlass “Global Village”, an dem Namiko teilnahm, konnten die Besucherinnen und Besucher Sushi und andere internationale Speisen probieren. Die Welt solle zu einem Dorf werden, auf dessen Marktplatz man Köstlichkeiten von verschiedenen Ländern probieren kann, so die Organisatoren des “Global Village” in Bern.

 

Tink.ch: Namiko, ist Sushi dein Leibgericht?

Namiko Ohno: Natürlich mag ich Sushi, aber ich bevorzuge ein traditionelles Menü meiner Mutter. Es besteht aus Gemüse, Ei und Huhn und wird während Stunden gekocht. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich ein grösserer Fan der italienischen Küche als der japanischen.

 

Das Rezeptbuch von Naomie Moriyama trägt den Titel “Japanese Women Don’t Get Old or Fat” und weist auf die gesunde Lebensweise des japanischen Volkes hin. Würdest du diesem Satz zustimmen?

Es ist tatsächlich so, dass wir viele gesunde Speisen haben. Traditionell isst man Miso-Suppe, Reis, Salat oder Fisch zum Frühstück. Allerdings hat sich die Lebensart der Japaner sehr “verwestlicht”, auch in Bezug auf das Essen. Ich frühstücke Cornflakes mit Milch und das machen auch viele andere so.

 

Du bist in der Schweiz um hier zu studieren, was fällt dir an Unterschieden und Gleichheiten der beiden Kulturen auf?

Ich lebe hier seit acht Monaten. Es war mein Traum, im Ausland zu studieren, momentan übe ich mich in Deutsch. Ich mag die Sprache sehr. Die deutsche Sprache ist wie ein Puzzle logisch aufgebaut und schwierig zusammenzusetzen. Dadurch unterscheidet sich die Sprache sehr vom Japanischen, eine in meinen Augen sehr flexible Sprache.

 

Wo siehst du bei Leuten und Lebensarten Parallelen und Unterschiede?

Japan selber und die japanische Lebensart vermisse ich nicht. Die Lebensarten unterscheiden sich kaum. Die Schweizer und die Japaner sind beide vom Typ her eher ruhig, deshalb hatte ich bisher auch keinen Kulturschock, ich fühle mich wohl hier. In Japan geht es sehr lange, bis man mit jemandem wirklich spricht. Hier können die Leute schon von Anfang an miteinander kommunizieren. Bis man in Japan so weit ist, trifft man sich viele Male, spricht jedes Mal ein bisschen mehr. Auch leben viele japanische Studenten alleine in einer Einzimmerwohnung oder haben ein kleines Zimmer gemietet. Dass ich am Abend nach Hause kommen kann und jemand im Studentenhaus zum Reden da ist, geniesse ich sehr. Ausserdem leben im Studentenhaus viele, die ebenfalls aus anderen Ländern kommen, sodass wir uns über unsere Kultur auch auf Alltagsbasis austauschen können. Das bedeutet mir sehr viel und ist auch der Grund, weshalb ich am Global Village teilgenommen habe.

 

Einen weiteren Unterschied sehe ich in der Struktur der Gebäude und im Aufbau von Städten. In Japan baut man nicht mit Sandstein wie in Bern. Häufig sind die traditionellen Häuser aus Holz, da man so schneller Wideraufbauen konnte. Die Insel Japan erlebt viele Naturkatastrophen, so passte man sich früher der Umwelt an. Naturkatastrophen sind nichts Aussergewöhnliches, auch wenn das viele nicht verstehen. Wir Japaner haben gelernt damit umzugehen. Damit meine ich nicht nur, dass Häuser heutzutage mehrheitlich aus Steinen gebaut werden, ich meine auch eine mentale Komponente. Eine Akzeptanz, dass es nun halt mal so ist, dass die Natur uns treffen kann.

 

Als sich am 11. März das Erdbeben in der Region Fukushima (Fukushima liegt 125 km vom Epizentrum entfernt) ereignete, wie war deine Reaktion?

Ich war in meinem Zimmer und sah die Nachrichten im Internet.

 

Ihre Stimme zittert ein bisschen, aber sie spricht ohne Pause weiter.

 

Zuerst stand ich unter Schock, ich verstand nicht, was passiert war. Informationen konnte ich nur übers Internet beziehen. Es irritierte mich, dass sich die Schilderungen in den japanischen Nachrichten sich sehr von anderen Nachrichtenkanälen wie zum Beispiel BBC unterschieden. Ich konnte die Wahrheit nicht rekonstruieren. Die Radioaktivität wurde in den japanischen Nachrichten als nicht “severe” (ernst, Anm. d. Red.) eingestuft, auf BBC sprach man sogar von einer Landflucht der Leute. Jedoch stimmt das nicht. Ich rief natürlich sofort meine Familie an, erreichte sie aber nicht. Am schlimmsten war, dass die japanischen Medien nicht klar ersichtlich machten, welche Regionen betroffen waren – ich war sehr besorgt um meine Familie. Per Email erreichte ich schliesslich meinen Vater. Er meinte, er spüre keine Unruhe oder Veränderung der Lage. Der einzige Unterschied sei in den Lebensmittelläden zu bemerken: Die Leute kauften in Massen ein. Dennoch schaukelten die ausländischen Medien das Ereignis hoch. Natürlich ist die Lage ernst, aber die Leute haben nicht so sehr gelitten, wie geschildert wurde.

 

Woher weisst du das?

Ich hatte eine Vorlesung, hier in Bern. Sie wurde von japanischen Kernkraftexperten gehalten.

 

Was denkst du, wird sich für Japan verändern? Wird es in Bezug auf die japanische Küche Veränderungen geben?

Ich denke dass weltweit sehr viele Leute besorgt sind um Japan. Dafür bin ich dankbar, aber ich möchte auch betonen, dass Japan ein sehr starkes Land ist und ich glaube, dass sich unser Land sehr schnell erholt haben wird. Ich bin sehr stolz auf mein Land, meine Familie und alle Japaner und Japanerinnen, dass sie das durchstehen. Tradition ist sehr wichtig in Japan, deshalb denke ich, es wird sich nicht viel verändern, auch in der Küche nicht.

 

Eine Freundin von Namiko tritt hinzu und fragt begeistert, ob sie den Sushi, den es zu probieren gäbe, schon gesehen habe. Namiko schmunzelt. Sie glaubt nicht, dass sich in Japan viel verändern wird. Sie sagt, dass es darauf ankomme, was man aus der Lage mache. Natur’katastrophe’ – dieses Wort vermittle schon vieles über die Auffassung eines bestimmten Ereignisses. In Japan sind Naturkatastrophen nicht aussergewöhnlich. “Weil es eine Insel ist”, sagt Namiko. Darauf, dass Japan der Natur gegenüber eine solche Zähheit zeigt, ist sie stolz. Durch diese Persistenz werde sich nicht viel ändern, vermutet sie.